- schließen
Gregor Haschnik
Jutta Rippegather
Michael Bayer
Die FR diskutiert mit Grünen-Politiker Tarek Al-Wazir, Psychotherapeutin Nina Haible-Baer und Gewerkschafter Jörg Köhlinger. Hier im Video.
Auf dem Podium saßen Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Arbeitswelt:
- Tarek Al-Wazir, Grünen-Politiker und hessischer Wirtschaftsminister
- Nina Haible-Baer, Psychotherapeutin Lehrambulanz des Fachbereichs der Goethe-Universität Frankfurt
- Jörg Köhlinger. Leiter des Bezirks Mitte der Industriegewerkschaft Metall.
Die Moderation übernahm das Redaktionsteam der Frankfurter Rundschau aus dem hessischen Landtag: die Journalistin Jutta Rippegather und ihr Kollege Hanning Voigts.
In fünf Jahren ändere sich jetzt mehr als vorher in 50 Jahren: Der derzeitige Umbruch sei so umfassend, dass er dieser These zustimmen würde, sagte Jörg Köhlinger, Leiter des Bezirks Mitte der IG Metall, gleich zu Beginn des Stadtgesprächs der Frankfurter Rundschau. In seinem Bereich hingen 80 Prozent der Arbeitsplätze vom Verbrennungsmotor ab, dessen Zeit abläuft. „Wir müssen den Wandel begleiten und sicherstellen, dass niemand unter die Räder kommt“.
Die Transformation könne wirtschaftlich wie gesellschaftlich nur gelingen, wenn die Beschäftigten mitbestimmen und mitwirken könnten. Die Energiewende betreffe sie in vielfacher Hinsicht, als Arbeitnehmer:innen, aber auch als Verbraucher:innen und als Menschen, die ein Interesse an einer intakten Umwelt hätten.
FR-Landtagskorrespondent Hanning Voigts, der mit seiner Kollegin Jutta Rippegather moderierte, hatte zuvor nach den Bewegungen in der Welt der Arbeit und ihren Folgen gefragt. „Alles im Wandel – wo bleibt der Mensch?“, lautete der Titel des FR-Stadtgesprächs am Donnerstagabend im Frankfurter Haus am Dom. Trotz des guten Wetters kamen rund 40 Leser:innen. Die Video-Aufzeichnung auf dem Youtube-Kanal der FR wurde bislang 175-mal aufgerufen.
„Gerade in diesen Zeiten ist es wichtig, sich eine eigene Meinung zu bilden, idealerweise im direkten Kontakt“, sagte Chefredakteur Thomas Kaspar bei seiner Begrüßung. Wir lebten in harten Zeiten, in denen zum Teil aus Prinzip nicht mehr zugehört werde, so Kaspar. Doch das mache Demokratie aus: die anderen hören, Kompromisse finden.
Landtagswahl in Hessen
Am 8. Oktober wählt Hessen einen neuen Landtag. Die Frankfurter Rundschau bündelt ihre umfangreiche Berichterstattung in ihrem Onlinedossier zur Hessenwahl.
Die FR führt Interviews mit den Spitzenkandidat:innen. Schließlich bringen wir Themenchecks zu zentralen Fragen der Hessenwahl und stellen die Frankfurter Wahlbezirke vor.
Neben Jörg Köhlinger waren Psychotherapeutin Nina Haible-Baer und Tarek Al-Wazir (Grüne), Hessens Wirtschaftsminister und Spitzenkandidat seiner Partei für die Landtagswahl am 8. Oktober, auf dem Podium. Im Gespräch widmeten sie sich den Umbrüchen in der Arbeitswelt, im Alltagsleben sowie in der Demokratie.
Als Einschnitt nannte Therapeutin Haible-Baer, die in der Lehrambulanz des Fachbereichs der Goethe-Uni Frankfurt tätig ist, die Corona-Pandemie. Sie habe etwa bei Kindern und Jugendlichen Spuren hinterlassen, weil diese aufgrund der eingeschränkten sozialen Kontakte „Entwicklungsaufgaben“ zum Teil nicht vollziehen konnten.
