Interview

Kasseler Unternehmer über US-Wahl: Darum stimmen so viele Amerikaner für Trump

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Als Unternehmer ist Jörg Lamprecht auch in den USA zuhause. Der Kasseler glaubt, dass Donald Trump die Wahl gewinnt – weil er nicht so sei wie die anderen Politiker.

Kassel/San Francisco - Jörg Lamprecht pendelt seit Jahren zwischen seiner Heimatstadt Kassel und San Francisco. Dort hat der Drohnenabwehrspezialist Dedrone seinen Sitz, den Lamprecht 2016 gründete und der im Mai an den US-Konzern Axon verkauft wurde. Der 55-Jährige weiß nicht nur, wie die IT-Unternehmer im Silicon Valley denken. Hier erklärt er, warum so viele Amerikaner Donald Trump wählen und warum der Republikaner die Präsidentenwahl im November gewinnt – so prophezeit es zumindest Lamprecht.

Herr Lamprecht, Sie verbringen beruflich viel Zeit in den USA. Können Sie den Deutschen erklären, warum so viele Amerikaner Donald Trump wählen?
Das ist eine schwierige Frage. Trump verkörpert den Red Blooded American, also den einfachen, heißblütigen amerikanischen Durchschnittsmann. Er ist einer der alten Männer, die deutliche Worte reden, nicht so glatt gebügelt daherkommen und ein bisschen riechen. Anders als bei den vielen Politikern ohne Ecken und Kanten, die man auch in Deutschland satthat und die zu einer Politikmüdigkeit führen, weiß man bei ihm, woran man ist.
Man weiß, dass Trump nicht nur ein Populist ist, sondern auch ein verurteilter Straftäter. Er hatte eine Affäre mit einer Pornodarstellerin und hat zum Sturm auf das Kapitol aufgerufen. Wäre seine Biografie eine Netflix-Serie, würden man sagen, das ist alles ein bisschen drüber. Wieso hat er dennoch Chancen auf das Präsidentenamt?
Solche Charaktere sind keine Seltenheit. Denken Sie an Italiens einstigen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi. Was hat der sich alles erlaubt? Auch er kam immer wieder. Und Bundeskanzler Olaf Scholz müsste wegen seiner Cum-Ex-Sachen auch längst verurteilt sein. Man findet solche Politiker überall. Die Amerikaner nehmen Trump nicht übel, was er getan hat.
In Kalifornien haben die Demokraten traditionell die Nase vorn. Wie nimmt man im Silicon Valley den Wahlkampf wahr?
In der Vergangenheit gab es in Kalifornien eine gewisse Fassungslosigkeit. Man hat gegen Trump demonstriert, Medien und Schauspieler haben gegen ihn Position bezogen. Diesmal ist das anders. Man sagt sich: Es ist ja nichts Schlimmes passiert beim letzten Mal mit Trump.
Erfolgreicher Unternehmer: Jörg Lamprecht mit seiner Frau Annelies Vanoppen vor der Golden Gate Bridge
War es wirklich nicht so schlimm? Der Sturm auf das Kapitol hat die älteste Demokratie der Welt in ihren Grundfesten erschüttert.
Das hat man in den USA nicht so wahrgenommen. Den weltweiten Implikationen sind sich die Amerikaner nicht so bewusst. Für die sind Deutschland und die anderen europäischen Staaten nur Schokoladenhersteller, also süße Länder, in denen man Urlaub macht, die man aber nicht wirklich ernst nimmt. Es war ja wirklich so: Es gab keine Rezession unter Trump. Amerika ist in keinen Krieg gerutscht. Und Joe Biden war zuletzt einfach ein schwacher Präsident. Das spielt den Republikanern in die Karten.
Welchen Eindruck haben Sie von Kamala Harris, die als Vizepräsidentin blass blieb, nun aber als Hoffnungsträgerin gilt?
Für mich ist sie unglaubwürdig. Die Republikaner sagen: „Alles, was sie jetzt machen will, hätte sie längst tun können als Vizepräsidentin. Warum hat sie es nicht getan?“ Da ist etwas dran. Es wäre besser gewesen, wenn Harris Mitte der Amtszeit den greisen Biden abgelöst hätte. Dann hätte sie genügend Zeit gehabt, sich zu positionieren. Dass sie erst so spät als Kandidatin präsentiert wurde, war ungeschickt. Es hätte nur jemand Biden deutlich machen müssen, dass es Zeit ist zu gehen. Viele Politiker kleben zu lange an ihren Posten. Auch die Abgänge von Helmut Kohl und Angela Merkel kamen viel zu spät und waren jämmerlich.
Wen würden Sie wählen?
Barack Obama.
Der folgt Ihnen im Kurznachrichtendienst X, steht aber nicht zur Wahl.
Ich könnte keinen von beiden wählen. Harris finde ich nicht glaubwürdig. Und Trump könnte ich nicht wählen, weil er populistisch und nicht integrativ ist. Er hat keine Führungsqualitäten. Trump wird trotzdem gewinnen. 
Warum?
Sein Lager ist größer und steht hinter ihm. Schon die Einwanderungs- und Drogenpolitik spricht für ihn. Die USA sind drogenverseucht, was an einem zu liberalen Umgang mit dem Thema liegt. Auch in San Francisco haben Crystal Meth und andere Drogen ganze Stadtteile in Zombiestädte verwandelt. Die liberale Praxis in Kalifornien zieht Leute aus anderen US-Staaten an. Ladendiebstähle bis 800 Dollar werden nur noch als Vergehen angesehen, für das es in den allermeisten Fällen keine Haftstrafe mehr gibt. Das ist das falsche Signal. Drogenabhängige werden hier nicht etwa durch betreutes Wohnen an die Hand genommen, sondern in Ruhe gelassen. Durch manche Straßen kann man nicht mehr gehen, ohne auf Spritzen zu treten. Das alles spielt den Republikanern in die Karten. 

