Deutschlehrer für Flüchtlinge in Rotenburg: „Wir sollten mehr aufeinander zugehen“

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Für die Integration: Daniel Meyer (l.) und Erich Milkereit bringen Flüchtlingen die schwere Sprache Deutsch bei.
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Daniel Meyer und Erich Milkereit bringen Flüchtlingen in Rotenburg Deutsch bei. Ein Gespräch über die schwer zu erlernende Uhrzeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Rotenburg – Die Übersetzer-App mit ein paar Worten füttern und dann das Smartphone sprechen lassen: Was im Urlaub oftmals der Königsweg ist, stellt am neuen Lebensmittelpunkt bestenfalls eine Übergangslösung dar. Ohne das Verstehen und Nutzen der Landessprache geht es nicht. Das wissen auch Erich Milkereit und Daniel Meyer. Die Rotenburger geben als Ehrenamtliche Deutschunterricht auf dem Campus Unterstedt. Einmal pro Woche gibt es für Geflüchtete Frontalunterricht. Der Bedarf steigt, weiß auch Ehrenamtskoordinatorin Martina Hoffstedt. Wir haben mal nachgefragt.

Ist Deutsch eine schwere Sprache?

Meyer: Definitiv! Sowohl für die Flüchtenden als auch für mich. (lacht) Das gehört zu den großen Herausforderungen, die wir haben. Auch für uns als Gesellschaft. Andere Einwanderungsländer haben Englisch oder Französisch als Amtssprache. Das erleichtert viel. Aber wer spricht schon Deutsch? Alle, die hier ankommen, fangen bei null an.

Also starten alle mit den gleichen Voraussetzungen?

Meyer: Die Herausforderungen, die die Einzelnen haben, sind sehr unterschiedlich. Jemand, der aus dem arabischen Sprachraum kommt, hat ganz andere Hürden. Da geht es erst einmal um Alphabetisierung – bei jemandem, der aus der Ukraine kommt, ist das möglicherweise anders. Aber schwierig ist es für alle.

Zu den Personen: Erich Milkereit, Daniel Meyer und Martina Hoffstedt

Erich Milkereit und Daniel Meyer kommen aus Rotenburg. Ersterer ist 73 Jahre alt und Rentner, Letzterer 52 Jahre alt und freiberuflicher Hochschuldozent und Berater für Markt- und Medienforschung. Beide engagieren sich in Zusammenarbeit mit dem Diakonissen-Mutterhaus in der Flüchtlingshilfe, stellen „den ersten Kontakt mit der deutschen Sprache her“, wie Meyer formuliert. Das Angebot auf dem Campus Unterstedt überbrückt für viele Betroffene die lange Wartezeit auf den Integrationskurs. Die Unterrichtsstunden von Meyer und Milkereit besuchen aktuell Menschen von der Elfenbeinküste sowie aus den Ländern Syrien, Burundi, Irak, Kolumbien, Mazedonien. Die Unterrichtsstunden sind angedockt an die Koordinierungsstelle Ehrenamt und damit an das Diakonissen-Mutterhaus. Martina Hoffstedt hat dort den Posten der Ehrenamtskoordinatorin Flüchtlingshilfe inne und sucht Aktive. Kontakt: 0174/9230217.

Wie sind Sie dazu gekommen, Deutsch zu unterrichten?

Milkereit: Ich bin 2015 in Rente gegangen, 2016 habe ich mich gefragt: Was kann ich als ehemaliger Verwaltungsangestellter ehrenamtlich mit Sprache machen – und so bin ich in der Flüchtlingsunterkunft im Glummweg gelandet.

Meyer: Im Übergang vom Angestelltenverhältnis in die Selbstständigkeit wollte ich etwas Ehrenamtliches machen. Aber ich wusste nicht wie. Dann bin ich auf die Seite des Landkreises gestoßen, auf der es um ehrenamtliche Jobs ging. Da stach mir die Mathe-Nachhilfe ins Auge. Ich kann Mathe ganz gut, also rief ich bei der Nummer an, die darunter stand. Das war die von Martina. Als dann später die Flüchtlinge aus der Ukraine kamen, fragte sie mich, ob ich nicht auch Deutsch unterrichten möchte. Ich kann die Sprache sprechen. Und mehr Qualifikation brauchst du auch nicht: Deutsch sprechen können und sich zu trauen, das in einer Situation zu machen, in der man keine anderen Kommunikationsmittel hat, als Hände, Füße und Bilder. Das geht viel besser, als man denkt.

Deutsch zu lernen ist ja kein Selbstzweck – was ist das Ziel des Angebots?

Hoffstedt: Die Menschen leben in der Flüchtlingsunterkunft, sie müssen einkaufen, zum Arzt. Sie haben viele Aufgaben, für die es eine Hilfestellung geben soll, damit sie nicht immer auf andere angewiesen sind.

