VonMagnus Reitingerschließen
Werke zeitgenössischer Künstler anzukaufen, um die Sammlung bis in die Gegenwart fortzuführen, das ist eine wesentliche Aufgabe vieler Museen. Das Weilheimer Stadtmuseum hat jetzt eine Fotoserie aus dem Jahr 2020 erworben, die in vielerlei Hinsicht für die Stadt interessant ist.
Weilheim – Sind diese Bilder schön? Nun ja, „Schönheit“ ist nicht das Ziel der Fotografien, die Susanne Kohler für ihr Projekt „#Baustelle Heimat“ aufgenommen hat. Es sind Ansichten von großen Baumaßnahmen in ihrer Heimatstadt Weilheim, von entstehenden Neubauten, die der Landschaft und dem Erscheinungsbild der Stadt ihren Stempel aufdrücken. Davon gibt es so einige in der Kreisstadt und oft genug einige gleichzeitig – weshalb sich gleich mehrere markante, auf lange Sicht prägende Großbaustellen in dieser Serie finden, obwohl sämtliche Bilder binnen weniger Monate des Jahres 2020 entstanden sind.
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Auch ein markanter Lärmschutzwall ist in der Foto-Auswahl
Die in München aufgewachsene, aber seit langem in Weilheim lebende Künstlerin interessiert an diesen Baustellen nicht in erster Linie die Architektur, nicht das Ergebnis, sondern die Veränderung: das Verschwinden und das Werden, die „Schnittstelle zwischen dem Vertrauten und dem Neuen in der uns umgebenden Landschaft“, wie sie selbst sagt. Die Felder im Süden von Weilheim, wie sie zum Gewerbegebiet Achalaich werden. Die Felder im Norden, auf denen das Berufsschulzentrum mitsamt Großparkplatz wächst. Aber auch der Abriss des BayWa-Turms an der Münchener Straße, der neue Weilheimer Busbahnhof und der Lärmschutzwall am Narbonner Ring zählen zu den Motiven der Edition, die nun das Stadtmuseum Weilheim angekauft hat. Titel: „#Baustelle Heimat – Humus für den Wandel“.
Die Fotografien dokumentieren Stadtgeschichte
Weil sich in den Fotografien „eine Veränderung des Stadtbildes manifestiert“, sei dieser Ankauf „nicht nur aus künstlerischen, sondern auch aus historischen Gesichtspunkten äußerst interessant“, erklärt Museumsleiter Tobias Güthner. Durch die Serie, die 15 Fine Art Prints in Museumsqualität, 33 mal 53 Zentimeter groß, umfasst, werde Stadtentwicklung und damit Stadtgeschichte dokumentiert – und für spätere Zeiten archiviert.
Ein Zeugnis der pandemischen Ausnahmesituation
Dazu kommt ein Aspekt, der nicht absehbar war, als Susanne Kohler dieses Projekt ersann: Die Fotografin geriet damit mitten in die Zeit der Covid-Pandemie. Die Ausstellung, die sie mit Bildern der „Baustelle Heimat“ im März 2021 gestaltete, geriet zur wohl ungewöhnlichsten Schau der Stadtmuseumsgeschichte: Weil der Sonderausstellungsraum im Museum plötzlich Teststation wurde, hatte man sie kurzerhand mittels großen bedruckten Planen an die Außenfassade „verlegt“. Einerseits wirkte die Ausstellung damit in den Stadtraum hinein, zugleich ist sie ob der Corona-Einschränkungen „etwas untergegangen“, wie Kohler resümiert.
Umso mehr freut sich die 1962 geborene Fotografin, die auch einige Jahre dem Kunstforum Weilheim vorstand, dass ihr Projekt „nun noch mal ein bisschen in den Blickpunkt rückt“. Die Edition, zu der auch zwei Texte und eine Dokumentation der Schau im Museum gehören, sei „so zusammengestellt, dass es auch als Ausstellung funktionieren würde“. Dank ihr wird man in einigen Jahrzehnten einen Blick auf ein so nicht mehr existierendes Weilheim werfen können und sich zudem der pandemischen Ausnahmesituation 2020/21 erinnern. Wie gut, dass es ein Stadtmuseum gibt.
