Jüdisches Leben Herleshausen

Schicksal des jüdischen Jungen Isaak Carlebach aus Herleshausen geklärt

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Diese Porträt-Aufnahme Isaak Carlebachs stammt aus dem August 1939.
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Nach den schrecklichen Ereignissen der Pogromnacht 1938 verlor sich die Spur Isaak Carlebachs für viele Jahre. Nun ist das Schicksal des Jungen aus Herleshausen geklärt.

Herleshausen – Hans Rimbach erinnert sich noch gut an Isaak Carlebach. „Isi“, wie er und die anderen Herleshäuser Kinder den schüchternen Einzelgänger nannten, wurde schließlich zu Ostern 1934 mit ihnen in die Volkshochschule Herleshausen eingeschult. Später teilten sich Hans und Isaak sogar eine Schulbank. Heute ist Hans Rimbach 95 Jahre alt; Isaak Carlebach schon seit vielen Jahren tot. „Es muss in den Tagen nach der Pogromnacht 1938 gewesen sein, als ich Isi hinter einer Fensterscheibe verschwinden sah“, erinnert sich Hans Rimbach. Das Grübeln hat bis zum heutigen Tag nicht aufgehört. Denn nach den schrecklichen Ereignissen verliert sich die Spur des Jungen, der mit seinen Eltern Yosef und Rebekka im Haus an der Herleshäuser Hintergasse 3 wohnte, so gern für sich war und „niemandem etwas zuleide getan hat – selbst wenn er im kindlichen Spiel geärgert wurde“, berichtet der Zeitzeuge.

Im Jahr 2016 wurde durch den Arbeitskreis Stolpersteine im Werratalverein, Zweigverein Südringgau, für Yosef und Rebekka Carlebach je ein Stolperstein verlegt. Isaak aber blieb ein Phantom. Erst vor wenigen Monaten gelang der Durchbruch – akribische Recherchen von Thomas Beck aus Datterode gaben den Hinweis auf die „Kindertransporte“. Ein so harmlos klingender Begriff, der aber in der Regel zur endgültigen Trennung von den Eltern führte.

Kindertransport

Als Kindertransporte bezeichnete man die Rettung von fast 10.000 – überwiegend jüdischen – Kindern, die zwischen November 1938 und September 1939 aus dem Deutschen Reich gebracht wurden. Mit der wachsenden Diskriminierung der Juden im Deutschland der 1930er-Jahre sowie den antijüdischen Gesetzen, die besonders die Kinder und Jugendlichen trafen, sollte den Kindern außerhalb Deutschlands eine bessere Zukunft ermöglicht werden. (esp)

„Nach aktuellen Rechercheergebnissen gelangte Isaak im April 1939 tatsächlich mit einem Kindertransport nach Palästina“, erklärt Helmut Schmidt für den Arbeitskreis. Nach der sogenannten „Kristallnacht“ im November 1938 verließen Isaaks Eltern Herleshausen und brachten ihren Sohn in ein jüdisches Waisenhaus nach Frankfurt. Sie hofften, dass er von dort zeitnah auf einen sogenannten Kindertransport kommen konnte. Sie hofften auch, ihm später folgen zu können. Am 16. September 1942 aber wurden die Eltern in das Ghetto Theresienstadt deportiert und von dort am 23. Januar 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz gebracht, wo sie ermordet wurden.

In einem Gedenkbuch des Staates Israel sind Informationen veröffentlicht, die Edna Redlich aus dem Hebräischen übersetzt und den Herleshäusern zur Verfügung gestellt hat. In dem Gedenkbuch wird der damals Elfjährige als introvertiert beschrieben. Er habe Schwierigkeiten bei der Integration gehabt und unter sozialer Einsamkeit gelitten – wer will es dem Jungen verdenken. Es ist unter anderem über ihn zu lesen, dass er sich nach dem Eintreffen der ersten Nachrichten in Palästina über den Holocaust große Sorgen um seine Eltern machte.

Am 27. April 1949 wurde Isaak mit militärischen Ehren auf dem Friedhof in der Yavne-Gruppe beigesetzt.

In diesen Jahren seien in Isaak außergewöhnliche Talente entdeckt worden. In seinen Notizbüchern fanden sich Wörter, Schriften und Naturzeichnungen. Im Sommer 1945 schließlich absolvierte Isaak eine Ausbildung im Kibbuz „Beerot Yitzchak“ im heutigen Gazastreifen. Sein späterer Freund und Kommandeur in der Israel Defence Force (IDF), Abraham Dimant, sagte über ihn: „Ein besonderer Mensch: äußerst talentiert, ein Handwerker.“ Zum höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur im Oktober 1947 gründete er den religiösen Kibbuz „Kfar Darom“ mit. Seit der Abstimmung über den Teilungsplan am 29. November 1947 war der Kibbuz fast ununterbrochen Angriffen ausgesetzt. Die Situation verschlechterte sich gegen Ende des englischen Mandats und nach der Gründung des Staates Israel am 14. Mai 1948. Am Schabbat (Samstag), 15. Mai 1948, dem Tag nach der Staatsgründung, wurde Isaak bei einem Mörserangriff verwundet. Isaak habe es abgelehnt, in einen Krankenhausbunker zu gehen. Stattdessen rannte er zurück zu seiner Position. Wenige Stunden später wurde Isaak von einer Mörsergranate direkt getroffen und auf der Stelle getötet.

Isaak Carlebach, der Dank der Weitsicht seiner Eltern von Herleshausen nach Frankfurt gebracht wurde, um von dort in Sicherheit verschickt zu werden, entkam der Nazi-Barbarei, ließ aber sein Leben für die neue Heimat einen Tag, nachdem diese als Staat ausgerufen worden war. Er war der letzte Nachfahre seiner Familie und wurde 20 Jahre alt. (Emily Hatmann)

Diese undatierte Aufnahme zeigt Isaak Carlebach im religiösen Jugenddorf. An Wochentagen arbeitete er auf der Farm, besuchte einen Diamantschleifkurs und widmete sich dem Tora-Studium. Alle

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