VonVeronika Ahn-Tauchnitzschließen
Das Thema Wohnen bewegt die Menschen. Umso wichtiger ist es, dass sich die Gemeinden und Städte Gedanken darüber machen, wie sie sich entwickeln wollen - ohne die eigene Identität zu verlieren.
Bad Tölz-Wolfratshausen – Sitzungen des regionalen Planungsausschusses sind nicht vergnügungssteuerpflichtig. Dabei sind die Themen wichtig, schließlich legt der Regionalplan in den Grundzügen fest, wo und wie sich die Landkreise Bad Tölz-Wolfratshausen, Miesbach, Garmisch-Partenkirchen und Weilheim-Schongau entwickeln sollen. Seit Längerem werden die einzelnen Kapitel des Plans fortgeschrieben. Über jedes gab es ausdauernde Diskussionen, weil die Mitglieder des Ausschusses – zumeist Bürgermeister und Landräte – einerseits die Region im Auge haben müssen, andererseits aber auch ihre eigene Kommune nicht benachteiligt sehen wollen. Dieser Spagat ist schwierig. Deshalb wurde auch am Donnerstag ausführlich über den Inhalt des Kapitels Siedlungsentwicklung gerungen.
Wohngebiete brauchen eine gute öffentliche Verkehrsanbindung
„Wir haben noch keinen konkreten Entwurf, nur Eckpunkte, die wir diskutieren wollen“, hatte Regionsbeauftragter Matthias Schuh von der Regierung von Oberbayern eingangs erklärt. Über allem steht bei der künftigen Siedlungsentwicklung als Ziel, eine Region der kurzen Wege zu schaffen. Das bedeutet unter anderem, dass neue Wohngebiete, aber auch Gewerbegebiete eher dort entstehen sollen, wo es eine gute Anbindung an den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) beziehungsweise an die Schiene gibt. Baulücken im Innenbereich sollen vorrangig geschlossen werden, was aber nicht bedeute, dass jede Freifläche zubetoniert werden soll, verdeutlichte Schuh. Im Mittelpunkt stehe das Gebot der Flächeneffizienz. Das bedeutet beispielsweise mehr Tiefgaragen, weniger Versiegelung durch oberirdische Stellplätze; mehr Geschosswohnungsbau, weniger Einfamilienhäuser.
„Das kommt jetzt so lapidar daher“, sagte Landrat und Verbandsvorsitzender Josef Niedermaier. Aber größere Bauvorhaben in Dörfern würden immer wieder auf massive Widerstände stoßen. Dabei müsse man mit der Diskussion über das Thema Flächensparen irgendwann beginnen. „Und wenn wir das so in den Regionalplan schreiben, dann muss das von uns auch so gelebt werden. Dann müssen Bauformen über- und neu gedacht werden.“ Dabei gehe es aber immer um eine angemessene Entwicklung, ergänzte Schuh. „Wir wollen keine Hochhäuser am Tegernsee. Aber ein gewisser Aufschlag bei der Dichte der Bebauung wäre sinnvoll.“
Das klassische Einheimischenmodell „ist aus der zeit gefallen“
Dann müssten aber auch die Landratsämter ihre Vorgehensweise überarbeiten, merkte der Miesbacher Kreisrat Georg von Preysing an. So seien Quergiebel verpönt. Unzählige Bauherrn seien so daran gehindert worden, zusätzlichen Wohnraum zu schaffen. „Die kommen sich alle verarscht vor, wenn das jetzt auf einmal geht.“ Markus Hörmann, Bürgermeister von Seehausen, sah in dem Wunsch nach mehr Geschosswohnungsbau „das Ende des klassischen Einheimischenmodells“. Niedermaier gab ihm Recht. „Ein Einheimischenmodell mit 20 Einfamilienhäusern ist aus der Zeit gefallen.“
Noch schwieriger wurden die Debatten, als Regierungsvertreter Thomas Bläser aufzeigte, wo Siedlungsentwicklung sinnvoll ist. „Herausragende ÖPNV-Anbindung“ oder eine bestehende Grundversorgung seien wichtige Kriterien. „Es darf aber nicht so kommen, dass für kleinere Orte oder Ortsteile keine Entwicklung mehr möglich ist“, sagte der Lenggrieser Bürgermeister Werner Weindl. Überhaupt dürfe man nicht alles von einer guten Anbindung an die Bahn abhängig machen, meinte die Dietramszeller Rathauschefin Leni Gröbmaier. „Dadurch hängt man Regionen ab.“
Was ist angemessen? Kann sich ein 4000-Mitarbeiter-Betrieb in Kochel ansiedeln?
Der Begriff der „angemessenen Entwicklung“, der immer wieder fiel, brachte Kochels Bürgermeister Thomas Holz in Rage. „Wer entscheidet, was angemessen ist?“ Wenn sich ein 4000-Mitarbeiter-Betrieb in Kochel ansiedeln wolle, könne die Regierung dann sagen: „Das ist nicht angemessen, der Betrieb soll lieber nach Tölz“, wollte Holz wissen. Genau so höre sich das nämlich im Moment an. „Das ist ein Eingriff in die Planungshoheit der Gemeinden.“ Sein Mittenwalder Amtskollege Adolf Hornsteiner sah ebenfalls die Entwicklungsmöglichkeiten von strukturschwächeren Kommunen gefährdet. „Am besten machen wir gleich einen Zaun um uns rum und werden Reservat.“
Wolfgang Rzehak beschwichtigte. Natürlich brauche jede Gemeinde eine Entwicklungsmöglichkeit, „aber eine vernünftige“, sagte der Miesbacher Landrat. Und zu der gehöre auch, dass „ein 400-Einwohner-Weiler keinen Betrieb mit 4000 Mitarbeitern braucht“ – mitsamt dem dazugehörigen Verkehr. „Schließlich wollen wir unser Oberland erhalten, nicht zerstören.“ Dabei dürfe man allerdings das große Ganze nicht aus den Augen verlieren, sagte der Otterfinger Bürgermeister Jakob Eglseder. Im benachbarten Holzkirchen siedle sich gerade ein Betrieb mit 600 Arbeitsplätzen an. „Aber die Leute kommen zu uns und fragen nach Wohnraum.“
Nach drei Stunden bedankte sich Niedermaier dann „für die lebendige Diskussion“. Aus den Eckpunkten und Anregungen wird nun ein Vorentwurf für die Fortschreibung des Kapitels Siedlungswesen erarbeitet und erneut zur Debatte gestellt.
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