VonMagnus Reitingerschließen
Anwohner sind bestürzt, im Rathaus ist man verwundert – und am meisten trauern wohl die Eigentümer selbst, dass sie eine stadtbildprägende Linde in ihrem Garten an der Münchener Straße heftig stutzen lassen mussten. Doch mit dem geplanten Bürgerheim-Neubau nebenan wäre das Risiko für sie zu groß geworden.
Weilheim – Es ist ein Bauprojekt mit allerlei Vorzügen, das geplante „Mehrgenerationenhaus“ des Weilheimer Bürgerheims zwischen Münchener Straße und Bahnhofgasse: Auf einem geerbten Grundstück hinter der bereits 2017 für betreutes Wohnen umgebauten Villa an der Münchener Straße 21 will das Heim einen Holz-Neubau mit rund 20 Wohnungen – teils für Mitarbeiter, teils für Senioren – errichten. Doch dieses Vorhaben fordert auch seinen Tribut: Eine prächtige, rund 100 Jahre alte Eiche auf dem Baugrund musste vor einem Jahr schon weichen. Die Fällung einer nicht minder stattlichen Trauerbuche auf dem Areal konnte vergangenen Sommer durch den Einsatz zweier Grünen-Stadträte gerade noch verhindert werden.
Für den Baum gab es sogar Umplanungen
Nun wurde im Zusammenhang mit diesem Neubauprojekt auch eine über 20 Meter hohe Linde auf dem nördlichen Nachbargrundstück heftig abgesägt – und das, obwohl für diesen Baum sogar noch Umplanungen seitens der Stadt erfolgten. Etwa ein geplanter Geh- und Radweg zwischen den beiden Grundstücken war im Bebauungsplan so „verschwenkt“ worden, dass die große Linde erhalten bleiben könne.
Geplanter Neubau würde Wurzeln des Baums zu sehr schädigen
Doch die Nachbarin sah nun keine andere Wahl, als die Krone des Baums komplett entfernen zu lassen und den Doppelstamm auf etwa sechs Meter zu kürzen. Laut dem Baumgutachten, das sie erstellen ließ, reicht das Wurzelwerk ihrer Linde bis in die Mitte des Bürgerheim-Baugrundstücks, erklärt Grundeigentümerin Beatrix Aigner. Und die Verdichtung dort, insbesondere der Tiefgaragenbau, würde deren Standfestigkeit aller Voraussicht nach stark gefährden. „Wenn etwas passiert“, so Aigner gegenüber der Heimatzeitung, „müsste ich nachweisen, dass die Bauarbeiten auf dem Nachbargrund die Ursache waren“ – was wohl ein mehr als schwieriges Unterfangen wäre.
Auch zur bereits gefällten Eiche auf dem Areal des künftigen „Mehrgenerationenhauses“ gebe es eine Verbindung. Wird deren Stumpf herausgefräst, schädige das auch Wurzeln der Linde von nebenan. Diese Gemengelage habe zu der „schweren Entscheidung“ geführt, die Linde so stark kappen zu lassen, sagt die Eigentümerin.
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Anwohner haben ihre Bestürzung darüber bereits in Mails an unsere Zeitung formuliert. Unter der Überschrift „Dauerbrenner Baumfällungen in Weilheim“ moniert etwa Ursula Mandel: „In Weilheim gibt es keine Baumschutzverordnung. Der Bund Naturschutz und die Vertreter der Agenda 21 sind leider mit ihrem Antrag 2016 gescheitert. Dabei sollte man in Anbetracht des Klimaschutzes auch an den Schutz unserer natürlichen CO2- Speicher denken. Wie sehr werden wir uns noch beim nächsten heißen Sommer nach Schattenspendern sehnen, die zudem das Zuhause vieler Kleinstlebewesen und Vögel sind.“
„Das ist uns ein ganz wichtiger Baum gewesen“
Traurig sind auch die Grundeigentümer selbst. „Wir haben uns das gut überlegt“, sagt Aigner, man habe die riesige Linde über die Jahre ja auch immer wieder gepflegt und dafür mehrere tausend Euro ausgegeben. „Das ist uns ein ganz wichtiger Baum gewesen, der im Sommer Schatten gespendet, den Vögeln Heimat und unserem Garten besonderen Charakter gegeben hat.“ Doch mit der Bebauung nebenan wäre die Größe der Linde zu gefährlich geworden. So unerfreulich das Ganze sei: „Insgesamt hat sich bestätigt, dass es die richtige Aktion war“, resümiert Aigner. Denn bei der Kürzung habe sich gezeigt, dass die beiden Stämme des Baums bis in 14 Meter Höhe hohl waren. „In fünf bis zehn Jahren hätte die Linde so nicht mehr stehen können“, weiß die Eigentümerin jetzt. Etwas Trost ist ihr zudem, dass der Baum neu austreiben werde.
Anonyme Drohung im Briefkasten
Unerfreulich ist indes auch manche Reaktion auf die abgesägte Linde. „Baummörder verrecke“, steht auf einem anonymen Zettel, den die Aigners in ihrem Briefkasten fanden. „Wirklich bedenklich“ findet die Adressatin solche Auswüchse.
Im Februar wird Bungalow abgerissen
Verwundert über den gestutzten Baum zeigt man sich im Stadtbauamt. Denn man habe in der Planung doch einige Zugeständnisse für diese Linde gemacht, so Bauverwaltungsleiter Manfred Stork auf Tagblatt-Anfrage. Dem weiteren Fortgang des Bürgerheimprojekts tue das freilich keinen Abbruch. Für Februar sei geplant, den alten Bungalow auf dem Baugrundstück abzureißen. Mitte des Jahres soll nach Storks Informationen Baubeginn für das „Mehrgenerationenhaus“ sein.

