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Tag gegen „Gewalt gegen Frauen“: Im Werra-Meißner-Kreis hilft die Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt bei der evangelischen Familienbildungsstätte-Mehrgenerationenhaus.
Eschwege – Für Frauen ist die Entscheidung, sich Unterstützung zu holen, oft der letzte Ausweg. Monate, vielleicht sogar Jahre haben sie bis zu ihrem Entschluss dann meistens schon Gewalt erlebt. Die muss nicht körperlich sein, sondern kann natürlich auch psychisch ausgeübt werden. Was zu tun ist, wissen die Fachberaterinnen Anja Axt und Ulrike Gätje von der Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt bei der evangelischen Familienbildungsstätte-Mehrgenerationenhaus. 200 Frauen beraten sie jedes Jahr.
Oftmals seien die Fälle am Anfang banal, berichtet Birgit Elbracht, pädagogische Leiterin der Familienbildungsstätte. Nach einer Trennung oder wegen einer Scheidung wenden sich die Frauen an die Beratungsstelle, brauchen Hilfe in Beziehungskrisen oder nach Stalking und Mobbing. „Im Laufe der Gespräche kommt dann heraus, was tiefer sitzt“, sagt Anja Axt. Betroffen seien dabei alle Gesellschaftsschichten. „Frauen mit höherer Bildung schaffen es, das Problem länger zu verstecken.“ Besonders problematisch sei es, wenn Kinder im Spiel sind. Zum einen zögerten die betroffenen Frauen es noch länger hinaus, sich jemandem anzuvertrauen, weil sie „nichts lostreten“ wollen. Zum anderen hätten Väter auch nach der Trennung immer noch ein gutes Druckmittel. „Meistens geht es dann ums Geld“, sagt Axt. Der lange Arm der Männer greife die Frauen dann über den Unterhalt beispielsweise. Frauen hätten das Wohl der Kinder im Blick, wollen sie aber auch nicht gefährden.
Schon gewusst?
- Der 25. November ist der internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. In diesem Jahr fällt er auf einen Samstag.
- 1981 wurde der Gedenktag bei einem Treffen lateinamerikanischer und karibischer Feministinnen der 25. November zum Gedenktag der Opfer von Gewalt an Frauen ausgerufen. Im Englischen heißt er Orange Day. Die Farbe Orange symbolisiert dabei eine Zukunft ohne Gewalt gegen Frauen.
- Jede vierte Frau hat in ihrem Leben schon einmal körperliche oder sexuelle Gewalt durch aktuelle oder frühere Partner erlebt.
- Häusliche Gewalt ist keine Privatangelegenheit. 2002 ist das Gewaltschutzgesetz inkraftgetreten, das schnelle Hilfe ermöglicht.
- Die Zahl der Opfer von häuslicher Gewalt lag im Jahr 2022 in Deutschland bei 240 547 Opfern und ist damit um 8,5 Prozent im Vergleich zum Jahr 2021 gestiegen.
- Jede Stunde werden mehr als 14 Frauen Opfer von Partnerschaftsgewalt. Beinahe jeden Tag versucht ein Partner oder Ex-Partner, eine Frau zu töten. (ts/Quelle: Bundesinnenministerium)
Zunehmender Bedarf an Beratung und Hilfe haben Frauen, die unter digitaler Gewalt leiden. Digitale Gewalt umfasst eine Vielzahl von Angriffsformen, die auf Herabsetzung, Rufschädigung, soziale Isolation und die Nötigung oder Erpressung eines bestimmten Verhaltens der Betroffenen abzielen. Dazu zählen unter anderem Diffamieren, Ausgrenzen, Beleidigen und Bedrohen von Personen über Handy, Computer und Internet in Nachrichten, das Aneignen der Identität einer anderen Person, das Zusenden und Weiterleiten von pornografischen Bildern und Videos, aber auch Ausspionieren und Abfangen von Daten und die Ortung und digitale Überwachung von Personen durch PC und Handy.
Digitale Gewalt funktioniere nicht getrennt von analoger Gewalt. „Sie stellt meist eine Ergänzung oder Verstärkung von Gewaltverhältnissen und -dynamiken dar. Eine Zunahme von Online-Kriminalität und digitaler Gewalt sieht auch der Leiter der Polizeidirektion Werra-Meißner, Christopher Pfaff, auf die Polizei zukommen. Schon in der Vergangenheit hätten hier Anzeigen zugenommen. (Tobias Stück)
Hier bekommen Frauen Hilfe
Zwischen 800 und 1.000 Beratungsgespräche führen Anja Axt und Ulrike Gätje telefonisch und persönlich pro Jahr. Wenn sie nicht selbst weiterhelfen können, leiten sie die Frauen an die zuständigen Fachstellen weiter. Neben einer einmaligen Beratung gibt es auch Fälle, die von den Fachberaterinnen über Monate und Jahre begleitet werden. Das geht dann so weit, dass sich die Expertinnen mit allen Beteiligten vernetzen, auch Gespräche mit Jugendamt und Anwälten führen. Die Betreuung unterliegt der Schweigepflicht und ist kostenlos.
Kontakt: Die Fachberatung befindet sich am Hospitalplatz 1-3 in Eschwege und ist unter 0 56 51/4 79 89 55 oder beratung@fbs-werra-meissner.de zu erreichen. (ts)