VonSabrina Mehlerschließen
Goodyear will sein Gummiwerk in Fulda 2025 zu schließen. Viele der 1050 Mitarbeiter zeigten sich traurig und enttäuscht. Einige wütend. Aus der Politik kamen klare Worte.
Fulda - In einer gemeinsamen Stellungnahme am Donnerstag (16. November) sprechen Landrat Bernd Woide und Oberbürgermeister Heiko Wingenfeld (beide CDU) von einem „Schock für diesen Traditionsstandort der Reifenproduktion in Deutschland“. Auch am Samstag zeigten sich viele weitere Persönlichkeiten aus der Region entsetzt.
Waldemar Dombrowski, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Bad Hersfeld-Fulda, sagte, er habe „mit großem Bedauern“ von der Goodyear-Schließung erfahren. Er kritisiert, dass die Versprechen, der Standort habe eine Perspektive, nicht eingehalten worden seien.
„Die Enttäuschung und Sorge der Beschäftigten und ihrer Familien sind absolut nachvollziehbar.“ Der osthessische Arbeitsmarkt sei zwar relativ stabil und trotz gedämpfter Konjunkturlage grundsätzlich aufnahmefähig. „Für den regionalen Arbeitsmarkt ist das aber ein herber Schlag.“
Diese vorweihnachtliche Hiobs-Botschaft trifft über 1000 Beschäftigte und ihre Familien völlig überraschend.
Er sehe schon Möglichkeiten, viele Goodyear-Beschäftigte in anderen Unternehmen unterzubringen, „im Einzelfall könnte das aber etwas länger dauern“. Dombrowski erwartet vom Unternehmen nun Klarheit darüber, in welchem Rhythmus die Produktion eingestellt wird und welche Profile die Arbeitnehmer haben, um ihnen „gezielt und engagiert“ helfen zu können.
Er selbst wolle das Gespräch mit Unternehmensführung und Betriebsrat suchen. Goodyear rechtfertigte die Werk-Schließung in Fulda am Freitag unter anderem mit der Inflation und Billig-Importen. Auch E-Autos spielen dabei eine Rolle. In Fulda gebe es viele relativ alte Maschinen, die nicht in ausreichender Menge dafür Reifen produzieren können.
Tarek Al-Wazir, Hessischer Wirtschaftsminister, sagte: „Diese vorweihnachtliche Hiobs-Botschaft trifft über 1000 Beschäftigte und ihre Familien völlig überraschend.“ Noch im Sommer sei von so weitreichenden Plänen nicht die Rede gewesen. Staatssekretär Jens Deutschendorf habe am 26. Juli mit dem Vorsitzenden der Geschäftsführung über die damals beabsichtigte Streichung von 550 Stellen gesprochen und Unterstützung bei der Umorientierung auf CO2-freie Produktion angeboten.
„Wir sind erstaunt und verwundert, dass die Situation sich seitdem so geändert haben soll.“ Wenn das Vorhaben so umgesetzt werde, bedeute das einen schweren Verlust für die Stadt Fulda und die ganze Region, sagt der Minister. „Goodyear spielt eine bedeutende Rolle in der lokalen Wirtschaft und ist ein wichtiger Arbeitgeber. Die Landesregierung hat größtes Interesse, dass es zu einer alternativen Lösung kommt und die Auswirkungen auf die Belegschaft minimiert werden.“
Deutschendorf werde umgehend ein erneutes Gespräch mit der Geschäftsleitung suchen. „Unser Unterstützungsangebot besteht weiter. Hessen unterstützt darüber hinaus die Region Fulda bei ihrem Vorhaben, möglichst allen betroffenen Beschäftigten adäquate Arbeitsplätze in der Region anzubieten.“
Der SPD-Stadtverband Fulda erklärte: Goodyear sei Paradebeispiel für „das kalte Herz des Kapitalismus. Wir sind entsetzt und zornig.“ In Wahrheit gehe es hier um die Maximierung des Profits für die Anteilseigner: „Die Ertragslage des Unternehmens ist alles andere als schlecht.“ Vorsitzender Hans-Joachim Tritschler spricht von einer „Verlogenheit der Unternehmensleitung“.
ine solche Vorgehensweise ist bei einem mittelständischen Unternehmen nur schwer vorstellbar.
Unverschämter gehe es nicht mehr. Jetzt gelte es, Schadensbegrenzung zu betreiben – „wohlwissend, dass die Möglichkeiten der verantwortlichen Kommunalpolitiker begrenzt sind“. Auch Günter Rudolph, Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion, schimpft: Goodyear bestätige alle Klischees vom skrupellosen US-Konzern.
