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Wird es in Weilheim ein innovatives Geothermie-Projekt geben? Die Firma Eavor, die dafür derzeit das Gebiet rund um die Stadt erkundet, zeigte sich im Stadtrat jetzt hoffnungsfroh – und beantwortete viele Fragen.
Weilheim – Seit Oktober 2023 hat die in Düsseldorf ansässige Eavor GmbH die bergrechtliche Erlaubnis, im so genannten „Hardtfeld“ – das sich zwischen Ammersee, Starnberger See und Polling erstreckt – nach Erdwärme zu suchen. Nun hat sich die zu einem kanadischen Konzern gehörende Firma erstmals im Weilheimer Stadtrat vorgestellt. Zwei führende Mitarbeiter erläuterten in der Sitzung am Donnerstagabend die neuartige Technologie, nahmen zu Kritikpunkten Stellung – und gaben sich zuversichtlich: „Ich bin sehr optimistisch, dass das auch in Weilheim funktioniert“, sagte der Geologe Dr. Carsten Reinhold, der die Machbarkeitsstudie leitet. Das laufende Eavor-Projekt in Geretsried sei „eine Blaupause“ fürs hiesige Gebiet mit „ähnlichen Bedingungen“. Zudem würden die dort gewonnenen Erfahrungen hier letztlich auch zu günstigeren Preisen führen.
Erprobte Techniken werden „ein wenig anders“ genutzt
In Geretsried realisiert das Unternehmen bereits ein Geothermie-Kraftwerk mit seiner neuartigen Technologie des „Eavor-Loop“ (siehe Kasten unten). Im Unterschied zur klassischen Geothermie werde dabei kein Thermalwasser benötigt. Ähnlich einem unterirdischen Wärmetauscher, zirkuliere stattdessen selbstständig ein Wärmemedium im Tiefengestein. Dafür werde rund 4500 Meter in die Tiefe gebohrt, verrohrt und zementiert, und dann 3000 bis 3500 Meter in der Horizontalen – Letzteres ohne Rohre, sondern mit Gesteinsversiegelung. Die angewandten Techniken seien schon Jahrzehnte in der Öl- und Gasförderung erprobt, erklärte Alexander Owolabi, Leiter der Geschäftsentwicklung bei Eavor, im Stadtrat: „Wir nutzen sie nur ein wenig anders.“
Wärmepreise in Deutschland sind für den Konzern „sehr attraktiv“
Die Anlage in Geretsried, wo vier Loops mit je zwei Bohrungen geplant sind, soll dereinst 65 Megawatt thermische und acht Megawatt elektrische Energie liefern und so 44.000 Tonnen CO2 pro Jahr einsparen. Für insgesamt zehn Gebiete in Deutschland hat Eavor derzeit Aufsuchungs-Lizenzen: drei davon in Bayern, die anderen in Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Mecklenburg-Vorpommern und Hessen. In Deutschland sei „die Geologie so schön“ für die Projekte, antwortete Reinhold auf die Frage, warum der Konzern ausgerechnet hier suche. Zudem seien die Wärmepreise hier höher als anderswo, mithin „sehr attraktiv“. Eavor sei aber auch in anderen Ländern aktiv.
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Stadtratsmitglieder fragen nach kritischen Punkten
Mehrere Stadtratsmitglieder fragten nach Details der Loop-Technologie und auch nach Kritikpunkten daran. Es handle sich um einen geschlossenen Kreislauf, in dem „sehr, sehr langsam Wasser gepumpt“ werde, erläuterte Reinhold. Dafür seien viele Schleifen nötig, ähnlich wie bei einer Fußbodenheizung. Beigefügt werde lediglich ein Mittel auf Wasserglas-Basis zur Verdichtung von Hohlräumen. Das sei „unbedenklich“, betonte der Geologe, und generell „unterliegt so ein Projekt natürlich dem Wasserschutz“. Auch erdbebensicher sei die Technologie. Hauptkritikpunkt seien die hohen Investitionskosten zu Beginn; in der „Gesamtprojektion“ sei das Ganze aber kostenmäßig mit herkömmlichen Projekten vergleichbar.