Zur Person

Jörg Lamprecht (55)
Ausbildung: Abitur am Kasseler Goethegymnasium, Studium der Mathematik und Informatik
Karriere: Nach dem Studium gründete Lamprecht mehrere Software-Unternehmen. 2011 stieg er mit der Firma Aibotix ins Drohnengeschäft ein. 2016 gründete er den Drohnenabwehrspezialisten Dedrone.
Die Firma: Dedrone ist nach eigenen Angaben Marktführer im Bereich Luftraumsicherheit. An den Standorten Kassel, San Francisco, Sterling (Virginia) und London beschäftigt das Unternehmen knapp 200 Mitarbeiter. In Kassel sind es über 85.
Privates: Der Vater dreier Kinder lebt mit seiner Familie in Kassel.

Was würde es für uns Europäer bedeuten, wenn Trump Präsident würde? Ein Transatlantiker wie Joe Biden ist er nicht.
Militärisch würde das eine Zeitenwende markieren. Trump wird sagen: „Wir sind nicht mehr die Weltpolizei. Ihr seid für euch selbst verantwortlich und müsst eure Kriege selbst bezahlen.“ Das gilt natürlich vor allem für die Ukraine. Wladimir Putin kann sich freuen. Unsere Weltordnung wird eine andere sein. 
Den Nahostkonflikt will Trump dagegen schnell beenden. Wie, das weiß wohl nur er.
Die Amerikaner mögen den Nahostkonflikt, weil er die Probleme dort hält und nicht nach Amerika bringt. Sie denken sich: „Sollen sich die Palästinenser und die anderen Araber doch an Israel abarbeiten. So haben wir unsere Ruhe.“
Haben Sie als Unternehmer keine Angst vor den wirtschaftlichen Folgen? Bei Trump gilt: America First.
Den größten Teil der Wirtschaft wird das nicht betreffen. Einen Zollkrieg kann keine Seite gewinnen. Wenn Trump Zölle einführt, wird das die EU auch tun. Dann haben wir einen Nationalismus, den keiner will. Wenn Trump jedoch sagt, er werde fördern, was in Amerika entsteht, steht ihm das zu. Warum auch nicht? Hierzulande fragen sich auch viele, warum Deutschland Radwege in Peru mit 20 Millionen Euro subventioniert.
Deutschland, so heißt es, ist politisch ebenfalls gespalten. Was können wir von den Amerikanern lernen?
Wirtschaftlich können wir sehr viel von ihnen lernen. Die Amerikaner schaffen es immer wieder, die größten Innovationen der Welt zu bauen. Elon Musk fliegt bald zum Mars. Wir diskutieren dagegen, ob wir Cola-Deckel an der Flasche festmachen sollen. Wir beschäftigen uns nur noch mit den kleinen Dingen und nicht mit den großen. Ob es um Künstliche Intelligenz geht, Chip-Produktion, Software-Entwicklung oder die Energieversorgung von morgen – wir haben alles versäumt. Oder nehmen Sie die Migration.
Was machen die Amerikaner dort anders?
Die Amerikaner präsentieren jedem Migranten stolz die US-Flagge und die Nationalhymne.   Auch dadurch fühlt sich jeder Migrant irgendwann als Amerikaner. Muslimische Frauen können ihr Kopftuch tragen, sind aber stolz darauf, Amerikaner zu sein. Wir müssten den Neuankömmlingen ebenfalls sagen: „Ihr habt eine Chance, ihr seid im geilsten Land der Welt. Macht was draus.“ Das trauen wir uns aufgrund unserer Geschichte nicht. Wir versuchen es erst gar nicht.
Wie unzufrieden sind Sie mit der Ampelregierung?
Was wir dort erleben, ist ganz schlimm. Eigentlich müsste die Ampel sofort aufgelöst werden. In keinem Themenbereich gibt es ein Fortkommen. Die drei Parteien sind so zerstritten, dass sie gar nicht mehr an der Sache arbeiten. Man redet nur noch emotional mit- und übereinander. Für mich ist das unerträglich.
Wer könnte es besser machen?
Ich weiß es auch nicht. Von Kanzler Scholz erwarte ich mehr Führung. Er muss endlich sagen: „Wir werden jetzt das und das machen.“ Stattdessen heißt es immer: „Wir müssten jetzt vielleicht mal das und das angehen.“ Daran merkt man, wie weich er ist. 
Was wäre, wenn die AfD eine charismatische Führungspersönlichkeit hätte – wie Donald Trump?
Die AfD hat ja durchaus Charismatiker. An Alice Weidel etwa kann man sich abarbeiten, aber unsympathisch ist sie nicht. Die meisten AfD-Wähler haben wahrscheinlich noch nie das Parteiprogramm gelesen. Sie können es einfach nicht mehr ertragen, wie in Berlin regiert wird. Wenn sich die Politik nicht ändert, wird die AfD noch viel stärker werden. Trotzdem hört man nach verlorenen Landtagswahlen von den Verantwortlichen der Ampel, dass man die Politik nur besser erklären müsse. Nein, das muss man nicht. Man muss eine andere Politik machen. Trump könnte auch in Deutschland erfolgreich sein. Wir leben im Zeitalter der Verrückten. (Interview: Matthias Lohr)

Wahlleiter Scott McDonell aus dem Kasseler Partnerlandkreis Dane County berichtet vom US-Wahlkampf. Im Interview verrät er, wie der Kampf um Wählerstimmen läuft.

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