Fachkräfte, wo seid ihr?

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Wie sieht die Zukunft der Arbeit aus? Unternehmen spüren, dass es zunehmend schwieriger wird, Beschäftigte zu finden. Gewerkschaften sagen: Das ist der Beginn des Arbeitnehmermarkts.
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Fachkräftemangel in Niedersachsen und bundesweit: Mehr Menschen als je zuvor arbeiten, und es sind dennoch zu wenig

Hannover – „Zahl der Erwerbstätigen erreicht neuen Höchststand“, meldete das Statistische Bundesamt Ende 2022. Ein Blick auf die Zahlen der Fachkräfteinitiative Niedersachsen zeigt: Zwischen 2011 und 2021 ist die Arbeitslosenquote gesunken, und die Beschäftigungsquote gestiegen. In Deutschland arbeiten also immer mehr Menschen. Trotzdem reden alle vom Fachkräftemangel. Der Zug fällt aus? Es fehlen Lokführer. Ein Geschäft macht zu? Niemand für die Nachfolge gefunden. Auftragsstau beim Handwerksbetrieb? Die suchen doch schon lange nach Mitarbeitern. So viele Menschen wie noch nie sind in Arbeit, aber das scheint nicht zu reichen. Woran liegt das?

Arbeitsmarkt unter Druck: So ist die Lage

Erst einmal muss man unterscheiden, woran es eigentlich mangelt: an Menschen, die grundsätzlich erwerbsfähig sind, oder an spezialisierten Beschäftigten. „Einen Arbeitskräftemangel haben wir auf keinen Fall“, sagt Lars Niggemeyer, Referent für Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik beim DGB Niedersachsen/Bremen/Sachsen-Anhalt. Er rechnet vor: In Niedersachsen kommen auf etwa 246.000 Arbeitslose gut 79.000 offene Stellen. Das meldet die Bundesagentur für Arbeit für Juni.

Also alles gut? Naja. Denn natürlich lassen sich Arbeitslose nicht einfach auf beliebige freie Stellen verteilen: Die Qualifikationen müssen passen. Eine ehemalige Sekretärin kann nicht ab morgen Wärmepumpen installieren. Und noch schwieriger wird es, wenn nicht nur eine spezielle, sondern gleich jedwede Qualifikation fehlt. In Niedersachsen haben zwei von drei Arbeitslosen zwischen 25 und 35 Jahren keine abgeschlossene Berufsausbildung.

Die aktuelle Lage auf dem Arbeitsmarkt lasse sich stets aus zwei Perspektiven betrachten, meint Niggemeyer: aus Sicht der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer. Als Gewerkschafter schaut er auf die Lage der Beschäftigten und meint: So schlimm ist die Lage nicht.

Maike Bielfeldt IHK Niedersachsen

Maike Bielfeldt, Hauptgeschäftsführerin der IHK Niedersachsen, sieht das anders. Aus den Unternehmen im Land kämen vermehrt Hinweise, dass nicht nur Fachkräfte, sondern Arbeitskräfte insgesamt knapp würden: „Die Unternehmen würden Mitarbeitende im betrieblichen Alltag qualifizieren, aber auch dafür fehlen Bewerberinnen und Bewerber.“ Das sei außerdem erst der Anfang der Entwicklung: „In den kommenden Jahren werden nach und nach die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen.“

In einer Umfrage der IHK Hannover erklärten Ende 2022 knapp zwei Drittel der befragten 500 Unternehmen, „erhebliche Probleme bei der Suche nach geeigneten Bewerberinnen und Bewerbern“ zu haben. Das gilt nicht nur für hochqualifizierte Fachkräfte: Jeder vierte Betrieb hat auch Probleme bei der Suche nach Menschen ohne Ausbildung. Gut ein Drittel der Betriebe habe im vergangenen Jahr keine einzige Bewerbung bekommen, heißt es von der IHK Niedersachsen. 2013 war das bei knapp jedem vierten Betrieb der Fall.