Auch auf einen offenen Brief, in dem fünf Geowissenschaftler um den Bochumer Professor Horst Rüter große Zweifel an der Realisierbarkeit der Technologie äußerten, ging Reinhold auf Nachfrage ein: Man habe die Kritik „entkräften“ können, und die seit vier Jahren laufende Pilot-Anlage in Kanada bestätige die Modelle von Eavor.
In einem Jahr sollen Ergebnisse der Machbarkeitsstudie vorliegen
Im Raum Weilheim ist man freilich erst ganz am Anfang eines langen Weges mit offenem Ausgang. Bis Ende September 2026 läuft die Erlaubnis zur Aufsuchung von Erdwärme – was den Firmenvertretern zufolge vor allem Arbeit am Schreibtisch, nämlich Auswertung von Daten bedeute. Es sei nur Seismik erlaubt, keine Bohrungen, jede Tätigkeit müsse vom Bergamt genehmigt werden. In etwa einem Jahr hofft man Ergebnisse einer Machbarkeitsstudie präsentieren zu können. Im positiven Fall gehe es dann in Vertragsverhandlungen und die Detailplanung, rund zwei Jahre würde die Genehmigungsphase, ein weiteres Jahr die Bohrungen dauern.
Freie Wähler: Stadt dürfe kein finanzielles Risiko eingehen
In Weilheim würde es rein um Wärmenutzung gehen, so Reinhold. Für eine Zentrale mit Wärmetauscher wäre „ein Gebäude von vielleicht 20 auf 30 Metern“ nötig, Lüfter brauche es nicht. „Und was kann die Stadt tun?“, lautete eine weitere Frage aus dem Stadtrat. Ein Fernwärmenetz aufbauen, antwortete Reinhold, „wir brauchen sichere Abnehmer“. Für den Betrieb eines Geothermie-Kraftwerks könnte eine Projektgesellschaft gegründet werden, etwa mit Beteiligung der Stadtwerke. Aber auch ein Wärmeliefervertrag wäre denkbar.
2. Bürgermeisterin Angelika Flock (CSU) sprach als Sitzungsleiterin von einem „spannenden, sehr hoffnungsvollen Projekt“. Seitens der BfW wandte sich Tillman Wahlefeld an die die Eavor-Vertreter: „Mich würde sehr freuen, wenn Sie erfolgreich sind und wir zu einem guten Preis Wärme bekommen.“ „Ich hoffe, dass das was wird – wir brauchen so was dringend“, sagte Umweltreferent Stefan Emeis (Grüne), während Susann Enders (FW) betonte, dass „kein finanzielles Risiko für die Stadt entstehen“ dürfe.
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Das Unternehmen Eavor
Die Firma Eavor Technologies Inc. wurde 2017 in Calgary/Kanada gegründet, seit 2019 gibt es ein deutsches Tochterunternehmen mit Sitz in Düsseldorf. Laut Eavor-Pressestelle gab es „Kapitalbeteiligungen mehrerer weltweit führender Energieunternehmen, von Investoren, Entwicklern und Risikokapitalfonds“, darunter bp Ventures, Chubu Electric Power und BDC Capital. Zuletzt habe sich die österreichische OMV AG mit 34 Millionen Euro an der Firma beteiligt, „mit dem Ziel einer großflächigen Einführung der Eavor-Loop-Technologie in Europa und darüber hinaus“. Auch japanische Energieunternehmen, der kanadische Staat oder etwa die Firma Microsoft gehörten zu den Gesellschaftern, berichteten Alexander Owolabi (Leiter Geschäftsentwicklung) und Dr. Carsten Reinhold (Leiter Geologie) im Weilheimer Stadtrat. Mehr als 300 Millionen Euro Privatkapital habe das Unternehmen bis dato gesammelt, auf 150 Millionen Euro summierten sich die Fördermittel. So unterstützt die EU den Bau der Anlage in Geretsried mit 91,6 Millionen Euro aus dem Europäischen Innovationsfonds. Loop 1 soll dort heuer noch in Betrieb gehen, die drei weiteren Loops 2026. Für die Firma Eavor, die aktuell gut 100 Mitarbeiter zählt (davon rund 40 in Deutschland), beginnt mit diesem Projekt die Kommerzialisierung der Technologie. Bis dato gibt es nur eine Pilot- und Demonstrationsanlage in Kanada.
