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Kurz vor der Bundestagswahl gewinnen Grüne, Linke und AfD in Hessen neue Mitglieder. Auch die FDP sieht sich wieder im Aufwind.
Wiesbaden – Kurz vor der vorgezogenen Bundestagswahl am 23. Februar erleben die kleineren Parteien in Hessen eine regelrechte Eintrittswelle. Eine Umfrage der Frankfurter Rundschau bei den jeweiligen Landesverbänden kurz nach dem Jahreswechsel ergibt, dass insbesondere die Grünen und die Linkspartei in den vergangenen Monaten viele neue Mitglieder begrüßen konnten. Die FDP hat zwar Anhänger:innen verloren, vermeldet seit dem Auseinanderbrechen der Ampel-Koalition in Berlin aber ebenfalls steigendes Interesse. Auch die in Teilen rechtsextreme AfD wächst.
Den stärksten Zuwachs der am gescheiterten Ampel-Bündnis beteiligten Parteien erleben der Umfrage zufolge die hessischen Grünen. Anfang des vergangenen Jahres hatte die Landespartei, die damals nach zehn gemeinsamen Jahren mit der CDU aus der hessischen Landesregierung geflogen war, 9686 Mitglieder. Ende des vergangenen Jahres waren es 11 576, was einem Zuwachs von 19,5 Prozent entspricht.
Parteien in Hessen gewinnen Mitglieder – Grüne spüren Rückenwind im Wahlkampf
Wie es von den Grünen heißt, seien mehr als die Hälfte dieser Neumitglieder, nämlich 1059, erst nach dem Ende der Bundesregierung aus SPD, Grünen und FDP eingetreten. Der Landesvorstand freue sich über die „enorm wachsende Mitgliederzahl“, die „starken Rückenwind für den Wahlkampf“ bedeute, hieß es dazu von den Grünen.
Noch etwas stärker, nämlich um rund 19,8 Prozent, ist in Hessen die Partei Die Linke angewachsen. Wie die Partei mitteilte, hatte sie Ende des vergangenen Jahres insgesamt 3652 Mitglieder und damit gut 600 mehr als Anfang des vergangenen Jahres, als es noch 3049 gewesen waren. Durch die vielen Neueintritte werde die Partei auch jünger und weiblicher, fast die Hälfte der Neumitglieder seien Frauen, teilte ein Sprecher der Linken mit.
Die Linke in Hessen gibt sich optimistisch vor der Bundestagswahl
Bei der Landtagswahl im Oktober 2023 war die Linke mit nur 3,1 Prozent der Stimmen das erste Mal seit 2008 aus dem Hessischen Landtag geflogen, bei der Europawahl im Juni vergangenen Jahres hatte sie nur 2,5 Prozent Zustimmung erhalten. Spätestens seit sich das populistische „Bündnis Sahra Wagenknecht“ (BSW) Anfang vergangenen Jahres von der Linken abgespalten hat, befindet sich die Linkspartei bundesweit in einer Krise. In Hessen sieht man sich durch den „deutlichen Zuwachs“ allerdings wieder gestärkt.
Die FDP hatte Ende des vergangenen Jahres nach eigenen Angaben 6715 Mitglieder in Hessen. Ein Jahr zuvor waren es noch 7099 gewesen, die Partei ist also innerhalb von zwölf Monaten um gut fünf Prozent geschrumpft. Obwohl die Partei dazu keine Angaben macht, ist es naheliegend, dass einige der Austritte mit dem Verhalten der FDP in der Bundesregierung und beim Scheitern der Ampel-Koalition zu tun haben. Interne Papiere, in denen das Scheitern der Koalition als „D-Day“ und Beginn der „offenen Feldschlacht“ geplant worden war, hatten Ende vergangenen Jahres eine bundesweite Debatte ausgelöst.
Mehr Interessierte bei der FDP in Hessen
Die hessischen Freidemokrat:innen betonen allerdings, dass die Zahl der Aufnahmeanträge seit dem Ampel-Aus „merklich gestiegen“ sei. Schon bei einem Landesparteitag Ende November in Wetzlar hatte die FDP sich bemüht, die Schuld für das Ende der Koalition SPD und Grünen anzulasten und politisch nach vorn zu schauen.
Die in Teilen rechtsextreme AfD ist in Hessen im abgelaufenen Jahr ebenfalls deutlich gewachsen – sogar um fast 25 Prozent. Nach Angaben der Rechtsaußenpartei hatte sie Ende des vergangenen Jahres 3542 Mitglieder, Ende 2023 waren es demnach noch 2839 gewesen. Mittlerweile, so teilte ein Sprecher mit, sei der hessische der fünftgrößte AfD-Landesverband in ganz Deutschland.
Wenig Bewegung bei den großen Parteien CDU und SPD
Bei der Landtagswahl im Oktober 2023 hatte die AfD 18,4 Prozent der Stimmen erhalten und zog als zweitgrößte Fraktion mit 28 Abgeordneten in den Wiesbadener Landtag ein, von denen mittlerweile allerdings drei die Partei schon wieder im Streit verlassen haben.
Bei den beiden großen Volksparteien hat sich derweil in Bezug auf die Mitgliederzahl zuletzt eher wenig getan. Die SPD hatte als größte Partei in Hessen im Dezember vergangenen Jahres 40 736 Mitglieder und damit gut 2,7 Prozent weniger als Anfang vergangenen Jahres, als es noch 41 889 gewesen waren. Das Schrumpfen könnte mit Unzufriedenheit wegen der Ampel-Regierung zu tun haben, aber auch mit dem Tod älterer Genossinnen und Genossen.
Das neu gegründete BSW spielt eine Sonderrolle
Die CDU, die in Hessen mittlerweile seit 25 Jahren die Landesregierung anführt, steht auf niedrigerem Niveau derweil besser da. Im Januar vergangenen Jahres hatte sie 32 833 Mitglieder, Ende November waren es mit 32 953 genau 120 mehr.
Das BSW nimmt als jüngste Partei derzeit eine Sonderrolle ein. Bei einem Listenparteitag Mitte Dezember in Wiesbaden hatte der erst Mitte Oktober vergangenen Jahres gegründete Landesverband gerade einmal 56 ordentliche Mitglieder. Bundesweit nimmt das BSW Neumitglieder erst nach mehreren politischen Gesprächen auf, was der Partei bereits den Vorwurf eingebracht hat, eine Kaderpartei zu sein. (Hanning Voigts)
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