VonChristoph Manusschließen
Der Frankfurter Planungsdezernent Marcus Gwechenberger spricht im FR-Interview über Leerstand auf der Zeil, Spielplätze auf dem Kaufhausdach und die Zukunft der Hauptwache.
Die Zeil ist in einem riesigen Umbruch. Der stationäre Einzelhandel steckt seit Jahren in einer tiefen Krise. Einige einst sehr erfolgreiche Warenhäuser und Modekaufhäuser sind schon lange verschwunden. Andere kämpfen gegen das Aus. Gleichzeitig zieht die Frankfurter Einkaufsmeile immer noch wahnsinnig viele Menschen an, planen Eigentümer riesige Investitionen, die die Zeil stark verändern könnten. Der Frankfurter Planungsdezernent Marcus Gwechenberger will diesen Wandel mitgestalten. Und setzt etwa auf eine breitere Nutzungsmischung.
Herr Gwechenberger, wie stark treffen die Insolvenzen von Signa und Galeria Karstadt Kaufhof die Frankfurter Innenstadt?
Deutlich weniger als andere Städte, wie Hamburg, München, Düsseldorf oder auch Berlin. Wir haben keine großen Brachen. Beim Signa-Projekt an der Hauptwache ist der Rohbau so gut wie fertig, die Fassade ist teilweise schon produziert. Wir sind in engem Austausch mit dem Insolvenzverwalter und gehen davon aus, dass wir im ersten Halbjahr eine Lösung finden, wie es weitergeht.
Was ist mit dem Grundstück am Opernplatz, auf dem Signa ein Büro- und Geschäftshaus errichten wollte? Droht dort nun eine längere Brache?
Davon gehe ich nicht aus. Das Grundstück hat eine sehr gute Lage und ist von der Größe überschaubar. Es gibt einen Bebauungsplan und klare städtebauliche Vorgaben.
Was heißt das? Sehen Sie die Chance, dass ein anderer Entwickler das Projekt übernimmt und umsetzt?
Das ist nicht unrealistisch. Auch beim früheren Warenhaus Karstadt, das Galeria gemietet hatte, handelt es sich um ein funktionierendes Gebäude. Es spricht nichts dagegen, dass man es zunächst weiter nutzt. Wir sind mit dem Eigentümer Sahle Wohnen aber auch in Gesprächen über die Entwicklung und weitere Nutzung des Areals. Der vordere Teil des Warenhauses gehört Sahle, der hintere Abschnitt Signa. Wir wollen sicherstellen, dass es künftig auf zwei bis drei Etagen weiterhin Einzelhandel gibt und darüber auch andere Nutzungen.
Sahle würde gern ein Hotel unterbringen …
Auch das prüfen wir. Die Verhandlungen laufen sehr konstruktiv.
Gehen Sie davon aus, dass das große Galeria-Warenhaus an der Hauptwache noch eine Zukunft hat?
Ja. Schon weil es eine so prominente Lage hat. Die Zeil ist nach wie vor eine der wichtigsten Einkaufsstraßen in Deutschland. Die Kundenfrequenz ist wieder genau so hoch wie vor Corona.
Frankfurter Planungsdezernent: „Wir haben an der Zeil keinen riesigen Leerstand“
Wie passt dazu der riesige Leerstand, den es im Norden der Zeil in Nähe der Konstablerwache gibt?
Wir haben an der Zeil keinen riesigen Leerstand. Wo Flächen ungenutzt sind, hat das zum großen Teil mit Investitionen zu tun. Die Eigentümer der großen Liegenschaft, in der früher das Kaufhaus M. Schneider war, planen das Gebäude komplett zu renovieren. Ähnlich ist es beim Esprit-Haus, das nun in ein Geschäftshaus mit größerem Büroanteil umgebaut werden wird.
Die Kundenfrequenzen sind sehr hoch, ob die Umsätze der Geschäfte an der Zeil angesichts des starken Online-Handels auch so gut sind, ist schon weniger klar. Gleichzeitig sind die Mieten aber immer noch sehr hoch. Jetzt schließen etwa die E-Kinos aus finanziellen Gründen …
Sie schließen, weil die Leute in Zeiten von Streamingportalen seltener ins Kino gehen. Wenn ich dort zuletzt einen Film gesehen habe, war es sehr schlecht besucht. Ähnlich ist es beim Einzelhandel. Es wird immer mehr online geshoppt. Und das führt zu geringeren Umsätzen im stationären Handel. Der Einzelhandel steht vor der großen Herausforderung: Wie bekommt man die Kundschaft wieder mehr in die Innenstadt? Es wird um mehr Beratung gehen, hochwertige Dinge ausprobieren und auch reparieren lassen können. Läden mit diesen Angeboten funktionieren weiterhin sehr gut.
Noch mal zu den hohen Mieten. Sind die Eigentümer aus Ihrer Sicht bereit, Mietern entgegenzukommen?
Die Situation ist sehr unterschiedlich. Peek & Cloppenburg ist zum Beispiel in einem eigenen Gebäude. Der Betreiber von My Zeil hat natürlich ein Interesse, dass das Einkaufszentrum funktioniert und ist auch zu Zugeständnissen bereit, um Leerstand zu vermeiden. Teilweise gibt es auch umsatzorientierte Mieten.
Zur Person
Marcus Gwechenberger (47) ist seit Juni 2023 Frankfurter Dezernent für Planen und Wohnen.
