VonGeorg Leppertschließen
Der Artikel der britischen „Sun“ sorgt in Frankfurt für Wut. Die Frage ist aber auch, welche Folgen die EM 2024 für das Bahnhofsviertel haben könnte.
Frankfurt – Irgendwann reichte es Nazim Alemdar. Der extrem engagierte Vorsitzende des Gewerbevereins Treffpunkt Bahnhofsviertel schnappte sich das Mikro und rief in durchaus beachtlicher Lautstärke: „Das Bahnhofsviertel ist kein Zombieland.“ Und die Politiker:innen und Gewerbetreibenden, die am Dienstag zu dem von Ordnungdezernentin Annette Rinn (FDP) initiierten Dialogforum gekommen waren, klatschten laut.
Alemdar spielte auf einen Artikel an, der in einer Zeitung erschienen war, die normalerweise im Römer keine Rolle spielt. Vor einer Woche hatte die britische „Sun“, ein Boulevardblatt der besonders boulevardesken Sorte, einen Artikel über das Bahnhofsviertel veröffentlicht. Von „Zombieland“ war darin die Rede, von 5000 Drogensüchtigen und 300 Dealern auf engstem Raum, von Schießereien am helllichten Tag und von einer (so nicht vorhandenen) Statistik, wonach die Hälfte aller Straftaten im Bahnhofsviertel geschehe. Und in diesem Viertel, „Germany’s biggest Slum“, sollten nach Empfehlung der Uefa bei der Fußball-Europameisterschaft englische Fans absteigen, prangerte die „Sun“ an.
„Sun“ hatte Zitate wohl von Müllsheriff Peter Postleb
Der Artikel hat die Verantwortlichen im Frankfurter Römer einigermaßen ratlos zurückgelassen. Nicht zuletzt stellte sich die Frage, wie das Boulevardblatt eigentlich an seine Informationen gekommen war. Zitiert werden nicht etwa Rinn oder Oberbürgermeister Mike Josef (SPD). Dafür kommen Menschen zu Wort, die seit Jahren in Frankfurt nicht mehr in der Verantwortung stehen und durch einen Hang zum Populismus auffielen. Etwa Peter Postleb, der sich stets in der Rolle als „Müll-Sheriff“ gefiel.
Die Frage, wie sich die Fußball-EM aufs Bahnhofsviertel auswirkt, stellt sich aber durchaus. Allerdings geht es dabei nicht so sehr um die Sorgen englischer Fans, sondern um eine mögliche Verdrängung von Abhängigen und Dealern in andere Stadtteile.
Fans bringen Unruhe ins Bahnhofsviertel
Zumindest bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, aber auch vor Eintracht-Spielen im Europapokal zeigte sich nämlich, dass viele auswärtige Fans das Bahnhofsviertel nicht meiden, sondern geradezu suchen. Das betrifft insbesondere die Gegend rund um den Pub O’Reilly’s am Ende der Münchener Straße.
Während der WM 2006 standen an mehreren Abenden einige Hundert englische Fans vor der Bar. Rund um das in Frankfurt ausgetragene Spiel der Engländer gegen Dänemark (20. Juni) dürften es kaum weniger werden. Einige Menschen aus der Drogenhilfe befürchten, dass die Fans im ganzen Viertel feiern werden – vor allem, wenn es rund ums „Reilly’s“ zu voll wird. Dann dürften die Fans auch ganz andere Treffpunkte belagern. Und mit ihnen kommen die Polizei und womöglich auch verfeindete Fangruppen. 2006 etwa trieben sich nachts auch deutsche Hooligans im Viertel herum.
Das alles könnte massive Unruhe ins Viertel bringen – was wiederum dazu führen dürfte, dass sich die Szene der Abhängigen und der Dealer zumindest für einige Tage verlagert. Mit welchen Folgen weiß derzeit niemand genau. Und auch der Artikel in der „Sun“ liefert darauf keine Antwort.
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