VonAndreas Ungermannschließen
Sabrina Mehlerschließen
Der Schlossturm in Fulda hat im Zuge seiner umfangreichen Sanierung eine neue Haube erhalten, die historischen Vorbildern nachempfunden sein soll. Doch was als Wiederherstellung eines Stücks Stadtgeschichte gedacht ist, erntet oft genug Spott und Kritik.
Fulda - Die ursprüngliche Bedeckung des Schlossturms in Fulda, die im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangen ist, wurde im Zuge der Sanierungsarbeiten am Turm ersetzt. Am Samstagmorgen hievte ein Kran die „Stadtkrone“ vorsichtig in die Höhe. Die Haube soll Turm und Stadt wieder die Silhouette verleihen, wie sie in früheren Jahrhunderten aussah.
Neue Schlossturm-Haube in Fulda erntet im Netz Spott und Kritik
Doch der Anblick der Konstruktion aus Stahl sorgte während der Enthüllung für mehr Stirnrunzeln als Staunen. Viele Einwohner Fuldas erkennen in der Haube weniger ein Stück Historie, sondern vielmehr die Umrisse eines Oktopus oder des bedrohlichen Emblems der Verbrecherorganisation „Spectre“ aus den James-Bond-Filmen. „Das sieht aus wie ein Greifarm am Automaten, aus dem man Kuscheltiere rauszieht“, scherzte auf Facebook ein Fuldaer.
In den sozialen Medien ist die Diskussion ohnehin längst entbrannt. Mehrere sogenannte Memes vom Turm kursieren im Internet, Fotos also, die den Turm mit Tentakeln oder Narrenkappe versehen – oder mit einem jener asiatischen Kopfmassagegeräte, die wie ein aufgeschnittener Schneebesen aussehen.
Kunst, Kralle oder Krake? - Lebhafte Diskussionen in Sozialen Medien
Ein Nutzer kommentierte: „Man hätte sich an den Barockstil halten sollen, statt dieser hässlichen überdimensionierten Schrottplatzkralle.“ Andere Bürger sprechen in den Sozialen Medien wahlweise vom „hässlichsten Schlossturm Hessens“, einem „seltsamen Monstrum“ oder einem „hässlichen Vogelkäfig“. Ein anderer sagt: „Ich hab zwar keine Ahnung von so einer Art Kunst. Aber wenn das zum Schlossturm passen soll, dann fress‘ ich einen Besen.“
Deutlich wird auch, dass sich viele Bürger übergangen fühlen: „Ich finde, bei derart teuren Vorhaben müssten wir Bürger gefragt werden“, erklärt einer. „Und das Geilste ist: Diesen Schmarrn bezahlen wir mit unseren Steuergeldern“, heißt es ebenfalls. Diese Ansicht hatte im vergangenen Jahr bereits der Steuerzahlerbund vertreten, der jedes Jahr die aus seiner Sicht unsinnigsten Ausgaben der öffentlichen Hand aufgreift. 2023 landete die 600.000 Euro teure Schlossturm-Haube im sogenannten Schwarzbuch der Steuerzahler
Fotostrecke: Schlossturm unter der Haube




Eine breite Mehrheit der Mandatsträger der Stadtverordnetenversammlung hatte die Pläner seinerzeit fast einmütig gutgeheißen. Nur eine Stadtverordnete hatte deutliche Kritik geübt: Ute Riebold von Die Partei sprach schon damals von einer „nichtsnutzigen Stahlkonstruktion“. Stimmen, die sich aktuell öffentlich positiv äußern, gibt es nur wenige. „Wenn das Baugerüst weg ist, sieht das Teil vielleicht besser aus“, wagt eine Schreiberin zu hoffen. „Ich finde, es hat was“, gehört noch zu den größten Anerkennungsworten, die auf Facebook zu finden sind.
