VonBoris Forstnerschließen
Seit September hat die Stadt Weilheim einen zusätzlichen Waldkindergarten bei Deutenhausen, von dem aber noch kaum jemand weiß. Bei der Genehmigung gab es zahlreiche Hürden, mit einer Sondererlaubnis hat sich die Gruppe übergangsweise im Wasserschutzgebiet angesiedelt. Ab März soll es ein neues Zuhause geben – doch eine Alternative hat sich wieder zerschlagen.
Weilheim – Idyllisch fügt sich der große, hölzerne Bauwagen in die Landschaft ein. An einer Lichtung im Wald am Rand des Gögerls sind die Kinder an diesem sonnigen Tag gerade beim Mittagessen, dick eingemummelt genießen sie die Pause. Dass es den Kindergarten gibt, weiß allerdings kaum jemand – und an dieser Stelle hätte es ihn, wenn es nach dem Wasserwirtschaftsamt und dem Landratsamt geht, auch nicht geben dürfen (siehe Kasten unten).
Stadt macht regelrecht ein Geheimnis um den neuen Waldkindergarten
Vermutlich ist das der Grund, warum die Stadt regelrecht ein Geheimnis um den neuen Waldkindergarten gemacht hat. Als im Oktober der Verein „Natürlich – Natur begreifen“ in der Hochlandhalle einen Outdoor-Basar zugunsten seiner Waldkindergärten in Oberhausen, Huglfing, Polling und Weilheim-Deutenhausen veranstaltet, folgt die erste Nachfrage der Heimatzeitung bei der Stadt – man könne da noch nicht viel sagen, hieß es. Die nächste Nachfrage erfolgt, als im Waldkindergarten St. Martin gefeiert wird – mit dem selben Ergebnis.
Die Stadt will von Geheimniskrämerei nichts wissen: Sie habe den neuen Kindergarten unter anderem auf der städtischen Homepage aufgenommen und Bürgermeister Markus Loth habe die neue Einrichtung in seiner Jahresabschlussrede erwähnt.
Entscheidung war Sache des Bürgermeisters
Das war tatsächlich das erste öffentliche Wort in einem städtischen Gremium, sonst wurde darüber kein Satz verloren – ungewöhnlich, wenn man sieht, wie andernorts über neue Waldkindergärten diskutiert wird. „Die Entscheidung über diesen Bauantrag liegt im Zuständigkeitsbereich des Bürgermeisters und war daher nicht im Bauausschuss zu behandeln“, schreibt Loth in einer Stellungnahme.
Zahlreiche Anfragen von Eltern in Weilheim
Die Kontaktaufnahme zwischen dem Verein und der Stadt erfolgte Anfang vergangenen Jahres. Wie Anja Vukman, Geschäftsführerin des seit 2015 bestehenden Vereins, sagt, habe man aus Weilheim zahlreiche Anfragen von Eltern bekommen, die ihre Kinder gerne in einem Waldkindergarten betreuen lassen würden. Auch bei der Stadt waren Anfragen eingegangen.
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„Es kann also als Glücksfall gewertet werden, dass ein regionaler Träger mit entsprechender Erfahrung bereit war, in Kooperation mit der Stadt kurzfristig 17 Waldkindergartenplätze zu schaffen“, sagt Loth – man habe damit dringend benötigte zusätzliche Betreuungsplätze anbieten können.
Bei Ortstermin gab es „keine augenscheinlichen Ausschlussgründe“
Am 7. April gab es eine Ortsbegehung am auserkorenen Standort nahe Deutenhausen. „Wir haben immer wieder mögliche Standorte angeschaut und überprüft, denn es spielen viele Faktoren wie Verkehrssicherung, Erreichbarkeit, Rettungswege und Parkplätze eine Rolle“, so Loth. Dabei waren neben mehreren Vertreten von Stadt und Verein auch Kita-Aufsicht und Bauaufsicht des Landratsamts. „Nachdem bei diesem Treffen keine augenscheinlichen Ausschlussgründe gefunden wurden, beauftragte der Verein einen Architekten mit der Planung.“
Problem: Der Waldkindergarten liegt im Wasserschutzgebiet
Laut Vukman ist es nicht einfach, einen Platz für einen Waldkindergarten zu finden, doch der Standort „war optimal für uns“. Dass er im Wasserschutzgebiet liegt, sei auf den Karten, die man zur Verfügung hatte, nicht erkenntlich gewesen. Parallel zur Planung habe man Zusagen für die 17 Plätze vergeben, viele an Familien aus Marnbach und Deutenhausen. „Das lief alles über Mundpropaganda, Werbung brauchen wir nicht“, sagt Vukman.
