VonSabrina Mehlerschließen
Die neue Haube des Fuldaer Schlossturms spaltet die Gemüter: Die moderne Stahlkonstruktion auf dem historischen Bauwerk, die schon spöttisch als „Krake“ oder „Kralle“ bezeichnet wird, sorgt in der Stadt für hitzige Debatten. Wie stehen die Fraktionen zum ungewöhnlichen Design?
Fulda – Die Gestaltung der Turmhaube könne durchaus differenziert betrachtet werden, sagt Patricia Fehrmann, Vorsitzende der CDU-Fraktion. Mit der Haube werde aber das fehlende optische Gleichgewicht zwischen Dom und Stadtschloss in der Stadtsilhouette wiederhergestellt. Fehrmann vergleicht dies mit der früheren kritischen Betrachtung des Solitärs am Gemüsemarkt, der letztlich einen anerkannten Städtebaupreis erhalten hatte.
Stadtverordnete in Fulda äußern sich zu Kritik an Schlossturm-Haube
Ob bei künftigen Projekten stärker die Meinung der Bevölkerung berücksichtigt werden sollte, dazu sagt sie: „Wir begrüßen die Einbeziehung der öffentlichen Meinung.“ In einer repräsentativen Demokratie würden Entscheidungen im Stadtparlament getroffen, in dem 59 Personen das gesamte Spektrum der fuldischen Bürgerschaft darstellten.
Die Fraktionschefin appelliert: „Lasst uns allen der Turmhaube etwas Zeit geben, sich in Fulda zu etablieren, um die Verbindung zwischen barocker Kultur und moderner Kunst wertzuschätzen.“
Fotostrecke: Schlossturm unter der Haube




„Mir persönlich gefällt die Ästhetik der neuen Turmspitze gut“, sagt SPD-Fraktionschef Jonathan Wulff, erkennt aber an, dass Geschmäcker unterschiedlich sind. Er hält die Kritik und den Spott gegen die Schlossturm-Haube in Sozialen Medien für nicht repräsentativ und ist überzeugt, dass die Turmspitze ein beliebtes Wahrzeichen der Stadt werden wird – besonders, wenn sie nachts beleuchtet wird.
Zudem hebt Wulff hervor, dass ein regionaler Metallbauer ein „Prestige-Objekt“ geschaffen hat, und dass die Kosten nur einen kleinen Teil der gesamten Projektkosten von fünf Millionen Euro ausmachen. Er findet die Kritik an der mangelnden Bürgerbeteiligung nicht berechtigt, da die Pläne vor zwei Jahren öffentlich vorgestellt worden waren, ohne dass es Kritik gegeben hätte. In den Gremien der Stadt habe sich nur eine Abgeordnete von insgesamt 59 kritisch geäußert.
Fuldas Politiker glauben, dass Schlossturm-Haube Wahrzeichen wird
Die Haube werde bei Betrachtern als „Fremdköper“ wahrgenommen, da sie das gewohnte Erscheinungsbild verändere, erklärt FDP-Fraktionschef Michael Grosch. Er ist jedoch der Meinung, dass sie das Stadtbild bereichert und Turm und Schloss noch stärker wahrgenommen werden, insbesondere bei nächtlicher Beleuchtung. Die Haube spiegele einen historischen Zustand wider, ohne diesen exakt nachzubilden.
Es freue ihn, dass der Entwurf vom Eichenzeller Architekten Jürgen Krieg stammt. „Damit wird das Kunstwerk ein Stück weiterentwickelte Stadtkultur, die nicht von außen nach Fulda getragen wird, sondern aus sich heraus entwickelt wurde.“ Grosch versteht die Kritik, da bei Fragen der Kunst kein objektiver Maßstab gelte: „Die Haube jedoch schlicht zu veralbern und mit abwegigen Dingen zu vergleichen, halte ich für unsinnig.“ Er erinnert, dass die Pläne vorab öffentlich diskutiert wurden und keine große Welle der Kritik ausgelöst hatten.
„Es ist verständlich, dass ein so markantes Bauwerk wie der Schlossturm Diskussionen in der Bevölkerung auslöst“, sagt AfD-Vorsitzender Pierre Lamely. Seine Fraktion nehme die Kritik ernst und sehe sie sie als wichtigen Beitrag zur demokratischen Meinungsbildung.
Die Haube schlicht zu veralbern und mit abwegigen Dingen zu vergleichen, halte ich für unsinnig.
Er plädiert jedoch dafür, für eine abschließende Beurteilung die Wirkung der Haube über einen längeren Zeitraum zu beobachten: „Oftmals benötigen neue architektonische Elemente eine gewisse Zeit, bis sie sich harmonisch in das Gesamtbild einfügen.“ Für künftige Projekte befürwortet er eine stärkere Einbindung der Öffentlichkeit in den Planungsprozess, um die Akzeptanz zu erhöhen
Martin Jahn (CWE) sieht die Diskussion als Beweis dafür, dass das Bauwerk bereits Wirkung zeigt. Er betont, dass es oft einfacher sei, gegen etwas Neues zu sein, und dass Kunst immer Reibung erzeuge, da die Wahrnehmung subjektiv sei. Die Kosten - mit denen es die Schlossturm-Haube bereits ins Schwarzbuch der Steuerzahler geschafft hat - seien ein legitimer Kritikpunkt, doch die Haube setze bewusst Reizpunkte, vor allem für jene, die den Turm bisher ohne Haube kannten.
Stadtpolitiker in Fulda vergleicht Schlossturm-Haube mit Eiffelturm
Jahn weist darauf hin, dass der Turm sein ursprüngliches Erscheinungsbild wieder erhalten habe und die nächste Generation ihn als selbstverständlich ansehen werde. Jahn verweist auf den Eiffelturm, der anfangs ebenfalls umstritten war, und auf den Solitär am Gemüsemarkt in Fulda, der heute von Jüngeren weniger kritisch betrachtet werde. Abschließend sieht er keine einfache Lösung, wie und wann öffentliche Meinung in solche Entscheidungen eingebunden werden sollte.
„Tatsächlich ist die neue Haube des Schlossturms gewöhnungsbedürftig“, erklärt Silvia Brünnel, Vorsitzende der Fraktion der Grünen. Aus der Nähe betrachtet erinnere das Objekt „durchaus an die Kralle eines Greifautomaten“, insofern könne sie die Kritik einiger Bürgerinnen und Bürger verstehen.
Aber: „Die Debatte, ob das historische Stadtbild durch die Turmhaube beeinträchtigt wird, kommt jedoch zu spät, denn denkmalpflegerische Gesichtspunkte sollten vorab geklärt sein.“ Fazit aus Sicht ihrer Fraktion sei, dass sich die Bürgerinnen und Bürger eine frühere Beteiligung an geplanten Vorhaben wünschen und die Stadt dies zum Anlass nehmen sollte, sich verstärkt um Partizipationsprozesse bei Entscheidungsfindungen zu bemühen.