Zu wenig Fachkräfte: Die Ursachen

Weithin bekannt ist mittlerweile die Tatsache, dass bis 2036 besonders viele Menschen in Ruhestand gehen, laut Statistischem Bundesamt etwa 12,9 Millionen „Babyboomer“. Aber ob der jetzt drohende Fachkräftemangel absehbar war oder nicht, sei nicht einfach mit dem Verweis auf die Jahrgangsgrößen und das Renteneintrittsalter zu beantworten, findet Niggemeyer. Denn grundsätzlich sei es schwer, den Bedarf vorherzusagen. Hätte man ahnen können, dass die Installation von Wärmepumpen im Jahr 2023 eine stark gefragte Qualifikation sein würde? Und was wird der technologische Wandel noch bringen?

Klar ist, dass Nachwuchs nicht vom Himmel fällt, sondern dass man ihm mindestens einen Fahrstuhl zu seinem künftigen Arbeitsplatz anbieten muss. „22 Prozent der Betriebe bilden aus, aber 100 Prozent rufen nach Fachkräften“, sagt Danny Schnur. Auch er ist Referent beim DGB und beschäftigt sich mit Handwerks- und Bildungspolitik. Dem Ausbildungsreport des DGB für 2022 zufolge kommen auf 100 Bewerberinnen und Bewerber in Niedersachsen 94,8 Ausbildungsplätze. „Da passt einiges nicht zusammen“, findet Schnur.

Die IHK Niedersachsen widerspricht. „Diese Zahlen können wir so nicht nachvollziehen“, erklärt Hauptgeschäftsführerin Bielfeldt. Laut Statistik der Arbeitsagentur vom September 2022 kamen in Niedersachsen 83 Bewerberinnen und Bewerber auf 100 betriebliche Ausbildungsstellen.

Wie kann das sein? Die Differenzen haben damit zu tun, dass DGB und IHK die vorhandenen Zahlen unterschiedlich auswerten. Die Angaben der Arbeitsagentur erfassen, wie viele Bewerberinnen und Bewerber zum Stichtag 30. September ohne Ausbildungsplatz und ohne Alternative wie zum Beispiel ein Praktikum dastehen. Der DGB nutzt ergänzend Daten des Bundesinstituts für Berufsbildung. Damit werden auch jene hinzugerechnet, die weiterhin einen Ausbildungsplatz suchen, aber erst einmal eine Alternative gefunden haben.

Jammern hilft nicht: Lösungsansätze

Ideen, um die Situation zu verbessern, gibt es einige. Die einen machen Vorschläge, wie man Menschen für benötigte Fachbereiche qualifizieren kann. Und andere überlegen, wie man aus dem vorhandenen Arbeitskräfte-Potenzial mehr herausholt.

Lars Niggemeyer DGB Niedersachsen

Das Thema Aus- und Weiterbildung ist für Arbeitnehmer und Arbeitgeber wichtig. Junge Menschen dürften nach der Schule nicht ohne Ausbildung auf den Arbeitsmarkt geschickt werden, sagen die Gewerkschafter Schnur und Niggemeyer. Eine strukturierte, am besten mit einem eigenen Fach in der Schule verankerte Ausbildungsorientierung sei wichtig. Und dass Jugendliche verschiedene Branchen erproben könnten, am besten frei von Geschlechterklischees.

„Es muss darum gehen, die Qualität der Bildung zu steigern, um die Ausbildungsreife der Jugendlichen zu erhöhen. Und vor der Berufswahl sind umfassende Informationsangebote nötig, damit sich die Jugendlichen richtig entscheiden können“, meint Bielfeldt von der IHK. Dazu gehöre eine umfassende Berufsorientierung – insbesondere an Gymnasien.

Auf dem weiteren Karriereweg sei Weiterbildung ebenfalls wichtig, sagt DGB-Ausbildungsexperte Schnur. Qualifizierung und Weiterbildung seien die Schlüssel für zukunftsfeste Berufe und Branchen. Neue Arbeitsweisen seien Teil der Transformation der Arbeitswelt – „learning by doing“ reiche bei solchen Veränderungen nicht mehr aus.

Die Integration in den Arbeitsmarkt funktioniert so mittelmäßig.

