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Die UNESCO würdigt ein Jahrhunderte altes Handwerk – die Freude in der internationalen Flößerstadt Wolfratshausen ist „riesig“.
Bad Tölz-Wolfratshausen – Die Flößerei wird in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen. Diese Entscheidung fällte ein Fachausschuss der Weltkulturorganisation, dem 24 Vertragsstaaten angehören. Das Gremium tagt wie berichtet derzeit in der marokkanischen Hauptstadt Rabat. Die UNESCO würdigt damit die Tradition der Flößerei in sechs EU-Ländern, die seit dem Mittelalter in Europa lebendig sei, so ein Sprecher der UNESCO-Kommission am Donnerstag. Die Aufnahme ins immaterielle Kulturerbe beantragt hatten Deutschland, Lettland, Österreich, Polen, Spanien und Tschechien.
UNESCO trifft Entscheidung zu Flößerei - Bayerns Heimatminister Füracker gratuliert
Seine Blütezeit hatte das Handwerk zwischen dem Mittelalter und der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In der Flößerei, dem Transport von Holz auf dem Wasser, spiegle sich die Wirtschaftsgeschichte des europäischen Kontinents wider, so die UNESCO. Ohne die Versorgung mit Floßholz wäre die Entwicklung vieler Städte undenkbar gewesen. In Deutschland existierte bis in die 1980er-Jahre die gewerbliche Flößerei. Die Tradition lebt bis heute in Form von feucht-fröhlichen Passagierfahrten fort – vor allem im Landkreis: In Wolfratshausen sind seit Generationen die zwei Flößereibetriebe Franz Seitner und Josef Seitner beheimatet, der Dritte im Bunde ist der Betrieb von Michael Angermeier im Wackersberger Ortsteil Arzbach.
Arzbacher Flößermeister Angermeier: „Weiterer Ritterschlag für unser Handwerk“
„Mich hat ein Bekannter vom Holzhackerverein angerufen, um mir zu gratulieren, bis dahin wusste ich noch gar nicht, dass wir es geschafft haben“, sagt Flößermeister Michael Angermeier voller Freude im Telefongespräch mit unserer Zeitung. Komplett überrascht sei er von der Nachricht aber nicht, denn: „Auf dem letzten Flößertag in München hieß es von einigen Seiten bereits, dass die Zeichen für die Annahme des Antrags nicht schlecht stehen würden“, verrät Angermeier. „Schon die Aufnahme der Flößerei zum Kulturerbe in Bayern war eine immense Bestätigung und nun sind wir sogar immaterielles Kulturerbe der Menschheit bei der UNESCO – das ist schon ein Wahnsinn“, sagt der 71-Jährige, der seit 53 Jahren jede Saison seine Floße auf der Isar fährt. Er sehe es als positives Zeichen, dass das traditionelle Handwerk in den Vordergrund rückt. „Die Flößerei ist eben nicht nur eine lustige Party auf der Isar, wie es manch’ einer vielleicht sehen mag“, unterstreicht der Arzbacher. „Die Aufnahme in die UNESCO-Liste ist ein weiterer Ritterschlag für unser Handwerk und verleiht der Flößerei öffentlich nochmal einen anderen Stellenwert.“
Auch Mathias Mederle, Ehrenvorstand des Lenggrieser Holzhacker- und Flößervereins, freut sich über die Nachricht aus Marokko. Lange habe man sich mit den bürokratischen Hürden der Antragstellung herumgeschlagen. „Jetzt hat es endlich geklappt“, schreibt er in einer Mail.
„Teamwork“, die Zusammenarbeit spielte und spielt bei der Flößerei eine wichtige Rolle, stellt die Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Katja Keul, in einem Gespräch mit der Deutschen Presseagentur fest. Insofern sei die Würdigung „auch eine Auszeichnung der europäischen Zusammenarbeit“. Nach Angaben der Deutschen Flößerei-Vereinigung findet das alte Handwerk wieder zunehmend Verbreitung. Es sei vor allem für junge Menschen interessant, „die dadurch einen erlebbaren Zugang zur Geschichte und Bedeutung des Holztransportes und des Holzhandels erhalten“, so der Vorsitzende der Deutschen Flößerei-Vereinigung, Martin Spreng.
Allen Flößern in Bayern gratuliere ich herzlich zu dieser Ehrung – durch Ihr Engagement und Ihre Weitergabe von Wissen und Können an die nächste Generation bleibt diese Tradition auch für die Zukunft lebendig!
„Die Aufnahme der Flößerei in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes ist höchst erfreulich“: Mit diesen Worten reagiert Bayerns Finanz- und Heimatminister Albert Füracker auf die Entscheidung im fernen Marokko. „Es ist auch ein Zeichen der besonderen Wertschätzung für die kulturelle Ausdrucksform der Floßfahrten in Bayern.“ Der Staatsminister erinnert daran, „dass die Passagierfloßfahrten auf Isar und Loisach vom Oberland nach München bereits seit 2020 im bayerischen Landesverzeichnis des immateriellen Kulturerbes eingetragen sind – nun sind sie auch international anerkannt.“ Füracker: „Allen Flößern in Bayern gratuliere ich herzlich zu dieser Ehrung – durch Ihr Engagement und Ihre Weitergabe von Wissen und Können an die nächste Generation bleibt diese Tradition auch für die die Zukunft lebendig!“
Bürgermeister: Freude im Wolfratshauser Rathaus ist „riesig“
Auch im Wolfratshauser Rathaus ist die Freude über die Nachricht aus Rabat „riesig“, so Bürgermeister Klaus Heilinglechner. Nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass der internationale Flößertag 2023 vom 18. bis 21. Mai in der Loisachstadt stattfindet. „Das gibt diesem Ereignis nächstes Jahr in Wolfratshausen noch einmal eine ganz besondere Bedeutung“, urteilt der Rathauschef. Wolfratshausen trägt seit 2010 den Titel „internationale Flößerstadt“ und ist Mitglied des Wolfratshauser Vereins Flößerstraße. Der Höhepunkt der Flößertage 2023, zu dem gut 100 Gäste erwartet werden, bildet am 20. Mai die eindrucksvolle Johanni-Floßprozession auf der Loisach.
Flößerstraßenverein ist „stolz und überglücklich“
„Es ist einfach großartig! Wir als Flößerstraßenverein und Mitglied der internationalen Flößer-Gemeinschaft IATR sind stolz und überglücklich“, sagt Vereinsvorsitzende Gabriele Rüth auf Nachfrage unserer Zeitung. „Unser Dank gilt besonders Dr. Frank Thiel, Präsident der internationalen Flößereivereinigung. Er hat mit seinem grandiosen Engagement die Bewerbung bis zum jetzigen Erfolg gebracht.“ Rüth ist wie berichtet seit Kurzem auch Schriftführerin bei der Deutschen Flößervereinigung – ein zweiter Wolfratshauser, Alfred Fraas, gehört dem Gremium sei der jüngsten Vorstandswahl als Kassier an.
Die Entscheidung der UNESCO „ist ein motivierender Moment für uns Flößerstraße-Mitglieder, die wir uns der Erforschung, Bewahrung und kulturellen Pflege dieses Handwerks mit Leidenschaft widmen“, so Rüth. „Die Freude ist riesen-riesengroß!“ (cce)
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