VonHeinrich Krackeschließen
In Gesprächen mit dem Bundeskanzler Olaf Scholz suchten Verdener Betroffene der Hochwasser-Lage nach Hilfe-Möglichkeiten. Der Schaden sei hoch, hieß es.
Verden – An der Aller-Schutzmauer hat er ihn endlich erreicht. Der Verdener Bernd Moje den Bundeskanzler. Moje ist Anlieger am Bollwerk. Seit Tagen steht sein Haus, steht das Haus seiner Familie, es steht im Wasser. „Wir haben einige Hochwasser erlebt. Auch das von 1981. Eines der schlimmsten. Aber auch diesmal hat es uns schwer erwischt.“ Er ringt mit den Tränen. „Der Schaden ist immens.“
Und dann kommt er irgendwann darauf, kommt auf die wirtschaftlichen Umstände, kommt auf die Frage, wer ihnen helfen kann, finanziell helfen. „Klar, es gibt die Versicherung gegen Elementarschäden. Aber wer kann sich das leisten?“ Der Kanzler hört zu. Immerhin. Vage Bundesmittel stellt er in Aussicht. Direkte Zusagen macht Olaf Scholz bei seinen 111 Minuten Verden am Mittag des Silvestertages nicht.
„Wir haben gelernt, mit der Lage umzugehen“, sagt Bernd Moje. Einigermaßen jedenfalls. Aber dann beobachte er den Deichbau auf der Hönischer Seite der Aller. „Einen Meter höher ist er geworden.“ Im Fischerviertel indes tat sich nichts. Und jetzt drücke das Hochwasser noch stärker herein. Scholz sucht das Gespräch. „Wasser von oben, von der Seite, von unten?“ Aus allen Richtungen, antwortet Moje, aber besonders eben das Hochwasser.
Kanzler Scholz hat im Hochwasser von Verden vieles auf dem Terminplan
Die Gespräche mit den Anwohnern sind es, die Scholz auf seiner Verden-Liste hat. Er und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil und Innenministerin Daniela Behrens. Und den Austausch mit den Einsatzkräften, und den Dank an alle ehrenamtlichen Helfer. Alles steht irgendwie auf der Liste. Nachdem der Luftwaffen-Hubschrauber auf dem Warwickplatz eingeschwebt ist, führt der erste Weg in die Feuerwehrtechnische Zentrale. Hochwasser-Fachkunde hinter verschlossenen Türen. An der Aussichtsplattform nahe der Südbrücke ist es derweil eng geworden. Ein Dutzend Kamerateams, gut 20 Fotografen, erste Schaulustige, die Polizei hat alle Mühe, wenigstens die Fahrbahn der wieder geöffneten Brücke freizuhalten.
Peter Schmidt berichtet dem Kanzler über die aktuelle Hochwasserlage. Die Pegelstände seien gefallen, gut acht Zentimeter. Von hier aus sei sehr gut zu sehen, wie erste Wassermassen ihren Weg in Richtung ursprünglichem Flusslauf finden, ein erster Hoffnungsschimmer, sagt der Stadtbrandmeister. „Zum Glück kann die Weser wieder Wasser aufnehmen.“ Ganz unterschiedlich hätten sich die beiden Ströme entwickelt. Die Aller erreichte am Freitagabend einen Allzeit-Höchststand, an der Weser sei es zum schweren Hochwasser, aber nicht zu Rekordpegelständen gekommen. Für Dienstag und Mittwoch ist Dauerregen angekündigt.
Scholz ist nicht nur wegen des Ausblicks auf eine gigantische Seenplatte angereist. „Wieviel Kräfte sind im Einsatz?“ Rund 200 stehen jederzeit zur Verfügung, insgesamt sind es in mehreren Schichten mehr als 500. „Halten die Deiche?“ Der Allerdeich in Groß Hutbergen zeigte Ermüdung. Qualmwasser stieg empor, aber er hielt, berichtet der Stadtbrandmeister. Bis zu einer entspannteren Lage sei es noch ein weiter Weg. „Dazu müsste der Pegel um mindestens noch einen halben Meter fallen“, ergänzt Bürgermeister Lutz Brockman.
Besuche in Hochwassergebieten können für Politiker entscheidend sein
Besuche in Hochwassergebieten haben das Zeug, über Karrieren von Kanzlern oder jenen, die es werden wollen, zu entscheiden. Gerhard Schröder weiß ein Lied davon zu singen, Armin Laschet ebenfalls. Mag es nun Zufall sein, oder bewusst gesteuert, in den gesamten knapp zwei Stunden seines Aufenthalts an der Aller-Mündung huscht nicht ein einziges Schmunzeln über die Lippen Olaf Scholz’. Geschweige denn ein Lachen. Richtig auf Hochwasser ist er nicht eingestellt. An den Füßen geschnürte Wanderschuhe, darüber eine Jeans.
Der Weg führt Bundes- und Landespolitiker über die Südbrücke direkt ins Fischerviertel. An der Kleinen Fischerstraße besuchen sie unter Ausschluss der Medien betroffene Anwohner. Am Bollwerk danken Kanzler und Ministerpräsident ebenfalls unter Ausschluss der Öffentlichkeit den vielen Helfern, darunter Brandschützern, DLRG-, THW- und Rettungskräften.
Am Rande erhält Anliegerin Flavia Geisler die Möglichkeit, den Kanzler zu sprechen. „Wie sollen wir uns im Fischerviertel schützen?“, fragt sie. Ein Haus habe sie dort saniert. Aber das Gebäude stehe halt weiterhin auf den Backsteinen, auf denen es immer stand. „Wir konnten das Haus ja nicht anheben.“ Scholz lauscht.
Anwohnerin im Hochwasser: „Wir fühlen uns zumindest nicht alleingelassen“
Zu wenig bei einem solchen Besuch? Jennifer Heumer muss nicht lange überlegen. Auch sie und ihre Familie gehören zu den betroffenen Anliegern. „Das Wasser steht gut 20 Zentimeter hoch an der Wand“, berichtet sie. Sie fürchte einen Durchbruch. Auch sie hatte Gelegenheit, den Kanzler zu sprechen. Sie habe es als wohltuend empfunden. „Wir fühlen uns zumindest nicht alleingelassen. Schlimmer wäre es, es würde sich niemand für uns interessieren.“ Auch der Bürgermeister habe sich schon erkundigt.
Der Spontanbesuch des Kanzlers – erst am Morgen war durchgesickert, wer sich auf den Weg nach Verden begeben hatte – die Stippvisite bleibt nicht ohne Randerscheinungen. Eine Frau macht auf der Südbrücke ihrem Zorn Luft. „Scholz soll nicht gucken, er soll uns helfen! Schippe in die Hand!“ Eine Polizistin drängt sie zurück. Auch im Live-TV wird die vor Ort geäußerte Kritik sichtbar. Später stellt sich die Anwohnerin vor das Fahrzeug des Kanzlers. Beamte müssen sie beiseite drängen. Vereinzelt sind Plakate von Klimaschützern zu sehen.
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