VonMadeleine Reckmannschließen
Eine Wiesbadener Bürgerenergiegenossenschaft will Strom entlang der A3 erzeugen. Mit einer Anlage könnte auch Teile der Bevölkerung mitverdienen.
Die Idee für die Wiesbadener Bürgerenergiegenossenschaft kommt ursprünglich aus dem Ortsbeirat des Stadtteils Breckenheim. Der Stadtteil hat die Autobahn 3 direkt vor der Nase. Und was liegt da näher, als die direkte Nachbarschaft auch zu nutzen?
Entlang der A3 und der Bahntrasse Köln - Frankfurt, genauer zwischen Niedernhausen und Raunheim nördlich des Wiesbadener Kreuzes, könnte doch eine großflächige Photovoltaikanlage (PV) entstehen, an deren Gewinn die Breckenheimer Bevölkerung mitverdienen könnte, so der Gedanke.
Aber den Menschen in den angrenzenden Stadtteilen gefällt die Vorstellung auch so gut, dass die Initiatoren und Ortsbeiratsmitglieder Manuel Köhler (CDU), Uwe Schwarzloh (CDU) und Christoph Völker (SPD) den Wirkungskreis jetzt auf die gesamte Landeshauptstadt ausdehnen. Von vielen Seiten habe er Anfragen und Interessensbekundungen erhalten, berichtet Köhler; Landwirte wollten ihre Äcker und Wiesen für PV-Anlagen hergeben, einige Personen hätten die Bereitschaft erklärt, mit größeren Summen ins Geschäft einzusteigen. Am kommenden Dienstag (13. Juni) soll sich die erste Wiesbadener Bürgerenergiegenossenschaft gründen. Köhler rechnet mit großem Interesse. Es gehe darum, so viele Genossenschaftsanteile wie möglich einzuwerben. Das Kapital ist als Grundstock für die Investitionen gedacht. Ein Genossenschaftsanteil soll 500 Euro kosten. Je mehr Anteile und je kleiner der Kredit, desto größer die Rendite - eine einfache Rechnung.
Möglich ist die PV-Nutzung entlang der Autobahn, weil die Bundesregierung im Januar das Erneuerbare-Energien-Gesetz geändert hat. Künftig kann das Fernstraßenbundesamt das Verbot, die Randstreifen mit einem Abstand von 40 Metern zur Autobahn zu bebauen, mit Ausnahmegenehmigungen aufheben. Wegen des übergeordneten Interesses an erneuerbaren Energien sind zudem die Flächen im Abstand von 200 Metern zur Autobahn zu privilegierten Flächen erklärt worden. Dort ist kein Bebauungsplanverfahren mehr nötig, sondern nur noch ein Bauantrag. „Das wird den Bau deutlich beschleunigen“, hofft Köhler. Die Stadtverordnetenversammlung muss nicht mehr zustimmen.
Auf den Gedanken, entlang der A3 Photovoltaikanlagen zu errichten, ist man auch in der Nachbarstadt Hochheim gekommen. Wie Bürgermeister Dirk Westedt (FDP) auf FR-Anfrage mitteilte, prüfe die Stadt gerade deren Bau bei Massenheim.
Die Bürger:innen sollten unbedingt beteiligt werden. Nur mit welchem Modell stehe noch nicht fest, so Westedt. Es ist also wahrscheinlich, künftig auf der A3 zwischen PV-Anlagen auf beiden Seiten zu fahren. Anders als die Wiesbadener haben die Hochheimer den Vorteil, Eigentümerin der infrage kommenden Flächen zu sein.
Boom in Hessen
Das Ausbautempo bei Photovoltaik- anlagen hat sich seit 2018 in Hessen mehr als verfünffacht. Nach Auskunft des Wirtschaftsministeriums gingen im vergangenen Jahr 25 417 kleine und große Anlagen neu in Betrieb. Für dieses Jahr rechnet es mit einer weiteren deutlichen Zunahme.
