Tierseuche

Schweinepest in Südhessen ausgebrochen: Fassungslosigkeit bei den Schweinehaltern

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Ernstfall für die Gefahrenabwehr des Kreises Groß-Gerau: die Schweinepest auf dem Hof der Familie Roth in Riedstadt-Wolfskehlen.
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Es ist völlig unklar, warum die Afrikanische Schweinepest auf einem vorbildlich geführten Hof in Riedstadt-Wolfskehlen (Kreis Groß-Gerau) ausgebrochen ist.

Riedstadt – Feuerwehrautos stehen auf einer Zufahrt zu einem Bauernhof, Einsatzkräfte rollen auf dem Feldweg eine orangefarbene Plane aus, Menschen in Schutzanzügen sind hinter einem Gitterzaun rund 100 Meter weiter zu sehen. Die Afrikanische Schweinepest (ASP) ist im Außenklimastall der Familie Roth ausgebrochen – und der Hof in Riedstadt-Wolfskehlen (Kreis Groß-Gerau) ist quasi Hochsicherheitsgebiet. Was am Mittwoch hinter dem Zaun in einer großen Box vor sich geht, soll weder die Bevölkerung noch die Presse sehen: Sämtliche Schweine des Mastbetriebs werden mit der Elektrozange getötet. Die Gefahr, dass das Virus verschleppt wird, wäre darüber hinaus viel zu groß, wenn sich dort nicht desinfizierte Leute aufhalten.

Wegen Schweinepest muss Stall in Riedstadt auseinandergenommen werden

Landrat Thomas Will (SPD) deutet auf die Szenerie hinter dem Metallzaun. „Solche Bilder wollen wir nicht sehen, müssen uns aber darauf einstellen, dass es nicht die letzten sind“, sagt er. Wie die Schweinepest in den Stall der Familie Roth kam, sei auch hier – wie auch schon bei den anderen ASP-Fällen in Mastbetrieben in Stockstadt, Groß-Gerau und Biebesheim – nicht klar. „Auch bei Mastbetrieben, die alles richtig gemacht haben, hat der Erreger zur Katastrophe geführt.“ Das Virus ist für Schweine hochansteckend, für Menschen und andere Tiere aber ungefährlich.

Die Landwirtsfamilie Roth ist nicht vor Ort. „Das kann ich der Familie nicht zumuten“, sagt Katrin Stein, die Amtstierärztin des Kreises Groß-Gerau – auch wenn am Mittwochvormittag beim Töten der insgesamt 157 Schweine kein Quieken zu hören ist. „Wir übergeben ihnen morgen früh den Betrieb wieder.“ Dann bleibt noch genug Arbeit: Das Gebäude muss auseinandergenommen, quasi in den Rohzustand versetzt werden. Alles bis hin zur kleinsten Schraube muss desinfiziert werden.

Mit einer Elektrozange werden die infizierten Hausschweine getötet.

Für den Bürgermeister ist die Schweinepest ein „Riesen-Desaster“

Die Besitzer seien „fassungslos, wie das trotz aller Vorsichtsmaßnahmen passieren konnte“. Der Außenklimastall in Wolfskehlen ist neu gebaut, ist von dem Gitterzaun umgeben, der für Wildschweine zu engmaschig und zu hoch ist. Die Amtstierärztin bezeichnet den Stall als vorbildlich, das Veterinäramt sei bei der Planung involviert gewesen.

Auch Riedstadts Bürgermeister Marcus Kretschmann (CDU) ist sich sicher, dass die Familie, die eine Landmetzgerei und einen Hofladen betreibt, „bestimmt alles getan hat“, um eine Infektion mit dem Schweinepest-Virus zu vermeiden. Der Betrieb sei vorangegangen, habe versucht, Schweinemast modern zu betreiben. Er spricht von einem „Riesen-Desaster“. Man müsse Wege finden, damit die gebeutelten Betriebe „wieder auf die Beine kommen“.

