VonEmily Spanelschließen
Ben Tuchtfeld aus Eschwege hat ein Programm entwickelt, bei dem künstliche Intelligenzen miteinander kommunizieren. Mit „LingAI“ hat der 17-Jährige bei „Jugend forscht“ gesiegt.
Eschwege – Dort, wo manch einer bloß fassungslos auf den Bildschirm starrt, wird Ben Tuchtfelds Neugier erst geweckt. Der 17-jährige Eschweger ist ein Überflieger in der Informatik – obwohl er sich selbst wohl nie so bezeichnen würde. Der Schüler der elften Klasse des Oberstufengymnasiums entspricht mit seinem feinen Humor und den vielseitigen Interessen überhaupt nicht dem Klischee eines Computernerds.
Und wohl auch, weil es ihm auf einmalige Weise gelungen ist, ganz alltägliche Problemstellungen mit dem Thema, das dieser Tage Konjunktur hat – die künstliche Intelligenz (KI) – zu verweben, ist er nun ausgezeichnet worden: Ben Tuchtfeld hat nicht nur den ersten Preis im Wettbewerb „Jugend forscht“ in der Kategorie Mathematik/Informatik gewonnen, sondern ist darüber hinaus auch noch mit dem Innovationspreis des Kasseler Unternehmens SMA ausgezeichnet worden – als einziger aller 21 Teilnehmer. „Ben ist ganz einfach ein Ausnahmetalent“, lobt sein ehemaliger Lehrer Lorenz Schöggl, in dessen Informatik-AG an der Friedrich-Wilhelm-Schule (FWS) die Ursprungsidee zu „LingAI“ wuchs, gedieh und sich schließlich zu einem Projekt formte, das sogar Fachleute staunen lässt.
Bis vor gut einem Jahr war die künstliche Intelligenz tatsächlich eher ein Thema für Fachleute. Und dann kam Chat-GPT, das Programm, das auf Befehl Aufsätze schreiben, Präsentationen erstellen oder Rezepte kreieren kann. „Ich war sofort fasziniert“, sagt Ben Tuchtfeld. Mithilfe der Programmiersprache Python, die unter anderem in Lorenz Schöggls Nachmittags-AG an der FWS gelehrt wird, gelang es ihm, die Grundlagen für eine dialogfähige künstliche Intelligenz zu erstellen. Seine Forschungsfrage: „Wie kann man auf Basis menschlicher Kommunikation mit seinem PC in Interaktion treten?“ entsprang ganz lebenspraktischen Grundlagen. „Ich habe meinen Großeltern in technischen Fragen immer ausgeholfen“, schmunzelt der 17-Jährige. „Also habe ich mich gefragt, wie sich Abläufe lokal am eigenen PC vereinfachen und auch automatisieren lassen.“
Hinter seinem Programm „LingAI“ („Ling“ steht im Chinesischen – diese Sprache erlernt Ben Tuchtfeld gerade –für Effizienz und Produktivität, und „AI“ für artificial intelligence, also künstliche Intelligenz) stecken Komplexität, Logik und ein enormes Wissen. Vereinfacht ausgedrückt hat es der Eschweger geschafft, mehrere KIs, die jeweils verschiedene Aufgaben übernehmen, miteinander in den Dialog zu bringen. Dabei sind sie den drei „Sinnen“ Sehen, Hören und Texten zugeordnet. „Die KIs interpretieren eigenständig die per Bild, Ton oder Text eingegebene Ansprache des Nutzers“, erklärt Ben Tuchtfeld – daraufhin entscheidet die künstliche Intelligenz selbstständig, ob eine bestimmte Aufgabe auszuführen ist. Beispielsweise reicht dann im Alltag ein bloßes Zuwinken des PCs, um eine bestimmte Internetseite zu öffnen.
Genau wie sich das Themenfeld „künstliche Intelligenz“ quasi im Minutentakt erweitert, so hat auch Ben Tuchtfelds „LingAI“ Potenzial für enorme Entwicklungen. „Ich habe jedenfalls noch tausend Ideen“, lacht Ben Tuchtfeld. Dank der FWS mit einem Hochleistungsrechner ausgestattet, wird er nun am Landesentscheid von „Jugend forscht“ in Darmstadt teilnehmen. Und er weiß: Die künstliche Intelligenz nimmt einem das Denken nicht ab – aber sie kann stilles Grübeln in einen dialogischen Prozess verwandeln. (Emily Hartmann)
