Gäste sparen

Gastronomie in der Krise: Betriebe im Kreis Fulda fordern Senkung der Mehrwertsteuer

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Seit knapp einem Jahr gilt wieder der höhere Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent auf Speisen in der Gastronomie. Das hat viele Betriebe auch in der Region unter Druck gesetzt. Der Ruf nach einer Senkung der Steuer wird lauter.

Region - „Eineinhalb Jahre lang galt der verminderte Steuersatz von 7 Prozent, um die starken Umsatzeinbußen während der Corona-Pandemie abzumildern und den Betrieben Luft zu verschaffen“, erinnert Andreas Jahn, Vorsitzender des Dehoga-Kreisverbands Fulda und Chef des Landgasthofs Zum Stern in Poppenhausen. Mit Rückkehr zum vollen Satz Anfang dieses Jahres seien diese Spielräume verschwunden. „Dabei wäre das der richtige Zeitpunkt gewesen, die Mehrwertsteuer dauerhaft zu senken.“

Ruf von Gastronomen nach Mehrwertsteuer-Senkung wird lauter

Denn die Erhöhung hatte Konsequenzen – für Gaststätten, für Mitarbeitende und für die Kunden. Gastronomiebetriebe mussten ihre Preise erhöhen, um zu überleben und um die höheren Kosten für Energie, Personal und mehr auszugleichen. „Damit stieg zwar unser Bruttoumsatz“, erklärt Jahn. „Aber mit Blick auf den Reingewinn befinden wir uns immer noch unter dem Niveau von vor 2019.“

Denn zwar kehren die Gäste weiterhin in Gasthöfe und dergleichen ein – „und es kommen auch nicht wenige“. Aber sie schauen genauer hin, was sie essen: Auf dem Teller landet dann eben doch das Schnitzel statt des doppelt so teuren Hirschbratens in Rotweinsoße. Und aufs Dessert verzichtet der Gast auch eher mal als früher. Aktuell hat Jahn keine Kenntnis darüber, ob in der Region Betriebe davorstehen, wegen der schwierigen Situation, schließen zu müssen. „Aber die Existenznachfolge wird so noch schwieriger: Wenn junge Leute sehen, was unter’m Strich rauskommt, lassen sie es vielleicht.“

Daher schließt sich Jahn den Forderungen der Branche an die künftige Bundesregierung an, die deutschlandweit gerade wieder lauter werden: Der Mehrwertsteuersatz müsse wieder gesenkt werden, sagt der Poppenhausener. Dafür setzte sich der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband ohnehin schon seit über 20 Jahren ein, sagt der Fuldaer Kreisvorsitzende. Dabei gehe es weniger um Steuergeschenke als um Steuergerechtigkeit. Mehr als 20 weitere Länder in Europa hätten längst einen geringeren Mehrwertsteuersatz auf Speisen. Zum anderen fällt auf Lebensmittel in Lebensmittelläden nur 7 Prozent an. „Nur wenn wir die Lebensmittel verarbeiten, sind es 19 Prozent. Aber das gilt nicht bei Außer-Haus-Lieferungen: Imbisse zahlen nur 7 Prozent.“ Das sei ungerecht, findet Jahn.

Mehrwertsteuer

Für Speisen in Restaurants oder Cafés war der Mehrwertsteuersatz in der Corona-Pandemie zur Entlastung der Branche vorübergehend von 19 auf 7 Prozent gesenkt worden. Diese Ausnahmeregelung wurde wegen der Energiekrise mehrmals verlängert, zuletzt bis Ende 2023. Bei Getränken war es bei den 19 Prozent geblieben. Mit der Wiedereinführung des regulären Mehrwertsteuersatzes von 19 Prozent für Speisen in der Gastronomie seit dem 1. Januar 2024 sind die Kosten für die Kunden gestiegen. Andere Betriebe machten Abstriche beim Personal.