Meyer: Dementsprechend sind auch die Lerninhalte sehr alltagsorientiert. Eines von meinen liebsten Unterrichtsmaterialien ist der Edeka-Prospekt. Da haben Schüler ein Bild, das Wort dazu, Mengenangaben und noch ein Wort für die Verpackung: Flasche, Dose. Damit können die Leute im Alltag schon was anfangen. Und dadurch, dass sie ja einkaufen gehen müssen, ergibt sich auch schon das Üben.

Gibt es Inhalte, die sich schwer vermitteln lassen?

Meyer: Die Uhrzeit zum Beispiel. Machen Sie sich mal Gedanken, wie schwierig die deutsche Uhrzeit ist. Viertel vor vier, fünf nach halb drei: Darauf muss man erst mal kommen. Da habe ich nie drüber nachgedacht und jetzt muss ich sagen: Ist das anstrengend, ist das schwierig!

Verfolgen Sie, was aus Ihren Schülerinnen und Schülern wird?

Hoffstedt: Was die ehrenamtliche Arbeit bewirkt hat, ist natürlich wichtig. Viele haben das Angebot genutzt, waren emsig dabei. Einige sind jetzt in Jobs untergekommen.

Meyer: Man trifft sich auch mal zufällig in der Stadt. Dann redet man auch miteinander und hört, was es Neues gibt. Natürlich auf Deutsch, das ist schon toll.

Was macht Ihnen Freude an dieser Arbeit?

Meyer: Es ist spannend, zu sehen, wie Sprache in anderen Kulturen funktioniert. Es geht ja nicht nur um Worte. Auch wie wir sprechen, macht einen Unterschied. Wenn wir Freitag Unterricht hatten, sage ich am Ende: „Schönes Wochenende“. Das ist ja schon viel für einen Deutschen, wenn man so viel sagt. Und dann kommt jemand aus Syrien zu mir, sagt was auf Arabisch, dann übersetzt mir das jemand und dabei kommt heraus: „Möge Allah dir Gesundheit, Kraft und Stärke geben“. Das ist schon etwas anderes als „Schönes Wochenende“. Nicht weil eines von beiden besser wäre, sondern weil es eine ganz andere Art ist, zu kommunizieren.

Wie wichtig ist Sprache für die Integration?

Milkereit: Total wichtig.

Meyer: Nummer eins. Wenn wir über ernsthafte Integration sprechen und nicht nur ökonomische, ist Sprache enorm wichtig.

Milkereit: Ich empfinde es so, dass wir uns als Deutsche oft den anderen gegenüberstellen und sagen: Gucken wir erst mal. Aber Integration ist nicht einseitig. Vielleicht sollten wir mehr aufeinander zugehen.

Hoffstedt: Was ihr Ehrenamtlichen ja tut.

Meyer: Das geht im Rahmen des Engagements, aber auch indem man nicht unbedingt auf die typisch deutsche Haltung beharrt. Ich würde zum Beispiel nie von einem Flüchtenden erwarten, dass er für den Deutschunterricht die gleiche Pünktlichkeit an den Tag legt, wie ein Deutscher. Nicht von Tag eins an. Das ist ein Lernprozess. Dann geht man einen kulturellen Schritt auf sie zu – nicht, um die deutsche Kultur aufzugeben, sondern einfach, weil so wahnsinnig viel zu lernen ist. Und man kann nicht alles auf einen Schlag lernen.

Landrat Marco Prietz hat kürzlich gesagt: „Die Sicherheit in unserem Land wird durch den massiven Zustrom insbesondere junger Männer beeinträchtigt.“ Was macht das mit Ihnen, Sie haben regelmäßig einige dieser jungen Männer vor sich sitzen?

Meyer: Großes Thema. Ich glaube, man muss da einiges voneinander trennen. Erst mal muss man nicht zu uns in den Unterricht kommen, man kann. Das hat einen Selbstselektionseffekt. Die, die sich nicht integrieren wollen, kommen nicht zu uns. Aber um zur Frage zurückzukommen: Ich kann die gesellschaftliche Diskussion ein Stück weit nachvollziehen. Wir wissen, dass wir dringend Zuwanderung benötigen. Wirtschaftsweise können das auch quantifizieren: 1,5 Millionen Zuwanderer brauchen wir pro Jahr, damit der Laden noch läuft, wenn ich in Rente gehe. Ich habe vor zwei Jahren mein Haus umgebaut und da waren Menschen aus aller Herren Länder dabei – nur mit Deutschen hätte ich mein Haus nicht umbauen können. Wir brauchen Zuwanderung, Integration in den Arbeitsmarkt – und dafür brauchen wir die Sprache. Das ist auch einer der Gründe, warum ich sinnvoll finde, was ich da mache.

Und wie wirkt das Zitat nun auf Sie?

