VonThomas Stillbauerschließen
Bis zu 80.000 Menschen in Hessen gegen Hass und AfD zeigen: Wir sind wirklich mehr. Doch das muss sich auch im Wahllokal und der Bildungspolitik widerspiegeln. Ein Kommentar.
Frankfurt – Das musste mal gesagt werden. Das musste deutlich gesagt werden, musste gesungen, getanzt – ja, es musste auch lauthals herausgelacht werden: In Frankfurt ist kein Platz für Rechtsextremismus, kein Platz für Nazis. Auch nicht in anderen hessischen Städten. Nirgends ist Platz für Menschenfeinde. Basta.
Endlich – das schwebte an diesem Wochenende über den Straßen und Plätzen in Frankfurt und an vielen anderen Orten: Endlich, endlich ein klares Zeichen. 40.000 Menschen laut Polizei, 50.000 nach Angaben des Veranstalterbündnisses auf dem Römer, dem Paulsplatz, dem Mainkai, überall in Frankfurts Altstadt. Je 15.000 in Kassel und Gießen, volle Plätze auch in Limburg und vielerorts in Hessen.
KoalaKollektiv lässt uns Aufatmen: Rechts hat nicht die Oberhand in Frankfurt
Endlich raus nach all dem Bedrücktsein, endlich zeigen: Wir sind wirklich mehr – unbestreitbar mehr. Und wir lassen nicht zu, dass bei uns ein Klima der Angst die Oberhand gewinnt.
80.000 Hessen protestieren gegen Rechts




Was für ein Mut des Koala-Kollektivs, dieser noch jungen Gruppe von Frankfurter Aktivistinnen und Aktivisten, vor vier Jahren gegründet, um den Kampf gegen die Klimakrise aufzunehmen. Kaum zu glauben, dass sich diese Leute erst vor einer Woche hingesetzt und beschlossen hatten: Es wird Zeit, wir müssten mal was machen. Zunächst fanden immer mehr Initiativen und Organisationen, dass das Koala-Kollektiv recht hat – rund 80 Gruppen schlossen sich im Lauf der Woche dem Aufruf gegen den Rechtsruck an.
50.000 Menschen in Frankfurt auf der Straße und wöchentlich im Stadion
Die Botschaft machte im Eiltempo die Runde. Und am Samstag waren es schließlich Zehntausende, die sich ebenfalls sagten: Wir müssen dringend mal was machen.
50.000 in Frankfurt – Moment, kommt uns die Zahl nicht bekannt vor? Doch. 50.000, ein paar Tausend mehr sogar, das ist die Zahl derer, die alle zwei Wochen ins Stadion gehen zu den Spielen der Eintracht. Viele verglichen diesen Frankfurter Samstag mit den Siegesfeiern, wenn die Fußballer einen Pokal mit nach Hause bringen. Da ist die City auch voll. Wenn wir ehrlich sind: noch voller.
Frankfurt ist stabil gegen rechts, jedenfalls war es das lange Zeit in besonderem Maße. Der fremdenfeindliche Pegida-Ableger Fragida hatte am Main keine Chance. Auch die AfD blieb hier anfangs weit unterm Bundesdurchschnitt, doch zur Wahrheit gehört: Sie hat Prozente zugelegt in den vergangenen Wahlen, auch hier. Und schmerzlich unvergessen ist die teils pogromartige Stimmung bei den „Querdenker“-Demos vor zwei Jahren. Die liefen Rechtsextreme mit, da brüllten Rechtsextreme mit.
„Das sind zu wenige Menschen in den Wahlkabinen“
Insofern: 50.000 für die Solidarität, gegen den Hass, das ist eine große, eine außergewöhnlich große Zahl, das ist hervorragend – aber das sind nicht einmal sieben Prozent. Nicht mal ein Fünfzehntel der Frankfurterinnen und Frankfurter. Zum Vergleich: An der jüngsten OB-Wahl nahmen 40 Prozent der Wahlberechtigten teil, an der Kommunalwahl 45 Prozent.
Um es klar zu sagen: Das sind zu wenige Menschen – aber nicht auf der Straße am Wochenende, sondern vor allem in den Wahlkabinen. Das muss mehr werden, erst dann wird die Demokratie wirklich siegen. Und dorthin kann nur ein Weg führen: alles auf Bildung. Schluss mit dem Kaputtsparen der Schulen und der politischen Bildung, mehr Zugewandtheit und Aufmerksamkeit für den Nachwuchs, mehr Rückendeckung für Lehrerinnen und Lehrer, gerade in Hessen.
Am Wochenende konnten alle fürs Erste erleichtert sein und endlich, endlich mit einem guten Gefühl nach Hause gehen: Das hat gesessen, der Mut des Koala-Kollektivs hat gewonnen. Was nichts daran ändert, dass sich langfristig auch gern mehr Menschen für Demokratie interessieren dürfen als für Fußball. (Thomas Stillbauer)