Im Jahr 2018 waren den Angaben zufolge erst 4860 neue Anlagen installiert worden. Zwei Jahre später waren es bereits 11 731, ein Jahr später 15 054.
Vor dem Ukrainekrieg habe sich der Zubau von Jahr zu Jahr beschleunigt. 2022 sei dann noch mal ein Extraschub gekommen. Jeden Tag seien im Durchschnitt 70 Anlagen ans Netz gegangen, der Gesamtbestand sei binnen eines Jahres um ein Sechstel gewachsen.
Mitverantwortlich dafür könnten die von der Bundesregierung Mitte 2022 erheblich verbesserten Rahmenbedingungen sein: Vergütungssätze wurden erhöht, bürokratische Hindernisse abgebaut. Ende des vergangenen Jahres lockerte Hessen die Vorschriften für Photovoltaikanlagen auf Hausdächern. In Arbeit ist ein neues kreditbasiertes Förderprogramm für Anlagen auf privaten Wohnhäusern. Geplant ist, die zulässige Höchstleistung für landwirt-schaftliche Flächen deutlich anzuheben.
Das Hessische Solarkataster ermittelt für jedes Gebäude, ob und in welcher Form sich eine Solaranlage rechnet. jur
www.energieland.hessen.de
In Wiesbaden gleichen die Eigentumsverhältnisse einem Flickenteppich. Privatleute, Landwirte und die Stadt besitzen Grundstücke, auch die Bahn hat dort laut Köhler Ausgleichsflächen, für die Ersatz gefunden werden müsste.
Der Vorteil einer Genossenschaft, so steht es auf der Website des Genossenschaftsverbands, sei die große Akzeptanz für die Projekte in den Kommunen. Verschiedene Akteure mit ihren unterschiedlichen Interessen könnten sich zu einer gemeinsamen Unternehmung zusammenfinden. Der Protest gegen Infrastruktur kann sich in Wohlgefallen auflösen, wenn die Menschen in den Kommunen mitverdienen.
Köhler jedenfalls hat noch von keinem Widerstand gegen das Projekt gehört. Nach der Gründung der Bürgerenergiegenossenschaft wird ein Projektierer für das Vorhaben beauftragt. Er soll geeignete Flächen suchen, die behördlichen Genehmigungen einholen, die technischen Fragen klären und den Bau überwachen. In zwei bis drei Jahren könnte der erste Strom fließen.
Die Wiesbadener Bürgerenergiegenossenschaft will sich nicht nur auf die PV-Anlagen entlang der A3 beschränken. „Das Flächenpotenzial im Wiesbadener Osten ist groß“, sagte Köhler. In den ländlichen Wiesbadener Stadtteilen auf den sanften Hügeln herrscht noch Landwirtschaft vor. Erste Agri-Photovoltaik-Versuche, auf demselben Acker Pflanzen anzubauen und mit PV-Anlagen Sonnenstrom zu ernten, haben gute Erfolge erzielt. Die Anlagen werden je nachdem, was angebaut werden soll, hoch aufgeständert, so dass darunter Obstbäume, Beerensträucher oder andere Kulturen wachsen können. Allerdings würden möglichst große und zusammenhängende Flächen benötigt, um die Anlagen rentabel zu machen, räumt Köhler ein.
FR|Klima Frankfurt
Dieser Text ist Teil eines Schwerpunkts zum Thema Solarstrom in Frankfurt und Rhein-Main. Lesen Sie auch, was sich Frankfurt auf dem Weg zur Klimaneutralität alles vornimmt und Fragen und Antworten zum Thema Mini-PV-Anlagen.
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Der Wiesbadener Energiedienstleister Eswe-Versorgung muss die Elektrizität ins Netz einspeisen. Noch darf der selbst erzeugte Strom nicht selbst verbraucht werden. Doch Köhler geht davon aus, dass auch das bald geändert wird. Um Breckenheim zu versorgen, brauche man eine PV-Anlage auf fünf Hektar Land.
