Europapolitiker an Offenbacher Schule: „Was haben Sie für die Ukraine gemacht?“
VonJonas Nonnenmann
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Bei den „Europatagen“ kommen Jugendliche an einer Offenbacher Schule mit Abgeordneten ins Gespräch und lernen, wie Verschwörungserzählungen entstehen. Ein Besuch.
„Was, wir dürfen schon wählen?“ Die etwa 17 Jahre alten Schülerinnen sind überrascht. Ja, dürfen sie! Wegen Fragen wie dieser hat die Offenbacher Theodor-Heuss-Schule zu den „Europatagen“ eingeladen; drei Tage lang finden an der Berufsschule Workshops und andere Veranstaltungen zu Europa und zur Europawahl statt, darunter ein „EU-Kompakt-Kurs“, ein Planspiel Asyl und ein Workshop zum Thema Fake News.
Die Schule will eine sogenannte Europaschule werden. Informell ist sie das irgendwie schon: Auf dem Pausenhof wird wohl so ziemlich jede europäische Sprache gesprochen. Die fast 2000 Schüler und Schülerinnen kommen aus 74 Nationen. Vor dem Eingang ist die Europaflagge gehisst, eine Band spielt in der Aula die europäische Hymne. Auf Plakaten werden Länder vorgestellt, man erfährt, dass Litauen einst das größte Land Europas war, und dass es in Frankreich möglich ist, Tote zu heiraten.
Auf dem Weg zur Europaschule
Zum Theodor-Heuss-Schulzentrum in Offenbach gehören eine Berufsschule, eine Fachoberschule, ein Berufliches Gymnasium und eine Berufsfachschule zum Übergang in Ausbildung (BÜA).
Bei der Europawahl am 9. Juni dürfen in Deutschland auch Jugendliche ab 16 Jahren wählen.
Ziel der Schulleitung ist es, dass die Schule als Europaschule anerkannt wird. Europaschulen sollen die interkulturelle Kompetenz durch Wissensvermittlung, Begegnung und Dialog fördern. Um sich Europaschule nennen zu können, müssen die Schulen bestimmte Standards erfüllen – nicht zu verwechseln mit den Europäischen Schulen, die in der Trägerschaft des Rates der EU stehen.
Die Europatage hat ein Team aus sechs Lehrer:innen organisiert. Viele der Veranstaltungen werden von Kooperationspartnern angeboten, darunter die Landeszentrale für politische Bildung, Europe Direct Relais Rhein-Main, World University Service Germany und die Handwerkskammer Rhein-Main. jon
Die Aula füllt sich, Schülerinnen klatschen für die Band. „Was klatscht ihr?“ Jungs in Jogginghosen und mit Bartansatz machen auf sich aufmerksam. „Junge, sing erst mal besser“, ruft eins der Mädchen zurück. Einige Minuten später sitzt einen Stock höher der Europaabgeordnete Michael Gahler (CDU) in einem riesigen Klassenraum etwa 80 Schülerinnen und Schülern gegenüber. Gahler ist zusammen mit dem hessischen Minister für Europaangelegenheiten Manfred Pentz und der Offenbacher Landtagsabgeordneten Kim-Sarah Speer (beide CDU) zu Besuch. Eine Mitarbeiterin des gemeinnützigen Vereins „Bürger Europas“ moderiert das Gespräch.
Fragen an Abgeordnete zur Europawahl: Gaza, Ukraine, Energiepreise
Gahler erzählt kurz von seiner Arbeit im Europaparlament, dann beginnt die Fragerunde. Kurze Stille. „Was haben Sie bisher für die Ukraine gemacht?“ Gahler erzählt von den ersten Sanktionen gegen Russland 2014, von Waffenlieferungen und EU-Beitrittsverhandlungen. Er kommt auch auf seine Reisen in die Ukraine zu sprechen, die seltsame Stimmung in Kiew. Und er zeigt seinen Diplomatenpass. Minutenlang ist es still wie bei Tom Sawyer in der Kirche.
Dann das unvermeidbare Thema: Gaza. Viele Hände gehen nach oben. „Wie sind Waffenlieferungen nach Israel moralisch vertretbar?“ „Was ist mit der Anklage gegen Deutschland vor dem Internationalen Gerichtshof?“ „Finden Sie es nicht absurd, dass die sieben Mitarbeiter von World Central Kitchen [durch einen israelischen Angriff] sterben mussten?“ Die Temperatur im Raum sinkt etwas. Gahler gibt eindeutige Antworten. „Ja, das ist absurd“, sagt er zur letzten Frage, aber auch, Israel sei dann ja gegen die verantwortlichen Offiziere vorgegangen. Ja, er sei für Waffenlieferungen; Gahler verweist auf das Existenzrecht Israels, die deutsche Verantwortung, den Schutz von Jüdinnen und Juden und den iranischen Angriff. Nein, die Klage von Nicaraguas Diktator vor dem Internationalen Gerichtshof sei nicht gerechtfertigt.