Stadtbaurat Daniel Schreiner (parteilos) war bereits am Samstag bewusst, dass die Haube möglicherweise weiterhin nicht alle Geschmäcker treffen wird. Gegenüber unserer Zeitung unterstrich er erneut, dass es Ziel gewesen sei, die ursprüngliche Proportion des Schlossturms wiederherzustellen und an die eigentliche Wirkung des Turms zu erinnern.
„Die Reaktionen im direkten Gespräch mit Bürgerinnen und Bürgern sowie auf einigen sonstigen Kanälen waren nach unserer Wahrnehmung überwiegend positiv“, teilt Magistratspressesprecher Johannes Heller am Montag, zwei Tage nach dem Aufsetzen der Haube, mit. Einer kleineren Anzahl von negativen Kommentaren auf den städtischen Social-Media-Kanälen stünden viele „Herzchen“ oder „Daumen hoch“-Symbole als Reaktion auf den Turmhauben-Post gegenüber.
Aus der Nachbarschaft
Eine weitere markante „Turmhaube“ in modernem Stil steht 71 Kilometer Luftlinie entfernt vom Fuldaer Stadtschloss: die Alte Johanneskirche in Hanau. Die dortige Stahlskelettkonstruktion stieß jedoch in der Bevölkerung auf größere Akzeptanz, als dies jetzt in Fulda offenbar der Fall ist. 2012 erhielt das Gotteshaus in der Hanauer Altstadt, das beim Bombenangriff am 19. März 1945 zerstört worden war, einen 20 Meter hohen und 20 Tonnen schweren Aufbau. Nach dem Zweiten Weltkrieg war zunächst nur der 35 Meter hohe Steinteil der Kirche, die inzwischen als Gemeindezentrum genutzt wird, wiederaufgebaut worden.
Lange wurde darüber diskutiert, wie die Silhouette der Kirche in der Nähe des heutigen Congress Parks wieder hergestellt werden kann. Eine originalgetreue Nachbildung wurde damals ausgeschlossen – unter anderem aus Kostengründen. 250.000 Euro hätte diese gekostet. Die Idee einer achteckigen Stahlsilhouette, die jedoch die dreigeschossige Originalumrisse aufgreift, stach zudem stilisierte moderne Kunst aus.
Dass die Akzeptanz am Main höher ausfiel als in Fulda, könnte auch daran liegen, dass die Initiative aus der Bevölkerung kam; im Wesentlichen aus der Interessengemeinschaft Hanauer Altstadt (IGHA) und des Hanauer Geschichtsvereins. Das zeigt ein Blick in das Pressearchiv der IGHA, wo sich Zeitungsartikel aus Hanauer Anzeiger, Hanau Post, Frankfurter Rundschau und F.A.Z. finden. Hinzu kommt, dass viele ältere Hanauer noch den Anblick von vor der Zerstörung kannten. Wohl auch ein Grund dafür, dass die 150.000 Euro teure Turmspitze, die auch als Mahnung gegen den Krieg dienen soll, zur Hälfte aus Spendengeldern finanziert wurde.
„Demnach scheinen viele zu realisieren, dass hier ein bleibender künstlerischer Akzent für das Stadtbild und die Stadtsilhouette entstanden ist, der zu einer weiteren Attraktion und einem markanten Orientierungspunkt für Gäste wie Einheimische werden kann – vergleichbar vielleicht mit dem Denkmal des Spätlesereiters im Schlosshof, das sich zu einem ungemein beliebten Treff- und Foto-Punkt entwickelt hat“, betont die Stadtverwaltung.
Dort wird vermutet, dass mit dem Gewöhnungseffekt auch die Diskussionen weniger würden. Unter der Turmhaube im Stadtschloss geht man davon aus, dass sich im Volksmund über kurz oder lang ein Spitzname durchsetzen werde.
Unabhängig davon sei eine lebendige Diskussion um Kunst und Geschichte – insbesondere wenn sie konstruktiv und nicht nur mit Schlagworten geführt werde – in der Regel ein Zeichen dafür, dass es dem jeweiligen Kunstwerk gelinge, dass sich die Menschen mit ihm auseinandersetzen und ihm nicht desinteressiert und gleichgültig gegenüberstehen.

