Pogromnacht Herleshausen

„Erlebtes nie vergessen“: Herleshausen erinnert an Schrecken der Pogromnacht

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An der Lauchröder Straße 3 stand vor über 80 Jahren die Herleshäuser Synagoge. Unter Mitwirkung der Schüler der Südringgauschule erinnerte Helmut Schmidt (links) für den Arbeitskreis Stolpersteine an die Schrecken.
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Mit einer Gedenkveranstaltung haben der Arbeitskreis Stolpersteine und Schüler der Südringgauschule in Herleshausen an die Schrecken der Pogromnacht erinnert.

Herleshausen – Der Transporter erreicht Buchenwald in der zugigen Novemberkälte. Der Lastwagen liefert keine Ware, in seinem Inneren blicken Menschen einer ungewissen Zukunft entgegen: „Schutzhäftlinge“, allesamt Juden, denen niemand gesagt hat, wohin man sie bringt. Doch hätte ihnen jemand erzählt, dass sie nach Buchenwald kommen, was hätten sie sich darunter im November 1938 vorstellen sollen? Buchenwald bei Weimar – dieser Name sollte erst nach ihrer Ankunft und der so vieler anderer zum Symbol des Terrors werden. Aussteigen. Es ist windig, regnerisch, die Kälte kriecht in die Knochen. Die „Schutzhäftlinge“ werden von SS-Männern im Laufschritt zu den Baracken getrieben; dabei wird auf das „Judenpack“ eingepeitscht. Die Männer tragen das, was sie eben anhatten, als sie nach den Novemberpogromen grundlos und ohne rechtliches Verfahren verhaftet wurden.

Auch Herleshäuser sind unter ihnen; Juden über 18 Jahre aus unserer Region. Julius Katz, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Sontra, wird von den Nationalsozialisten nach dem 9. November 1938 ebenfalls in eine solche „Schutzhaft“ genommen. Später wird er seine Erinnerungen zu Papier bringen. Wird berichten von den Demütigungen, der Verwahrlosung, von öffentlichen Auspeitschungen auf dem Appellplatz, dem Durchfall, der das ganze Lager plagt. Von der Angst, der Ungewissheit, dem Elend. „Man kann das Erlebte nicht vergessen“, steht dort geschrieben. „Die Erinnerungen werden mitgenommen bis zum letzten Atemzug.“

Der Arbeitskreis Stolpersteine im Werratalverein Südringgau ist der Aufzeichnungen Julius Katz’ habhaft geworden. Sie sind der Mittelpunkt der würdigen Gedenkveranstaltung am gestrigen Donnerstag (9. November) an der Lauchröder Straße 3 – jenem Ort, an dem vor 85 Jahren die örtliche Synagoge zerstört worden ist. In den Tagen darauf werden auch die Herleshäuser Juden in die so zynisch als „Schutzhaft“ betitelte Gefangenschaft genommen.

„Es ist wichtig, diese historischen Abläufe immer wieder ins Bewusstsein zu rücken“, sagt Helmut Schmidt für den Arbeitskreis. Die Monstrosität jener Tage erschließt sich nicht allein durch die Bilder brennender Synagogen – es sind Schilderungen wie die von Julius Katz, die verstummen und das Herz schwer werden lassen. Julia Schöngart, Lehrerin an der Südringgauschule, Rektorin Regina Nizold, Dr. Michael Neitzel, Pfarrer Dr. Manfred Gerland und Helmut Schmidt verlesen abwechselnd Auszüge aus den Aufzeichnungen Julius Katz’. Ihren Worten lauschen im Nieselregen gebannt Herleshäuser und Gäste aus den umliegenden Orten – unter ihnen Bürgermeister Lars Böckmann, Dr. Martin Arnold und Thomas Beck aus Datterode – sowie eine Delegation von Schülern der Südringgauschule. Beamte der Polizeistation Sontra sichern die Veranstaltung ab; der stellvertretende Leiter Michael Heusner ist persönlich abwesend.

Verantwortungsbewusst soll in Herleshausen erinnert werden an diese Tage, als sich das Tor zur Hölle öffnete. Dr. Karl Kollmann, der bereits für die Chronik „1000 Jahre Herleshausen“ das dunkle Kapitel der NS-Zeit in der Gemeinde erforscht hat, versorgt die Zuhörer mit fundierten Informationen rund um die Reichspogromnacht. „Nehmen Sie diese Informationen in Ihren Herzen auf“, mahnte Helmut Schmidt – „und treten Sie antisemitischer Hetze mit guten Argumenten entgegen.“ (Emily Hartmann)

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