Meyer: Der Satz ist populistisch und nicht besonders hilfreich. Was eher von der Politik kommuniziert werden müsste, ist die Notwendigkeit von Zuwanderung. Kurzfristig sieht halt jeder nur, dass wir Geld aufwenden müssen. Zum Beispiel für die Unterkünfte, aber wir sehen den Ertrag nicht. Der kommt halt erst in Jahren. Aber wenn wir dieses Investment nicht machen, müssen wir weiter arbeiten, statt in Rente zu gehen.

Milkereit: Ich halte es für sinnvoller, mich mit den Menschen auseinanderzusetzen, die zu uns kommen, um dann zu fragen: Wie kann ich denen Unterstützung geben?

Meyer: Ich habe jedenfalls unter den Flüchtenden noch keinen getroffen, bei dem ich sagen würde: Das geht gar nicht, dass der hier ist. Jede dieser Hintergrundgeschichten versteht man.

Wie wichtig ist Ihre Arbeit in Zeiten steigender Flüchtlingszuweisungen?

Meyer: Wir müssen uns verabschieden von der Denke, „da kommen jetzt einmal viele und dann ist es vorbei.“ Wir werden immer Ressourcen vorhalten müssen. Daher würde ich sagen, dass das gerade nicht wichtiger oder unwichtiger ist – das ist quasi Basisarbeit. Die Frage, die man eher stellen müsste, ist doch die: Sollte das ein ehrenamtliches Engagement sein oder sollten da nicht Hauptamtliche ran? Michelangelos der Integration, die nicht nur Deutschkenntnisse vermitteln, sondern auch erste Kontakte knüpfen, Workshops abhalten – alles Mögliche, damit die Flüchtenden schneller ankommen.

Hoffstedt: Wir brauchen mehr Hauptamtliche. Das Ehrenamt ist auch wichtig, aber es soll nicht so sein, dass das Ehrenamt das Hauptamt ersetzt. In der Realität ist es aber gelegentlich so. Tatsächlich brauchen beides.

Milkereit: Die Wirtschaft hat Jahre lang versäumt, auszubilden.

Meyer: Genau, ich frage mich auch, ob es nicht eigentlich so sein müsste, dass in Rotenburg zwei Hauptamtliche eingestellt werden, die von Firmen gesponsert werden.

Interessanter Ansatz.

Meyer: Ich meine, wer schreit denn immer nach Arbeitskräften? Das ist ja auch legitim, aber trotzdem stellt sich die Frage: Adressiere ich nur das Problem oder bin ich Teil der Lösung? Ich weiß nicht, ob es in dem Zusammenhang Projekte gibt, aber warum soll die Rotenburger Wirtschaft nicht hingehen und sagen: Wir legen zusammen, sorgen mit dem Geld dafür, dass in Rotenburg die Leute schneller in den Job kommen, als im Rest Deutschlands. Dann haben die Handwerksbetriebe auch ihre Auszubildenden.

Ich wollte fragen, ob Ihre Tätigkeit nicht eigentlich Aufgabe des Staats ist – jetzt kristallisiert sich die Perspektive heraus, dass sie auch Aufgabe der Wirtschaft sein kann.

Milkereit: Manche Firmen sind ja schon aktiv, indem sie Prämien vergeben, frei nach dem Motto: Wenn du mir jemanden bringst, dann kriegst du 500 Euro. Aber ich finde es sinnvoller, wenn nicht jede Firma ihr Ding macht, sondern wenn gemeinsam großflächig agieren.

Hoffstedt: Aber: Ehrenamt bietet auch eine Chance, Gesellschaft mitzugestalten. Das ist auch wichtig.

Und es lohnt sich auf ideeller Ebene, habe ich gehört.

Milkereit: Ja, Man bekommt immer viel von den Menschen zurück.

Hoffstedt: Eine von den Ukrainerinnen hat gerade ihre B1-Prüfung in Deutsch bestanden. Die saß bei euch im Deutschunterricht. Sowas ist doch einfach schön!

Meyer: Ich gehe immer mit guter Laune aus dem Deutschunterricht heraus. Ja, es lohnt sich. Das gilt übrigens nicht nur für Rentner, auch für Berufstätige. Es gibt viele, die es machen könnten, sich vielleicht nicht trauen. Oder sich davor scheuen, eine Bindung einzugehen. Eins muss man verstehen: Ehrenamt hat keine Bindung. Das ist etwas, was man machen kann, aber nicht muss. Mich hält mein Ehrenamt nicht davon ab, mal für zwei Wochen an die Ostsee zu fahren. Dann ist halt mal zwei Wochen kein Deutschunterricht. Oder Erich springt stattdessen ein (lacht). So viel Zeit braucht man gar nicht. In einer Gesellschaft, die immer weniger Zusammenhalt hat, ist das natürlich eine Chance, mehr davon zu erleben.

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