FFH-Gebiet

Wegen Verunsicherung und Wut der Waldbauern - Schlagabtausch am Kesselberg

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Erhitzte Gemüter im FFH-Gebiet: Kartierer Gerhard Märkl (re., rotes Hemd), Thomas Eberherr (Mitte, grüne Jacke) und Martin Bachmann (6. v. re., mit Stiefeln) diskutieren mit den Waldbesitzern. Foto: Patrick Staar„Auf diesem Niveau nicht weiterreden“Plan soll 2019 oder 2020 fertig sein
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Bei einer Diskussions-Veranstaltung unter Baumkronen im FFH-Gebiet Kesselberg wird klar: Das Landschaftsschutzgebiet stößt vielen Waldbauern bitter auf.

Kochel am See – Wenn es um FFH-Gebiete geht, dann gehen bei vielen Landwirten und Waldbesitzern die Warnleuchten an. Dies wurde wieder einmal im April bei einer Podiumsdiskussion im Landratsamt deutlich, als es um die Moore bei Königsdorf ging. Noch kontroverser waren die Diskussionen bei der Auftaktveranstaltung im FFH-Gebiet Kesselberg in Urfeld. Erstmals fand solch eine Versammlung unter freiem Himmel statt.

Forstwirte fürchten um weitere Verbote

Die Land- und Forstwirte befürchten, dass sie den geschützten Wald nur noch eingeschränkt nutzen dürfen und dass weitere Verbote auf sie zukommen. Außerdem befürchten sie, dass sie Ärger bekommen, wenn ihnen bei der Bewirtschaftung Fehler unterlaufen. Beispielsweise wenn sie einen besonders schützenswerten Totholz-Biotopbaum abschneiden. Thomas Eberherr, Leiter des Bereichs Natura 2000 an der Regierung von Oberbayern, stellte fest, dass sich durch den Managementplan im Grunde nichts an der Situation ändere: „Biotop-Bäume mit Schwarzspecht- oder Fledermaushöhlen sind schon jetzt nach dem Naturschutzrecht geschützt und dürfen nicht geschlagen werden.“ Komplizierter werde die Genehmigung vor allem bei größeren Eingriffen in die Natur, wie zum Beispiel bei einem Radweg- oder Straßenbau.

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Kartierer durfte kaum einen Satz ohne Zwischenrufe zu Ende sprechen

Nach kurzen einführenden Worten in Urfeld wollte Kartierer Gerhard Märkl die Lebensraumtypen im Bereich zwischen Urfeld und Sachenbach vorstellen, durfte aber kaum einmal einen ganzen Satz ohne Zwischenruf zu Ende sprechen. Einer der Waldbesitzer stellte Märkls Kompetenz in Frage und empfahl ihm, sich erst mal eine Brille zu kaufen. Die Wildbiologin und Gämsen-Schützerin Christine Miller verwickelte Märkl in eine philosophische Diskussion, ob man beim Gebiet zwischen Urfeld und Sachenbach von einem natürlichen Wald sprechen könne, wenn dort vor einigen Jahrzehnten noch Kühe gegrast haben. Miller war mit Märkls Antworten nicht einverstanden: „Auf diesem Niveau müssen wir nicht weiterreden.“ So provoziert, giftete Märkl zurück: „Das ist keine Gaudi-Diskussion.“ Dann griff Martin Bachmann, Leiter des regionalen Kartierungsteams, vermittelnd ein.

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Sarkastischer Waldbesitzer stellt sich gegen Kartierer

Ein weiterer Redner, fügte an, dass es bei dieser Veranstaltung vor allem darum gehe, Waldbesitzer für Natura 2000 zu begeistern. „Und das erzählen Sie mit ruhigem Gewissen?“, entgegnete ein Waldbesitzer mit sarkastischem Unterton.

Eberherr, der vor vielen Jahren für das ZUK Benediktbeuern arbeitete, versuchte, die Gemüter zu beruhigen: „Keiner der Landwirte will ja was Schlechtes tun. Aber wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, hat man Ärger. Den will der Landwirt nicht, und Ärger schadet auch der weiteren Zusammenarbeit.“ Landwirtschaftliche Flächen und der Wald dürften auch weiterhin ordnungsgemäß genutzt werden: „Nur weil die Bäume in einem FFH-Gebiet stehen, heißt das nicht, dass sie ewig stehen bleiben müssen und nicht mehr genutzt werden dürfen.“ Der Wald müsse nur in der bisherigen Qualität erhalten bleiben.

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Waldbauer: „Kann man uns aus Trockenheit einen Strick drehen?“

Etwas gelassener ging es am zweiten Besichtigungsort – einer Wiese bei Sachenbach – weiter. Kartierer Rudolf Necker durfte seine Gebiets-Analyse ungestört vortragen. Einer der Landwirte wollte wissen: „Was passiert, wenn sich eine Fläche verändert, weil sich die Natur verändert? Zum Beispiel bei Trockenheit? Kann man uns daraus einen Strick drehen?“ Die Aussagen in Broschüren zu diesem Thema seien „sehr lapidar“. Eberherr entgegnete: „Verbindliche Aussagen können sie schriftlich von mir haben – kein Problem.“ 

Viel Verunsicherung, viele Fragen

Ein anderer Landwirt wollte wissen, ob es in Zukunft möglich sei, Drainagen in Wiesen zu erneuern. „Drainagen verstopfen nicht von heute auf morgen“, entgegnete Joachim Kaschek von der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt. „Auf intensiv genutztem Grünland spricht nichts dagegen.“ In einem gesetzlich geschützten Biotop sei nicht auszuschließen, dass es Probleme gibt: „Wir würden versuchen, den Landwirt davon zu überzeugen, auf den Umbau zu verzichten.“ Eberherr ergänzte, dass dies zum Beispiel durch einen freiwilligen Vertrag geschehen könne. Ein weiterer Teilnehmer wollte wissen, was passiert, wenn ein Landwirt eine Fläche nicht mehr beweidet hat und der Enkel sie wieder intensiv nutzen will. „Das kann man nicht pauschal sagen“, meinte Eberherr. Wenn es auf der ungenutzten Fläche ein Weiderecht gebe, spreche nichts dagegen. Er schränkte ein: „In einem geschützten Biotop geht das natürlich nicht.“

Weitere Diskussionsrunde geplant

Martin Bachmann vom Amt für Landwirtschaft und Forsten in Ebersberg gab einen Überblick über den weiteren Zeitplan. Der Managementplan werde im nächsten Jahr erstellt und überprüft. Anschließend wird er unter den Behörden abgestimmt und den Gemeinden vorgestellt. Es folge eine Diskussionsrunde: „Da geht es um die Frage, was wir verändern können und welche Ziele wir erreichen müssen.“ Fertig sei der Plan voraussichtlich Ende 2019 oder Anfang 2020.

Patrick Staar

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