Beim nächsten Thema, Energiepreise, kommt er auf technologische Entwicklungen bei der Atomkraft zu sprechen. Das wird manchen dann doch zu viel; sie tippen in ihr Handy, ein Gähnen ist zu vernehmen. Als die etwa eineinhalb Stunden vorbei sind, bleibt dennoch das Gefühl, dass die Zeit viel zu kurz war. Der Politiker beginnt, offenbar spontan, mit einer weiteren Gruppe von Interessierten noch eine Fragerunde.
„Ich fand das Gespräch toll“, sagt Alexandru Horatiu Tritean, 16, der die Mittlere Reife machen und anschließend Zollbeamter werden will. Er hat einen rumänischen Pass und sagt, er wolle auf jeden Fall wählen gehen. Andere in seinem Alter hätten an der Europawahl „nicht so viel Interesse“ – bisher jedenfalls.
In einem anderen Klassenraum geht es um Verschwörungserzählungen und Fake News. Zehn Jugendliche, fünf Jungs, fünf Mädchen, sitzen im Stuhlkreis. Sie sind 17 bis 22 Jahre alt und machen demnächst das Fachabitur mit dem Schwerpunkt Gesundheitslehre. Vorne steht der „Demokratietrainer“ Vatan Ukaj, Anfang 30, der im Auftrag der Landeszentrale für politische Bildung da ist.
Ukaj kam als Kind von Geflüchteten aus dem Kosovo nach Deutschland. Er sagt, in 14 Jahren habe er ein Projekt dieser Größenordnung zu Europa an einer Schule noch nicht erlebt.
Wer kennt Verschwörungstheorien? „Dass Michael Jackson noch lebt“, sagt jemand. „Die Erde ist eine Scheibe.“ „Reptilianer“ (sic). Verschwörungstheorien gebe es seit Beginn der Menschheit, sagt Ukaj.
Er zeigt gefälschte Bilder: Barack Obama mit Turban, dann KI-generierte Bilder, die Szenen in Gaza darstellen sollen. Schnell wird klar, dass viele der Jugendlichen schon ein geschultes Auge haben. Bahare etwa, die aus Afghanistan kommt. Sie sieht gleich, dass die Schultern auf dem Bild nicht so richtig zum Rest des Körpers zu passen scheinen und eine andere Stelle pixelig wirkt. Auch die KI-Fälschungen überzeugen fast niemanden in der Runde. Bahare sagt, auf Tiktok würden ihr immer wieder Videos angezeigt mit Einstiegsbildern, die sie für nicht echt halte.
Veranstaltung zur Europawahl: Verschwörungserzählungen im Fokus
Andere erinnern sich an ein manipuliertes Video von Ronaldinho, der den Ball auch für seine Verhältnisse allzu gut jongliert. „Was, das war ein Fake?“ ruft einer empört, die Runde johlt. Um die Rolle des Journalismus geht es ebenfalls. Adam, Trainingsanzug, wacher Blick, der seine Sätze fast in Schriftdeutsch formuliert, findet, in den Medien werde teils sehr negativ über Menschen oder Parteien berichtet. „Wenn da die Reflexion fehlt, können schnell Feindbilder entstehen.“ Bei der Verbreitung der Verschwörungserzählungen spielten die Medien eine entscheidende Rolle, sagt auch die Referentin.
Am Ende dürfen sich alle in Kleingruppen selbst eine Verschwörungstheorie ausdenken. Ist der Krieg in der Ukraine etwa nur inszeniert? Will Putin die Weltherrschaft oder nur die Wiederherstellung der Sowjetunion? Realität und Fiktion verschwimmen, ein paar Wiederholungen mehr, dann hätte der Autor am Ende womöglich den eigenen Quatsch geglaubt.
Wandel in Europa: Die Geschichte der EU in Bildern
Eine der Gruppen entwickelt die Verschwörungserzählung, der Mensch stamme vom Schwein ab. Der Geschmack sei ähnlich wie der von Menschenfleisch, berichten angeblich Kannibalen – und würde das nicht erklären, weshalb einige Religionen verbieten, Schweinefleisch zu essen? Und überhaupt: „Schweine sind sehr schlau“, sagt einer der Teilnehmer. „So wie Menschen halt.“