Lars Niggemeyer, DGB Niedersachsen/Bremen/Sachsen-Anhalt

Auch für Zugewanderte müsse mehr Unterstützung her, sagt Niggemeyer. Seit 2015 seien viele Menschen nach Deutschland gekommen. „Die Integration in den Arbeitsmarkt funktioniert so mittelmäßig.“ Flankierende Maßnahmen seien nötig, bestätigt Schnur. Etwa ein Extrajahr Deutschkurs vor dem Ausbildungsstart, eine Verlängerung der Ausbildung oder auch eine zeitliche Entzerrung der Berufsschulinhalte. Letzteres sei laut Gesetz sogar schon möglich, sagt Schnur – allerdings fehle dafür das Personal an den Berufsschulen.

Politik und Unternehmen setzen bei der Frage, wie das vorhandene Potenzial an Arbeitskräften besser genutzt werden kann, auf verschiedene Gruppen – Personen im Rentenalter, Frauen, Zugewanderte. Denn das vorhandene Arbeitskräftepotenzial besser auszuschöpfen meint: Mehr Menschen sollen arbeiten. Oder länger.

Forscherinnen und Forscher des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit haben diese Option durchgespielt. Würden zukünftig die 65- bis 69-Jährigen so viel arbeiten wie heute die 60- bis 64-Jährigen, wäre das Erwerbspersonenpotenzial im Jahr 2035 um 2,4 Millionen Menschen größer als aktuell. Dagegen spricht unter anderem, dass Arbeiten im Alter nicht in allen Berufen realistisch ist. Und offenbar haben auch wenig Menschen Lust dazu: Fast sieben von zehn „Babyboomern“ wollen spätestens mit 64 in Rente gehen, ergab eine Studie der Universität Wuppertal.

Fehlende Angebote für Kinderbetreuung

Auch Frauen, so ein Vorschlag, könnten mehr arbeiten – 2021 waren 74,6 der 15- bis 65-Jährigen erwerbstätig, bei den Männern waren es 82,7 Prozent. Würden Frauen ebenso viel arbeiten wie Männer, wäre 2035 ein Plus von 600.000 Erwerbspersonen zu erwarten, ergibt die IAB-Studie. Der Effekt wäre im Vergleich zum späteren Rentenalter nicht allzu groß.

In der Realität sind sozialversicherungspflichtige Vollzeitstellen nur zu einem Drittel mit Frauen besetzt. Sie arbeiten mehrheitlich in Teilzeit- und Minijobs. Der Grund? Unter anderem fehlt es an Kinderbetreuungsangeboten, die einen Acht-Stunden-Tag ermöglichen. Da zeigt sich, wie umfassend das Fachkräfteproblem ist: Auch in den Kitas fehlt massiv Personal. Wer den Fachkräftemangel lösen will, kommt also nicht umhin, auch die Bedingungen der Arbeit in den Blick zu nehmen.

Ausbildungsumlage: Umstrittener Ansatz aus Bremen

Um die Ausbildungswilligkeit der Betriebe anzuspornen, hat das Land Bremen eine Ausbildungsumlage eingeführt. Die Idee: Alle Betriebe zahlen in einen gemeinsamen Fonds ein, und wer ausbildet, erhält daraus pro Jahr und Ausbildungsvertrag bis zu 2 500 Euro.

Diese Umlage ist allerdings heftig umstritten. „Die Wirtschaft in Bremen und Bremerhaven steht weiterhin geschlossen in ihrer Ablehnung gegen den Ausbildungsfonds“, erklärte der Bremer Handelskammer-Präses Eduard Dubbers-Albrecht. Eine Verbesserung des Ausbildungsmarkts sei damit nicht zu erreichen. Die Kammern haben mittlerweile Klage eingereicht.

Die Betriebe seien sehr motiviert auf Personalsuche, sagt Maike Bielfeldt von der IHK Niedersachsen. „Ein Unternehmen, dass aber trotz aller Bemühungen keine Auszubildenden findet und deshalb dann noch in einen Fonds einzahlen muss, ist doppelt gestraft.“

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