Menschen seien grundsätzlich anpassungsfähig. Wie gut sie Veränderungsprozesse bewältigen könnten, hänge stark davon ab, „welche Wahlmöglichkeiten sie haben“. Manche betrachteten Homeoffice zum Beispiel als Befreiung, weil sie dadurch mehr Zeit für ihre Kinder hätten. Andere wiederum vereinsamten, weil ihnen der Austausch mit den Kolleg:innen fehle. Bedürfnisse seien individuell, deshalb brauche es verschiedene Optionen. Dann würden weniger Menschen mit Abwehr reagieren, weil sie einen Verlust fürchteten.
Al-Wazir erzählte, es sei ihm besonders wichtig, möglichst intensiv zu erklären, auch im persönlichen Gespräch, und eine „optimistische Perspektive“ zu bieten, denn: Viele fühlten sich angesichts der vielen Veränderungen „überfordert“ und verklärten zum Teil die Vergangenheit.
Ein Schwerpunkt der Debatte lag auf dem menschlichen Empfinden, aber es gab auch kritische politische Aussagen. „Die hessische Landesregierung hat keine industriepolitische Strategie“, bemängelte Köhlinger.
Im Gegensatz zu Thüringen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland, wo er ebenfalls aktiv ist, habe das Land auch keine großen Ansiedlungen erreicht, den „Hessischen Zukunftsrat Wirtschaft“ spät einberufen und hier zu wenige Expert:innen von Gewerkschaften einbezogen. So könne es nicht weitergehen, wenn Hessen die Transformation meistern wolle.
Al-Wazir widersprach und führte unter anderem an, es komme im Rat nicht auf die Zahl der Vertreter:innen, sondern die „Kraft der Argumente“ an. Hessen fördere bewusst und erfolgreich kleinere und mittlere Unternehmen, auch weil diese keine Abteilungen für Chancen-Management hätten und die Transformation dort sehr wichtig sei. Und die Ansiedlungen in den genannten Ländern seien in erster Linie „durch Subventionen erreicht“ worden. Die Landesregierung sei diesen Weg bislang nicht gegangen. Ein Grund: Anders als den Nachbarn gehe es Hessen und seiner Wirtschaft gut, derartige Eingriffe in den Markt seien deshalb gar nicht möglich.
Später beschrieb Al-Wazir, wie sich auch die Politik seit Jahren in einer extrem angespannten Situation befinde: „Sie können sich überhaupt nicht vorstellen, was bei uns los war.“ In der Hochphase der Energiekrise im Zuge des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine sei es Tag und Nacht um die Frage gegangen: „Wie lange schaffen wir es noch, bis das Licht ausgeht?“
Sorgen äußerten die Teilnehmer:innen in Bezug auf die Bedrohung der Demokratie von Rechts. Köhlinger erklärte, die Angreifenden würden von „handwerklichen Fehlern“ der Politik profitieren, auch von der „extrem schlechten“ Kommunikation der Bundesregierung beim Heizungsgesetz. Gleichzeitig, so Köhlinger, sei es wichtig, die AfD zu stellen, aufzuzeigen, dass sie keinerlei Lösungen für existierende Probleme habe.
Bevor die Diskussion für das Publikum geöffnet wurde, fragte Rippegather nach den Perspektiven für die nächsten Jahre und Prinzipien, die beim Lösen der Herausforderungen helfen.
Haible-Baer hob hervor, es sei wichtig, mit positivem Beispiel voranzugehen und Erfahrungen herauszustellen, bei denen Veränderungen erfolgreich bewältigt wurden. Verantwortliche müssten sich Zeit nehmen, Dinge zu erklären und die Lebensrealität der Leute berücksichtigen.
Al-Wazir ergänzte, es werde darauf ankommen, mit Mut voranzugehen: „Ohne Hoffnung kann man nichts positiv verändern.“ Der Wandel dürfe aber nicht zu schnell gehen, weil man ansonsten zu viele Menschen verliere.
FR-Forum: Junge Generation fragt nach Hessens globaler Verantwortung
Schülerinnen und Schüler sowie junge Menschen mit migrantischem Hintergrund fragen die Politik: Wie engagiert sich Hessen in der Entwicklungszusammenarbeit, im fairen Handel, bei der Integration von Menschen aus dem globalen Süden?
Um diese Fragen geht es bei einem Forum zur Landtagswahl, zu dem die Frankfurter Rundschau, die Katholische Akademie Rabanus Maurus und das Entwicklungspolitische Netzwerk Hessen (EPN) für Mittwoch, 13. September, 19 Uhr, in das Haus am Dom, Domplatz 3, in Frankfurt einladen.
Rubriklistenbild: © Renate Hoyer



