VonUlrike Hagenschließen
Niedersachsen steckt in der Wasser-Krise. Eine neue Studie belegt das mit dramatischen Zahlen: Fast jeder zweite Landkreis ist von Grundwasserstress betroffen.
Hannover – Der Klimawandel macht sich in Niedersachsen bereits dramatisch bemerkbar: Der März 2025 brachte eine noch nie dagewesene Dürreperiode über das Bundesland. Über Wochen hinweg fielen praktisch keine Niederschläge, was zu einer extremen Austrocknung der Böden führte.
Mit 2,4 Grad über dem langjährigen Durchschnitt war der März 2025 europaweit der heißeste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. „Die Klimakrise ist in Niedersachsen angekommen“, betont Umweltminister Christian Meyer. Gleichzeitig erreichten nur 21 Prozent der üblichen Niederschlagsmenge das Land – verglichen mit der Referenzperiode von 1991 bis 2020. „Noch nie hat es seit Beginn der Wetteraufzeichnungen weniger geregnet als im März 2025“, erklärt Meyer weiter. „Bundesweit gehörte Niedersachsen damit zu den niederschlagsärmsten Regionen.“
Dramatische Auswirkungen auf das Grundwasser
Diese extreme Trockenheit hat gravierende Konsequenzen für die Wasserversorgung in Niedersachsen. Die am Montag (16. Juni) veröffentlichte Studie des Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE) für den BUND offenbart dramatische Zahlen: In 21 von 45 niedersächsischen Landkreisen und kreisfreien Städten herrscht „Grundwasserstress“. Das entspricht fast der Hälfte des Bundeslandes – 47 Prozent.
Susanne Gerstner, Landesvorsitzende des BUND Niedersachsen warnt eindringlich: „Die Ergebnisse sind ein Weckruf: Niedersachsen ist in besonderem Maße vom Rückgang und der Übernutzung seiner Grundwasservorkommen betroffen.“
Bundesweit zeigt sich ein ähnlich besorgniserregendes Bild: Die Wissenschaftler stellen fest, dass trotz Deutschlands Ruf als wasserreiches Land mittlerweile 201 von 401 Landkreisen und kreisfreien Städten unter strukturellem oder akutem „Grundwasserstress“ leiden. Klimatische Veränderungen, Bevölkerungswachstum und wirtschaftliche Entwicklungen führen zu immer häufigeren Wasserengpässen – ein Trend, der auch Niedersachsen nicht verschont.
Trotz Regen bleibt es zu trocken: Wald und Felder kämpfen mit Niederschlagsdefizit
Besonders alarmierend: Hier ist in insgesamt 15 der 21 betroffenen Landkreise und kreisfreien Städte der Wassermangel akut – die Grundwasserpegel sind zwischen 2012 und 2021 signifikant gesunken.
Verschiedene Verursacher des Wassermangels
„Diesen zunehmenden Trend zu mehr Dürre und Trockenheit müssen wir mitdenken, wenn wir uns Gedanken darüber machen, wie wir unsere Gewässer künftig bestmöglich weiterentwickeln und schützen können“, mahnt Umweltminister Christian Meyer.
Laut Studie fließt der größte Teil des geförderten Wassers zwar in die Trinkwasserversorgung. Doch auch die intensive Landwirtschaft, besonders in Regionen mit sandigen Böden wie dem Heidekreis oder der Region Hannover, zieht erhebliche Mengen aus dem Grundwasser. Diese Gebiete sind besonders problematisch: In solchen Arealen müssen Felder regelmäßig bewässert werden, da die Böden Wasser schlecht speichern können.
In Kreisen wie Gifhorn, Peine oder Lüchow-Dannenberg überwiegt die gewerbliche Grundwassernutzung sogar die öffentliche Versorgung. Auch Metall- und Chemieindustrie sowie die Stahlproduktion im Landkreis Salzgitter tragen landesweit zum Wassermangel bei. „In den Regionen nördlich von Hannover bis Cuxhaven zeigen sich deutlich sinkende Grundwasserstände, die sowohl durch Übernutzung als auch durch die klimabedingt geringere Neubildung verursacht werden“, heißt es.