Der Sozialdemokrat ist promovierter Geograf und eingetragener Stadtplaner. Zuletzt hatte der Sachsenhäuser als Büroleiter des heutigen Oberbürgermeisters Mike Josef gearbeitet. Zuvor war er etwa für Planungsbüros und die Wohnungsgesellschaft Nassauische Heimstätte tätig gewesen.
Der gebürtige Viernheimer lehrt seit 2011 an der Frankfurt University of Applied Sciences, seit Sommersemester 2023 hat er dort eine Professur für Urbane Transformation inne, diese ruht allerdings derzeit. cm
Wie stark wird sich die Einkaufsmeile in den nächsten Jahren verändern? Sie haben schon die früheren Gebäude von Esprit, M. Schneider und Karstadt erwähnt, wo jeweils um- oder neugebaut werden soll. Werden viele weitere Geschäftshäuser noch umgestaltet werden?
Wir führen verschiedene Gespräche. Uns ist besonders wichtig, dass die Nutzungsvielfalt der Gebäude wächst. Wir wollen auf mindestens zwei Ebenen Einzelhandel oder auch Gastronomie. Restaurants und Cafés könnten auf der Zeil zu mehr Leben in den Abendstunden und am Sonntag beitragen. In den oberen Geschossen sollte es Büros, aber auch mehr Kultur-, Bildungs- und Sportangebote geben. Insgesamt also mehr Mischung.
Woran denken Sie? Soll die Stadtbücherei wieder an die Zeil ziehen?
Das prüfen wir bisher nicht, sie sitzt ja nur wenige Meter von der Zeil entfernt. Ich denke etwa an Hochschulen, die in Räumen an der Zeil Seminare und Konferenzen anbieten könnten. Wir prüfen zudem mit Bildungsdezernentin Sylvia Weber, wo es die Möglichkeit für eine neue Grundschule gäbe.
Eine Grundschule direkt an der Zeil? Das wäre möglich, sagt Stadtrat Gwechenberger
Mitten auf der Zeil?
Selbst das wäre möglich. Das hängt von den konkreten Angeboten ab. Die Schule braucht ja auch Freiflächen. Zu einer größeren Vielfalt an der Zeil könnten auch Galerien oder Konzerträume beitragen. Letztlich geht es um die Frage: Wie bekommen wir die Frequenz auch in die oberen Geschosse? Da werden auch die Dächer eine große Rolle spielen, öffentlich zugängliche Dachgärten und Dachterrassen.
Wo man dann Kaffee oder Bier trinken kann?
Nicht nur. Dort könnte es etwa auch Spielplätze und Sportangebote geben. Daran mangelt es ja in der Innenstadt sehr. Im Hochhausquartier Four hinter dem Roßmarkt entsteht bereits eine öffentlich zugängliche Dachterrasse, die konsumfrei ist. Solche Räume sind uns sehr wichtig.
Die Stadt Hanau hat ein früheres Warenhaus gekauft, auch die Stadt Offenbach will das tun. Kommt es auch für die Stadt Frankfurt infrage, selbst Gebäude in der Innenstadt zu erwerben, um die von Ihnen gewünschte Entwicklung selbst steuern zu können?
Die Situation aus anderen Städten lässt sich nicht unmittelbar auf Frankfurt übertragen. Wir schöpfen zunächst alle anderen Möglichkeiten aus, um die Entwicklung zu steuern. Wir können etwa, wo neu gebaut oder umgebaut werden soll, über städtebauliche Verträge erreichen, dass dort auch nicht kommerzielle Räume entstehen. Viele Eigentümer haben erkannt, dass eine Nutzungsvielfalt auch mit solchen Angeboten ihren gewinnbringenden Etagen positive Effekte bringt.
Loch an der Hauptwache in Frankfurt wird vorerst nicht zur Arena umgebaut
Wann beginnt eigentlich die Neugestaltung der Hauptwache? Schon vor mehr als zwei Jahren hieß es, dass etwas zur Erhöhung der Aufenthaltsqualität geschehen werde: von neuen Bäumen, schattenspendenden Elementen, mehr Bänken war die Rede.
Zunächst wird es nun während der Fußball-EM viele Angebote auf der Hauptwache geben. Anschließend wollen wir dort mit Beteiligungsmöglichkeiten einiges ausprobieren. Es wird neue Sitzmöglichkeiten geben, eine eher temporäre Neugestaltung der Oberflächen, Verschattungselemente sollen aufgebaut werden. Was mir wichtig ist: Die Hauptwache ist aus meiner Sicht ein Ort der Jugendkultur – und soll das auch bleiben.
An was denken Sie?
Dort soll es möglich bleiben, zu skaten. Auch Basketballangebote, von denen es im vergangenen Jahr einige gab, passen dort gut hin. Es kann auch Neues entstehen. Das wollen wir aber nicht vorgeben, sondern im Dialog mit den Jugendlichen entwickeln.
Was ist aus der Idee geworden, die Zwischenebene des riesigen Abgangs zur B-Ebene als Arena für Veranstaltungen zu nutzen?
Wir finden sie weiterhin gut. Sie wird aber nicht so schnell umgesetzt werden können, weil ja der Umbau der B-Ebene beginnen wird. Wir werden die Hauptwache weiterhin als Baustelle erleben. In dieser Zeit wird zum Beispiel ein Teil der Läden in der B-Ebene Ausweichflächen erhalten müssen. So lange macht es wenig Sinn, gleichzeitig weitere größere Umbauten an der Oberfläche anzugehen.

