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Im Eschweger Rathaus hat eine Gesprächsrunde zum Thema Antisemitismus stattgefunden. Organisiert hatten sie die Freundinnen und Freunde jüdischen Lebens im Werra-Meißner-Kreis.
Eschwege – 1341 wurde in Eschwege zum ersten Mal die Existenz einer jüdischen Gemeinde erwähnt – und worum ging es in der Nachricht? Um einen Pogrom. „Alter Hass in neuen Kleidern?“ – darüber wollte der Verein der „Freundinnen und Freunde jüdischen Lebens im Werra-Meißner-Kreis“ im Rathaussaal in Eschwege reden und hatte einen prominenten Gesprächsteilnehmer eingeladen: den Bundestagsabgeordneten Michael Roth (SPD), der 2020/21 auch der International Holocaust Remembrance Alliance (Ihra) vorsaß.
Allerdings sollte es in der Gesprächsrunde, an der sich auch die Schülerin des Oberstufengymnasiums Fiona Schott sowie die Historikerin Ann-Kathrin Mogge beteiligten, nicht um die Vergangenheit gehen. „Uns macht die gegenwärtige Entwicklung Sorge“, sagte der Vereinsvorsitzende Dr. Martin Arnold und meinte das Aufblühen des Antisemitismus. „Wir wollen etwas dagegensetzen.“
Michael Roth betonte, wie dankbar er sei, dass der Verein überhaupt das Gespräch suche – in seinem Wahlkreis seien die Freundinnen und Freunde die einzige Initiative. „Sie zeigen, dass es ein Interesse gibt. Eschwege ist in dieser Beziehung ein Leuchtturm“, sagte Roth. Er habe lange gedacht, Antisemitismus sei in Deutschland kein zentrales Problem mehr, doch nun müsse er erschrocken feststellen, dass Hass und Feindschaft gegen Juden in der Mitte der Gesellschaft angekommen seien. Besonders erschütternd: Das laute Schweigen auf die Terrorangriffe der Hamas am 7. Oktober. „Stattdessen reden wir seither nur noch über die israelische Reaktion auf den Terror“, bedauerte er. In Israel habe die barbarische Gewalt der Angriffe ein Trauma ausgelöst. Die deutsche Politik stehe an der Seite Israels, doch in der Bevölkerung nehme er diese Entschlossenheit nicht wahr.
Gesprächsleiter Arnold Baier zeigte auf, wie viele Arten von Antisemitismus aktuell zu sehen seien: Antisemitismus von rechts und von links, islamischer Antisemitismus, Antizionismus, fundamental-christlicher Antisemitismus, vulgär-antikapitalistischer, esoterischer und verschwörungstheoretischer Antisemitismus bis hin zum unterschwelligen Judenhass.
„Wer die Politik der israelischen Regierung kritisiert, ist nicht automatisch ein Antisemit“, stellte Michael Roth ebenfalls klar. Auch die israelische Bevölkerung sei nicht einig mit der Politik ihrer Regierung, in der Bekämpfung des Terrors allerdings schon. „Es kommt immer darauf an, was man sagt und wie man es sagt.“ Viele Menschen hätten heute die Angst, etwas Falsches zu äußern, auch das nehme er wahr. „Aber sich wegducken und auf bessere Zeiten zu hoffen hilft nicht.“
An den Schulen, konnte Fiona Schott bestätigen, werde das Thema besprochen, doch wüssten viele Schüler zu wenig über den Nahost-Konflikt. Der Lehrplan sei zu eng und nicht darauf ausgelegt, weshalb sich die Schüler über die sozialen Medien informierten – mit den bekannten Problemen: Welchen Quellen vertrauen?
Auch in der Lehrerausbildung finde das Thema Antisemitismus – anders als Rassismus – kaum statt, fügte Ann-Kathrin Mogge hinzu. Sie beobachte Antisemitismus in Deutschland auch in der Welt der Kunst (Documenta in Kassel) und in der progressiven Linken und stellte die Problematik dar: „Unter Progressiven muss man sich gewissermaßen pro palästinensisch äußern, wenn man dazugehören möchte.“ Diese stellten sich auf die Seite der Opfer und kritisierten alles, das westlich und universalistisch sei, da sie mit den vermeintlich schwächeren Positionen stehen und Machtkritik üben wollten. „Aus dem Denken der Dekolonialisierung heraus sind sie der Meinung, die Palästinenser könnten gar nicht anders reagieren als mit Gewalt.“ Die Historikerin warnte außerdem davor, auf Desinformation hereinzufallen. Die Veranstaltung wurde musikalisch umrahmt von dem polnischen Musiker Tadeusz Piskorz, der jüdische Kompositionen auf dem Klavier und der Zither interpretierte. (Kristin Weber)