Laut Statistischem Bundesamt verteuerten sich die Preise für Hauptspeisen im Vergleich zum Jahr 2020 um 30,7 Prozent. Der Umsatz lag im September 2024 um 7,8 Prozent niedriger als im Vorjahr und um 17,5 Prozent niedriger als im September 2019

Das sehen auch seine Kollegen und Kolleginnen in der Branche so. „Wir brauchen einen einheitlichen Steuersatz“, sagt Andreas Rau vom Fuldaer Haus, der auch Vorsitzender des Rhöner Charme ist. Das sei momentan viel zu kompliziert. „Man könnte sich ja auf zehn, elf oder zwölf Prozent einigen“, schlägt er vor. Auch das Rhöner Restaurant spürt die Auswirkungen der Rückkehr zum höheren Satz deutlich, sagt Rau. „Wir mussten das an unsere Gäste weitergeben“, bedauert er. Jetzt kämen weniger Gäste. Hinzu kommen höhere Energiezahlungen, „auch die Personalkosten sind drastisch gestiegen, weil kaum mehr Personal zu bekommen ist“.

Gastronomin Carolin Zuspann berichtet von „Steuer-Wirrwarr“

Carolin Zuspann vom gleichnamigen Hünfelder Familienunternehmen, das aktuell auch am Fuldaer Weihnachtsmarkt einen Stand betreibt, macht den Steuer-Wirrwarr anschaulich: „Wenn wir hier eine Bratwurst verkaufen, wo wir weder Tisch noch Stühle noch Licht bereitstellen, müssen wir nur 7 Prozent abführen. Im Restaurant aber, wo wir hohe Ausgaben für Räume, Licht, Wärme und mehr haben, müssen wir 19 Prozent abdrücken.“ Das sei nicht nachvollziehbar.

„Das Schnitzel läuft immer. Aber bei Gerichten, die mehr als 20 Euro kosten, wird es schwieriger“, berichtet ein osthessischer Gastronom. (Symbolbild)

Die höheren Kosten müssten irgendwie wieder ausgeglichen werden: „Viele Betriebe sparen dann bei den Löhnen. Was bleibt ihnen anderes übrig?“ Als die Bundesregierung vor einem Jahr den ermäßigten Steuersatz wieder eingestrichen hatte, habe Zuspann das zwar nicht unbedingt am einzelnen Gast gemerkt: „Aber bei Familienfeiern wie Hochzeiten und Geburtstagen, wo schnell hohe Beträge zusammenkommen, macht sich ein Unterschied von zwölf Prozentpunkten schnell bemerkbar.“ Da hätten viele Interessenten gezögert.

Das Schnitzel läuft immer. Aber bei Gerichten, die mehr als 20 Euro kosten, wird es schwieriger.

Martin Reith, Landgasthof Reith

Auch Martin Reith vom Künzeller Landgasthof Reith stellt dies fest: „Das Schnitzel läuft immer. Aber bei Gerichten, die mehr als 20 Euro kosten, wird es schwieriger“, erklärt er. Da seien viele Gäste zurückhaltender als früher. Auch er ärgert sich, dass Imbisse, die ihre Gerichte liefern und weder für Tischdecke noch Besteck und Geschirr sorgen müssen, weniger Mehrwertsteuer zahlen. Daher schließt auch er sich der Forderung an den Bund an, die Gastronomie zu unterstützen. „Dafür haben wir schon vor der Pandemie gekämpft“, macht er deutlich.

Ob die Forderungen, die von Gastronomen aktuell deutschlandweit wieder lautstark erhoben werden, umgesetzt werden? Immerhin scheint die Mehrwertsteuer auf Speisen zu einem Wahlkampf-Thema zu werden: CDU-Kanzlerkandidat Friedrich Merz hat sich jüngst beim Dehoga-Branchentag für eine reduzierte Mehrwertsteuer in der Gastro-Branche ausgesprochen.

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Rubriklistenbild: © Christian Bruna/dpa

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