- VonStefan Schaalschließen
Sie ist der größte Süßigkeiten-Trend weltweit: Dubai-Schokolade. Doch sie im Supermarkt zu finden, ist oft Glückssache. Nicht aber in dieser Kleinstadt.
Linden – Sie ist mit Pistazien-Creme und knusprigen Teigfäden gefüllt: Die Dubai-Schokolade, derzeit der größte Süßigkeiten-Trend weltweit, erobert heimische Supermärkte. Von dem Hype profitieren zwei geschäftstüchtige Unternehmerinnen, die in Linden den Laden Little USA World führen: Sie lassen Dubai-Schokolade herstellen und vertreiben sie über Rewe- und Edeka-Märkte in ganz Deutschland. »Wir müssen bei der Produktion wahrscheinlich auf 10 000 Tafeln pro Tag gehen«, sagen sie.
Wie ein Schmuckstück liegt ein Exemplar in einer Vitrine. Die Schokoladentafel ist massiv, zwei Zentimeter dick. Oben, an einer angebrochenen Stelle, ist umhüllt von Schokolade die grüne Pistaziencreme zu sehen. Einzelne goldbraun geröstete Teigfäden, sogenanntes Engelshaar, lugen hervor. Hier, im Laden Little USA World in Lindener Kuhn Center, verkaufen Tina Limbeck und Eileen Haßler den derzeit weltweit größten Süßigkeiten-Trend, sogenannte Dubai-Schokolade.
Social-Media-Hype Dubai Schokolade: Pistaziencreme, Kadayif und Schokolade
Mehr noch: Die beiden Unternehmerinnen lassen Dubai-Schokolade selbst herstellen. Sie vertreiben sie unter anderem über mehrere Rewe- und Edeka-Märkte deutschlandweit und auch im Ausland, beispielsweise in Österreich und Rumänien. Mit der momentan gewaltig steigenden Nachfrage kommen sie kaum hinterher. Bis zu 5000 Stück lassen sie derzeit pro Tag produzieren. »Aber das reicht nicht«, sagt Limbeck. Sie berichtet von Kunden, die 20 Paletten auf einmal bestellen, auf eine Palette passen 1080 Schokoladentafeln. »Wir müssen bei der Produktion wahrscheinlich auf 10.000 Tafeln pro Tag gehen«, sagt sie.
Die Pistazien-Süßigkeit erlebt hierzulande seit mehreren Wochen durch soziale Medien einen regelrechten Hype, weltweit existiert dieser allerdings schon deutlich länger. Ausgelöst wurde er im Dezember vergangenen Jahres durch ein anderthalb Minuten langes Video auf TikTok: Eine junge Frau packt darin eine Tafel Schokolade aus, bricht sie in zwei Hälften und beißt hinein. Die Geräusche sind in dem Clip verstärkt, jeder Biss, jedes Kauen klingt, als würde die Frau die Kruste eines Brots genießen. Mittlerweile haben mehr als 85 Millionen Menschen, so berichtet das Nachrichtenmagazin »Der Spiegel«, das Video der Influencerin Maria Vehera gesehen.
Durch mehrere weitere ähnliche Videos schnellte die Nachfrage nach der Schokolade in die Höhe. Der virale Hit wird vor allem im Internet verkauft, schafft es nun aber verstärkt auch in heimische Supermärkte.
Lindener Unternehmerinnen verkaufen palettenweise Schokolade
»Seit zwei Wochen haben wir sie bei uns im Laden in Linden«, sagt Haßler. »Hier haben wir in den vergangenen zwei Tagen 300 Tafeln verkauft, online sind es weitere 300 pro Tag«, erzählen sie und Limbeck. »An Großhändler verkaufen wir sie palettenweise.« Wo sie ihre Schokolade herstellen lassen, wollen sie indes nicht verraten. »In Europa«, sagen Limbeck und Haßler nur. Sie wollen Nachahmer verhindern, erklären sie. Beiden ist bewusst, dass sie auf eine Goldgrube gestoßen sind, die, wenn der Trend abebbt, auch bald wieder versiegen könnte. In ihrem Laden in Linden verkaufen sie die 220 Gramm schwere Schokoladentafel für knapp 16 Euro.
Am Rezept für die Süßigkeit haben sie mitgetüftelt. Wohlgemerkt ist es ein Imitat. Das Original gibt es nur in Dubai. Die Schokolade stammt ursprünglich vom Unternehmen Fix Dessert Chocolatier, das sie seit 2021 in Dubai vertreibt. Bewusst nennen Limbeck und Haßler ihr Produkt »Dubai Milchschokoladenriegel mit Pistazie«.
Die originale Schokolade und auch der von Influencern und Social-Media-Bekanntheiten forcierte Hype um die Nascherei dürften indes Teil einer Marketingstrategie des Emirats Dubai sein, das gerne mit Glamour und Luxus für sich wirbt - und so von Berichten über schwere Menschenrechtsverletzungen, willkürliche Inhaftierungen und Unterdrückung des Rechts auf freie Meinungsäußerung in den Vereinigten Arabischen Emiraten ablenkt, auf die beispielsweise Amnesty International hinweist.
Unternehmerinnen aus Kreis Gießen nutzen Online-Hype um Dubai-Schokolade
Ja, vermutlich stecke Marketing aus Dubai dahinter, räumt Limbeck ein. »Wir verkaufen nur leckere Schokolade«, fügt sie hinzu. Aufgrund der großen Nachfrage nach der Schokolade fahren sie derzeit an Wochenenden auch mal 300 Kilometer mit dem Auto und mit Hunderten Tafeln bis nach Bayern, um Geschäfte zu beliefern.
Limbecks und Haßlers Geschäft in Linden, nach ihren Angaben »Deutschlands größter USA-Supermarkt«, existiert nun seit sechs Jahren. Sie beliefern inzwischen mehr als 8000 Händler und Süßigkeitenläden europaweit, haben ein großes Netzwerk an Kunden aufgebaut. Auch chinesische Waren verkaufen sie zunehmend. Und immer wieder kommen Limbeck und Haßler auf neue Geschäftsideen, bringen inzwischen eine eigene Kollektion mit Klamotten heraus, haben Kunden zeitweise Fahrten in einer pinkfarbenen Stretchlimousine angeboten, sie haben einen Horrorfilm in Los Angeles mit einem sechsstelligen Betrag mitproduziert. »Wir müssen uns von der Masse abheben«, sagt Limbeck »Wir sind ja eh verrückt.«
Ähnliche Hypes wie nun um die Dubai-Schokolade haben sie in ihrem Laden schon mehrfach erlebt. Ein Kunde habe einmal ein Produkt namens »Snowballs« in ihrem Geschäft gefilmt, das Video hatte nach drei Stunden 1,8 Millionen Aufrufe. »Plötzlich hatten wir draußen vor dem Laden eine lange Menschenschlange.« Ihr Laden im Lindener Kuhn Center mag verwinkelt und auf den esten Blick klein erscheinen, Haßler und Limbeck aber sind dick im Geschäft. Wie nun mit ihrer Dubai-Schokolade.
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