Nachdem es kurz vor knapp noch mit der bis Ende Februar befristeten Genehmigung geklappt hat, konnte der Betrieb pünktlich im September zuerst im Ausweichstandort in Huglfing starten, ehe im November schließlich der Bauwagen, der zuletzt am Kindergarten Mariae Himmelfahrt stand und dort nicht mehr gebraucht wurde, aufgestellt wurde und der Umzug nach Deutenhausen erfolgte. Damit war der Betrieb über den Winter gesichert.
Fieberhafte Suche nach einem Alternativstandort
Seitdem wurde, auch von den Eltern, fieberhaft nach einem Alternativstandort gesucht – und beim Wieshof von Elisabeth Doll nördlich von Marnbach gefunden. Sie hat sich bereit erklärt, dem Kindergarten in einem Waldstück nördlich des Hofs einen Standort zu gewähren – nach dem Stolperstart sah es nach einem glücklichen Ende aus.
Beschwerden von Nachbarn - obwohl dort niemand wohnt
Der Bauantrag ging am 23. Dezember beim Landratsamt ein und war noch in der Prüfung – doch vergangene Woche folgte der Rückzieher: Es habe massive Beschwerden von Nachbarn gegeben, sagt Stefan Popp, bei der Stadt zuständig für Kinderbetreuung. Zwar wohnt dort niemand, doch gibt es Grundstückbesitzer, die sich offenbar gestört fühlen und Druck auf Familie Doll ausgeübt haben. Der Verein, der wahrlich kein Geld zu verschenken hat, hat damit nicht nur eine vierstellige Planungssumme in den Sand gesetzt. „Wir sind jetzt auch wieder auf der Suche nach einem anderen Standort“, sagt Popp. Damit die Kinder nicht ab März ohne Betreuung dastehen.
Wer ein Grundstück für einen Waldkindergarten hat, kann sich bei der Stadt Weilheim bei Stefan Popp (Telefon 0881/681 1600) oder bei Vereins-Geschäftsführerin Anja Vukman unter der Telefonnummer 0172/6892825 melden.
Standort liegt in Zone 2 des Weilheimer Wasserschutzgebiets
Der neue Weilheimer Waldkindergarten hat einigen Ämtern arge Kopfschmerzen bereitet. Der Bauantrag beim Landratsamt, das letztlich die Genhmigungsbehörde ist, ging laut Pressesprecher Klaus Mergel am 12. Juli vergangenen Jahres ein, bei der Stadt war es der 4. August. „Wir wurden von den Stadtwerken Weilheim informiert, dass das Bauvorhaben in der Schutzzone 2 des Trinkwasserschutzgebiets der Stadt Weilheim liegt“, so Mergel. Es könne bei Waldkindergärten schon einmal vorkommen, dass sich ein Standort erst als geeignet darstellt und es dann im weiteren Verlauf doch begründete Nachteile gebe. Laut Weilheims Bürgermeister Markus Loth müsse eine Lage im Wasserschutzgebiet auch nicht grundsätzlich bedeuten, dass die Genehmigung für einen Waldkindergarten problematisch sei.
Doch in diesem Fall war es so. Das Wasserwirtschaftsamt, das erst Ende August ins Verfahren einbezogen wurde, legte sein Veto ein, das Landratsamt sah es ähnlich. Warum man erst so spät beteiligt worden sei, wisse man nicht, sagt Leonore Meder von der Fachabteilung Grundwasserschutz am Wasserwirtschaftsamt. „Der Weilheimer Trinkwasserbrunnen ist nur 300 Meter vom Kindergarten hangabwärts entfernt“, sagte sie. Plakativ ausgedrückt kann man sagen: Wenn jemand dort in den Wald bieselt, fließt es schnell und ungefiltert ins Grundwasser. Eine Genehmigung schien unmöglich.
Weil man beim Wasserwirtschafts- und Landratsamt die Nöte gesehen hat, dass plötzlich 17 Familien ohne Betreuung für ihre Kinder dastehen, wurde hektisch nach einer Lösung gesucht. „Wir haben die Not gesehen“, sagt Meder. Im gemeinsamen Einvernehmen wurde schließlich am 14. Oktober eine Ausnahmegenehmigung erteilt, die bis 28. Februar befristet ist – unter strengen Auflagen.
So müssen die Ausscheidungen der Kinder aus dem Kompost-Klo täglich von Eltern mit nach Hause genommen werden. Denn nicht einmal eine Mülltonne, die an anderen Waldkindergärten üblich ist, darf im Wasserschutzgebiet aufgestellt werden. Spätestens bis zum 28. Februar muss der Bauwagen verschwunden und das Gelände in den ursprünglichen Zustand zurückgebaut sein, so lange gilt die Ausnahmegenehmigung – und keinen Tag länger.