In diesen Landkreisen Niedersachsens gibt es akuten Grundwasserstress:
- Cloppenburg
- Vechta
- Diepholz
- Wesermarsch
- Cuxhaven
- Osterholz
- Rotenburg (Wümme)
- Stade
- Heidekreis
- Hannover
- Celle
- Lüneburg
- Lüchow-Dannenberg
- Helmstedt
- Goslar
In diesen Landkreisen Niedersachsens gibt es strukturellen Grundwasserstress:
- Wilhelmshaven
- Oldenburg
- Osnabrück
- Diepholz
- Verden
- Hannover
- Peine
- Salzgitter
- Gifhorn
- Helmstedt
- Lüchow-Danneberg
Experten fordern strengere Maßnahmen
Gerstner mahnt: „Angesichts der Klimakrise und steigender Nutzungsansprüche brauchen wir dringend striktere Vorgaben und wirksame Maßnahmen zum Schutz unseres Grundwassers. Trinkwasser ist das wichtigste Lebensmittel und nicht ersetzbar – deshalb müssen wir den Verbrauch reduzieren, die Nutzung stärker priorisieren und mehr Wasser in der Landschaft halten.“
Robert Lütkemeier, Studienautor und Leiter des Forschungsfelds Wasser und Landnutzung am ISOE betont die Brisanz der Lage: „Die lokale Verfügbarkeit von Grundwasser ist elementar für die Trinkwasserversorgung, die Landwirtschaft und auch für die Industrie.“ Der Wassermangel berge Konfliktpotential um die Ressourcennutzung.
Was ist Grundwasserstress?
Man unterscheidet zwischen strukturellen Grundwasserstress – also einer dauerhaften Übernutzung über Jahrzehnte – und akutem Stress, etwa durch kurzfristige Absenkungen des Grundwasserspiegels.
Struktureller Grundwasserstress wird angenommen, wenn die Grundwasserentnahmen in einem Landkreis 20 Prozent der langjährigen Grundwasserneubildung übersteigen. Akuter Grundwasserstress wird durch signifikante Absenkungen der Grundwasserstände in einem Landkreis beschrieben – in der Studie in dem Zeitraum von 2012 bis 2021.
Quelle: BUND
Die Wissenschaftler schlagen konkrete Lösungsansätze vor: Die ISOE-Forschenden empfehlen darum, Priorisierungen bei der Grundwassernutzung vorzunehmen, die Verwendung von Brauchwasser und den Wasserrückhalt zu fördern sowie Entnahmeentgelte anzupassen.
Erste Landkreise reagieren mit drastischen Maßnahmen
Die öffentliche Wasserversorgung erfolgt in Niedersachsen zu ca. 80 Prozent aus dem Grundwasser und zu 20 Prozent aus Talsperren, teilt das Umweltministerium mit. Da Grundwasserstände durch die Klimaerhitzung in einem auffallend niedrigen Bereich seien, dienen Instrumente auf Landes- und lokaler Ebene vor allem der Sicherung der Trinkwasserversorgung.
Einige Landkreise reagieren bereits mit harten Maßnahmen auf die Wasser-Krise. Im Kreis Wolfenbüttel wurde per Allgemeinverfügung die Wasserentnahme aus Flüssen und Bächen bis zum 30. September untersagt – selbst dann, wenn Genehmigungen vorliegen. Auch Grundwasserentnahmen sind eingeschränkt: Zwischen 10 und 18 Uhr dürfen Grünflächen, Felder und Sportplätze bei hohen Temperaturen nicht mehr bewässert werden.
Extremes Wetter in Niedersachsen: Die beeindruckendsten Bilder




Auch in Hannover gilt seit dem 1. Juni bis zum 30. September tagsüber ein Bewässerungsverbot für Grünflächen, sobald die Temperaturen 27 Grad oder mehr erreichen. Dort droht eine Strafe von bis zu 50.000 Euro für diejenigen, die gegen das Bewässerungsverbot verstoßen – eine Regelung, die auch Privathaushalte betreffen kann.
Land entwickelt Masterplan gegen die Wasserkrise
Die Lage ist ernst: „Das Land Niedersachsen erstellt vor dem Hintergrund der längst realen Klimakrise aktuell einen Masterplan Wasser, um die Grundlagen für ein notwendiges intelligentes Wassermanagement zu schaffen“, erklärte das Umweltministerium am Dienstag (18. Juni).
Ziel dieses umfassenden Konzepts ist die „mittel- und langfristige Anpassung der Wasserwirtschaft auf die zu erwartenden Folgen der Klimaerhitzung“. Die Veröffentlichung ist für die zweite Hälfte des Jahres vorgesehen.
Rubriklistenbild: © Imago/diebildwerft


