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Die diesjährigen CSDs in Hessen stehen unter dem Eindruck neuer Feindseligkeiten. Die Vorfreude ist groß – doch sie geht vielerorts auch mit einem Gefühl der Unsicherheit einher.
Hessen - Bei den Christopher Street Days (CSD) feiert die queere Community in Hessen Vielfalt und Toleranz. Nach dem CSD in Hanau am vergangenen Samstag (28. Juni) wird an diesem Samstag (5. Juli) auf dem Kurhausvorplatz in Bad Homburg ein Zeichen für „Liebe, Vielfalt und Gleichberechtigung“ gesetzt, wie es die Veranstalter auf ihrer Instagram-Seite mitteilen.
Der CSD erinnert an eine Polizei-Razzia im Jahr 1969 in New York, bei der Einsatzkräfte eine Bar in der Christopher Street stürmten. Sie durchsuchten die Gäste, verlangten Ausweispapiere und nahmen Personen fest, die sie für homosexuell hielten oder deren Kleidung nicht den stereotypen Geschlechterrollen entsprach. In der Folge lehnte sich die queere Community gegen die Diskriminierung auf. Bis heute wird um diesen Tag herum der Christopher Street Day gefeiert, um ein Zeichen für Vielfalt zu setzen.
Rechtsextreme mobilisieren in Hessen gegen den CSD
Während die Vorfreude auf die Feierlichkeiten überwiegt, geht sie in diesem Jahr vielerorts mit einem Gefühl der Unsicherheit einher– genährt durch Ereignisse, die einmal mehr die Anfeindungen gegenüber queeren Personen sichtbar machten. So wurden etwa kurz vor einer Kundgebung für Vielfalt im Juni im ostbrandenburgischen Bad Freienwalde Teilnehmende – teils aus der queeren Community – von mutmaßlichen Neonazis angegriffen. Und der Regensburger CSD am kommenden Samstag etwa wurde aufgrund einer „abstrakten Gefährdungslage” umgeplant, um die Sicherheit der Teilnehmenden zu gewährleisten.
Auch im hessischen Wetzlar zeigte sich, dass im Vorfeld des CSD im Juni aus dem rechtsextremen Spektrum gegen die Veranstaltung mobilisiert wurde. Zwar nahmen letztlich nur wenige Menschen an der Gegendemonstration teil, doch das Bedrohungsgefühl war für die Organisierenden und Teilnehmenden „immens“, wie die LSBT*IQ-Netzwerkstelle Nordhessen auf Anfrage von IPPEN.MEDIA zur allgemeinen Stimmungslage in den Communities mitteilte. Sie berichten von zunehmendem Unmut, den queere Menschen vor allem gegen die kleineren beziehungsweise ländlicheren CSDs wahrnehmen.
Der Verein der queeren Community in Darmstadt, Vielbunt, spricht auch von finanziellen Auswirkungen: .„Die bundesweit wirkende queerfeindliche Rhetorik von vielen Akteur*innen schadet uns dieses Jahr im Vorfeld bei der Finanzierung des Christopher Street Days sehr“, heißt es.
Der Demotag in Frankfurt in Bildern: 15.000 Menschen gegen Rechtsextremismus auf der Straße




Sicherheit hat oberste Priorität – sowohl bei der Planung als auch auf dem Weg zum CSD
Was eigentlich ein Tag der Sichtbarkeit sein soll, beginnt für viele aber schon seit Jahren mit Abwägungen: „Die Wahrscheinlichkeit auf Hin- und/oder Rückweg verbal oder physisch angegriffen zu werden, ist deutlich höher“, sagt die LSBT*IQ Netzwerkstelle Nordhessen. Bereits seit einigen Jahren weist sie darauf hin, dass Teilnehmende „in Gruppen und/oder ‚inkognito‘ anreisen können, um sich ein bisschen besser zu schützen“, heißt es weiter.
Das Gefühl von Unsicherheit betrifft nicht nur die Teilnehmenden auf dem Weg zum CSD, sondern wirkt sich auch auf die Veranstaltenden aus. In Hanau etwa teilten sie im Vorfeld IPPEN.MEDIA mit, dass sie in diesem Jahr bewusst auf einen öffentlichen Demo-Post und auf die Veröffentlichung der Route verzichten – um „keine Gruppen, die uns vielleicht weniger wohlgesonnen sind, auf Ideen zu bringen“, wie es heißt. Auch ein Bühnenprogramm auf dem Freiheitsplatz wurde aus Sicherheitsgründen ausgelassen.
Die Communities weisen darauf hin, dass die Gewalt im Kontext der CSDs nur einen kleinen Teil der Feindseligkeiten gegenüber queeren Menschen darstellt. Sie wünschen sich daher mehr Solidarität von Gesellschaft und Politik. „Besonders mehrfach marginalisierte, queere Personen, zum Beispiel Schwarze Queers, Queers mit Behinderung oder jugendliche Queers, sind immer stärker Anfeindungen ausgesetzt“, teilt die LSBT*IQ-Netzwerkstelle Nordhessen gegenüber IPPEN.MEDIA mit.
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