Quarantäne im Kreis Groß-Gerau für zwei lange Jahre

Der Landrat sieht das ähnlich. Wenn in drei Monaten alles wieder sauber und desinfiziert sei, seien die betroffenen Mastbetriebe gut beraten, nicht wieder Schweine in den Stall einzustellen, weil sie in der infizierten Zone liegen, in der noch eine Viruslast da sei. Das Friedrich-Löffler-Institut habe von einer Quarantäne-Situation von zwei Jahren gesprochen, der Kreis werde also mit der Bekämpfung der Schweinepest wohl bis Ende 2025 zu tun haben. „Wir werden alles dafür tun, dass die Seuche im Kreis bleibt“, sagt Amtstierärztin Stein. „Im Moment sprechen wir von einer Epidemie. Wenn die Seuche endemisch wird, haben wir verloren.“

„Es muss eine Antwort auf die Frage geben, was passiert, wenn die Schweinezucht nicht mehr möglich ist“, sagt Will. „Eine Antwort, die als Blaupause für andere Landkreise gelten kann“ – auch wenn bisher nur der Kreis Groß-Gerau betroffen ist. Bei Kosten in Millionenhöhe seien der Bund und die EU gefragt.

Im Kreis Groß-Gerau gibt es noch vier große schweinehaltende Betriebe – der größte in Gernsheim-Allmendfeld mit rund 1200 Tieren. Der Schweinebestand im Kreis lag bei rund 4000 Tieren. Erst vor einer Woche mussten wegen des Seuchenausbruchs 1100 Tiere in einem Mastbetrieb in Stockstadt getötet werden.

Leinenpflicht ernst nehmen

Für den gesamten Kreis Groß-Gerau gilt wegen der hochansteckenden Schweinepest eine allgemeine Leinenpflicht für Hunde im gesamten öffentlichen Straßenraum. Eine Hundeleine darf nicht länger als fünf Meter sein. Des Weiteren dürfen öffentliche Wege nicht verlassen werden.

Die Stadtpolizei in Riedstadt hat wiederholt feststellen müssen, dass immer wieder insbesondere gegen die Hundeleinenpflicht verstoßen wird.

Ein eindringlicher Appell geht deshalb an die Bevölkerung, die Allgemeinverfügungen des Kreises zu beherzigen. Die Auflagen werden von Polizei und Stadtpolizei kontrolliert. Bei Nichtbeachtung kann ein Bußgeld in Höhe von 100 Euro verhängt werden.

Übertragen Schnaken die Schweinepest von Wildschweinen auf Hausschweine?

Das Virus, das bei den kranken Hausschweinen gefunden wurde, weise die gleiche Gensequenz auf wie die mittlerweile 46 gefundenen infizierten Wildschweinkadaver, sagt die Amtstierärztin. Bei der Ansteckung müsse immer Blut im Spiel sein, erklärt sie. „Es reicht ein Tropfen Blut, der sogar getrocknet sein kann.“

Feuerwehrleute bauen auf der Zufahrt zum Bauernhof eine Schleuse zur Desinfektion der Fahrzeuge auf.

Rohwürste würden beispielsweise noch Blut enthalten, das sich bis zu einem Jahr halte, wenn sie nicht erhitzt werden. Ein Wildschwein, das ein achtlos weggeworfenes Stück Wurstbrot frisst, sei dann Überträger. Der Mensch sei der größte Faktor für die Verschleppung. Man habe darüber philosophiert, ob es eine Übertragung auf die Hausschweine durch Schnaken geben könne, sagt der Landrat. Bisher seien aber keine solchen Fälle bekannt, erklärt die Amtstierärztin.

Inzwischen ist die Dekontaminationsschleuse fertiggestellt. 80 Meter ist die Plane lang, auf der am Donnerstag auch der Lastwagen der Tierkörperbeseitigung desinfiziert wird. Dort enden die Hausschweine. Sie werden, erst zerstückelt, dann verbrannt.

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