„Für dessen Manager Aktiendividenden und Vorstandsboni alles sind, Respekt und Wertschätzung für die Beschäftigten aber nichts.“ Er sei entsetzt und wütend. Die Belegschaft müsse wahrscheinlich für Fehler geradestehen, die in den USA begangen worden seien. In Fulda würden seit Jahrzehnten erstklassige Reifen produziert. Die SPD stehe solidarisch an der Seite der Mitarbeitenden.
Grünen-Landtagsabgeordneter Markus Hofmann kommentierte: „Die Nachricht, dass Goodyear 2025 seinen Gründungsstandort in Fulda vollständig aufgeben will, schockiert mich.“ Er vermute, dass die Mitarbeiter „hinters Licht geführt“ wurden. Es bleibe fragwürdig, ob den Versprechungen der Geschäftsführung, die Mitarbeitenden fair zu behandeln und zu unterstützen, getraut werden könne.
Denn bereits vorangegangene Gespräche über einen Sozialplan für den vormals geplanten Stellenabbau seien gescheitert. Für die Mitarbeitenden sei diese unerwartete Entscheidung „ein Schlag ins Gesicht“. „Einmal mehr zeigt sich, dass ein multinationaler Konzern wie Goodyear nach eigenen Regeln funktioniert. Eine solche Vorgehensweise ist bei einem mittelständischen Unternehmen nur schwer vorstellbar.“ Hofmann hofft, dass die Betroffenen eine neue Anstellung finden.
Dass der Reifenhersteller Goodyear sein Werk in Fulda schließen will und dass dort mehr als 1000 Arbeitsplätze wegfallen, kommentiert auch die FDP. Der wirtschaftspolitische Sprecher der Freien Demokraten im Hessischen Landtag, Dr. Stefan Naas, sagt: „Die angekündigte Schließung des Goodyear-Werks in Fulda ist nicht nur ein schwerer Schlag für die betroffenen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, sondern für die gesamte Region und den Wirtschaftsstandort.
Wieder einmal zeige sich, dass Hessen als Standort für Unternehmen an Attraktivität eingebüßt habe. Diese Entscheidung sei somit ein Arbeitsauftrag an die künftige Landesregierung, eine Wirtschaftspolitik zu machen, die diesen Namen auch verdient, unterstreicht Stefan Naas.
Wie viele Arbeitsplätze müssen noch verloren gehen, bis eine wirtschaftspolitische Wende eingeleitet wird?
„Dass CDU und SPD als wahrscheinliche neue Koalitionäre die Wirtschaft in ihrem Eckpunktepapier erst als Punkt acht von zehn anführen, zeigt, dass ihnen das Ausmaß der Probleme der hessischen Wirtschaft noch nicht klargeworden ist. Hier gibt es bei der politischen Prioritätensetzung noch Luft nach oben“, so der Liberale.
Aktionsbündnis Fulda-Eine Region steht auf teilt mit: „Wir sind schockiert und wütend, dass die Arbeitsplätze der Mitarbeitenden einfach dem Profitwahn des Großkonzerns geopfert werden,“Der Umgang mit Betriebsrat und Mitarbeitenden zeuge von einer „menschenverachtenden Betriebskultur“.
Rücksichtslos seien Entscheidungen nur mit Blick auf den größtmöglichen Profit getroffen worden. „Wir schauen mit großer Sorge in die Zukunft, denn die Entscheidung hat Auswirkungen auf unsere gesamte Region. Wir stehen in uneingeschränkter Solidarität an der Seite des Betriebsrats und der Beschäftigten und werden die Entscheidung nicht tatenlos hinnehmen.“
Pierre Lamely, Kreisvorsitzender der AfD Fulda, erklärt: „Wir brauchen einen Wettbewerb der besten Ideen, um der Situation im Sinne der betroffenen Mitarbeiter zu begegnen.“ Die Mitarbeiter, die zum Teil Jahrzehnte in der „Gummi“ gearbeitet haben und im Vertrauen auf einen sicheren Arbeitsplatz ihr Leben geplant haben, treffe keine Schuld.
Lamely kritisiert die politischen Entscheidungen: „Wie viele Arbeitsplätze müssen noch verloren gehen, bis eine wirtschaftspolitische Wende eingeleitet wird? Wir müssen die Energiewende ins Abseits beenden und eine Rückkehr zu bezahlbarer Energie durch Kernkraft einleiten und aufhören, einen Feldzug gegen den Verbrennungsmotor, das Auto an sich und den Individualverkehr zu führen.“


