- VonLea Bornerschließen
Die Grünen-Kandidatin Canina Ruzicka setzt sich im Wahlkreis 35 für einen klareren Kurs ein. Sie will gleiche Rechte für alle erreichen und den ökologischen Wandel in der Wirtschaft vorantreiben. Das hat die junge Frau motiviert, in die Politik zu gehen.
Scheeßel – Immer stärkerer Hass und radikalere Meinungen, auch in Deutschland – diese Entwicklung beobachtet Canina Ruzicka mit Sorge. Deshalb möchte und könne sie nicht weiter still zusehen. „Ich wollte nicht mehr bei Protesten nur in der Menge dabei sein. Ich wollte noch aktiver werden und mich politisch engagieren“, sagt die 21-Jährige aus Scheeßel.
Für die Zukunft ihrer Generation
Trotz oder gerade wegen ihres jungen Alters, kandidiert sie bei der Bundestagswahl als Direktkandidatin für Bündnis 90/Die Grünen. In der Politik brauche es auch junge Politikerinnen und Politiker, denn im Bundestag werde nun mal über die Zukunft der nächsten Generationen entschieden. Wer ihr vorwerfe zu wenig Erfahrung zu haben und empfiehlt, dass sie doch erstmal Arbeitserfahrung sammeln soll, dem entgegnet sie: „Ich habe schon in der Frühschicht beim Bäcker gearbeitet und als Vollzeit-Studentin sammle ich auch viele Erfahrungen.“
Ich wollte nicht mehr bei Protesten nur in der Menge dabei sein. Ich wollte noch aktiver werden und mich politisch engagieren.
Arbeit und soziales Umfeld sind wichtig für Integration
Beim Treffen mit der Flüchtlingshilfe in Scheeßel trägt die Studentin der Wirtschaftswissenschaft ein Armband mit grünen Perlen, auf denen „Team Rotenburg“ steht. Ihr Wasser trinkt sie aus einem grünen Glas. Sie hört sich die Sorgen der Flüchtlingshilfe vor Ort an und spricht ruhig und freundlich mit den beiden irakischen Geflüchteten, die dabei sind. Dass der Mann, der gebrochen Deutsch spricht, hier keine Arbeit findet, obwohl er in seiner Heimat Schweißer und Schreiner war, ärgert Ruzicka. „Bei der Arbeit und im sozialen Umfeld lernt man doch gerade die Sprache. Deshalb ist die Arbeit auch wichtig für die Integration“, findet sie.
Migration gegen Fachkräftemangel
Ruzicka fühlt sich in diesem Themenfeld sichtlich wohl. Sie fügt an: „Migration ist für Deutschland wichtig, wir brauchen die engagierten Arbeitskräfte“. Der aktuelle Fall in Wilstedt, bei dem kolumbianische Pflegekräfte abgeschoben werden sollten, zeige, wie wichtig Migranten für das Land sind. Ohne die Kolumbianer hätte das Pflegeheim wegen des Fachkräftemangels schließen müssen. Ruzicka wisse, wovon sie spreche, ihr Vater ist selbst mit seinen Eltern als Wirtschaftsflüchtling aus der Türkei nach Deutschland gekommen.
Kanzlerkandidat Merz sei volksfern und kompromissunfähig
Was die Studentin aktuell am wütendsten macht? „Der Rechtsdruck in der Gesellschaft. Ganz egal, ob Trump und Musk in den USA oder in Deutschland Merz und die AfD.“ Auf den CDU-Kanzlerkandidaten ist die junge Scheeßelerin gar nicht gut zu sprechen. Friedrich Merz wolle zu vielen Menschen die Staatsbürgerschaft entziehen, obwohl diese zur Gesellschaft in Deutschland beitragen. Das sei unfair und langfristig schlecht für die Wirtschaft, betont Ruzicka. „Außerdem haben Frauen vor Jahren schon für ihre Rechte demonstriert, aber jetzt kommt Merz und blockiert die Abschaffung von Paragraf 218.
Obwohl die Entkriminalisierung von Abtreibungen in einer modernen Gesellschaft längst überfällig ist“, so die 21-Jährige. Merz fehle die Nähe zum Volk, genauso wie die Fähigkeit, Kompromisse zu finden und Menschen zuzuhören – alles Kompetenzen, die aus Ruzickas Sicht einen guten Politiker ausmachen. Deshalb fordert sie: „Schluss mit Populismus, die Politik muss sich wieder stärker auf Fakten beziehen. Sie muss klare, langfristige Ziele vorgeben.“ Das ständige Hin und Her in der Politik, zum Beispiel um das Verbrenner-Aus, verunsichere nicht nur Käufer, sondern halte auch die Innovation von Unternehmen auf.
Jugendliche für Politik begeistern
Für ihren Wahlkreis „Rotenburg I – Heidekreis“ ist Ruzickas Ziel, Jugendliche und junge Erwachsene für Politik zu begeistern. Dieser Agenda ist sie bereits vor ihrem Wahlkampf gefolgt, sie ist Werkstudentin beim Kreisverband der Grünen und kümmert sich dort um den Social Media Auftritt auf dem Tiktok-Kanal. „Junge Menschen müssen mit ins Boot geholt werden“, betont die Direktkandidatin. Sie will mit dem Vorurteil brechen, dass politisches Engagement für ältere Menschen ist. Dabei könne zum Beispiel ein einfacher formuliertes Wahlprogramm helfen.
Diversitäts-Politik und Gleichberechtigung
Weitere Hauptthemen, auf die sich Ruzicka spezialisiert hat, sind der Schutz vor Diskriminierung, die ökologische Transformation und Diversitäts-Politik. Für queere Menschen will die Scheeßelerin die sexuelle Identität im Grundgesetz schützen. Das Abstammungsrecht müsse ebenfalls angepasst werden. „Gleichberechtigung für alle ist wichtig. Lesbische und schwule Paare haben es immer noch unnötig schwer, dass beide Partnerinnen oder Partner offiziell als Eltern anerkannt werden, wenn sie ein Kind zusammen haben“, kritisiert Ruzicka, die selbst lesbisch ist.
Sie kenne den Hass gegen Menschen, die nicht dem Stereotyp entsprechen und trotzdem ist ihr klar, dass sie sehr privilegiert aufgewachsen ist. Ihrer Mutter habe sehr früh bemerkt, dass ihre Tochter lesbisch ist. Auch den muslimischen Familienteil väterlicherseits störe ihre Sexualität nicht. „Schon mit fünf habe ich zu meiner Mutter gesagt: ‚Harry ist doof, ich will nicht ihn heiraten, sondern Hermine!‘“, erinnert sich die Direktkandidatin und lächelt.
Kindheit in SPD-Haushalt
Ihre Partnerin sei ihr aktuell im Wahlkampf eine große Stütze und begleite sie auch auf Veranstaltungen. Neben der Politik und der Prüfungsphase des Bachelorstudium bleibt gerade sonst nicht viel Zeit. Wenn dann doch mal etwas Luft ist, dann bleibt Ruzicka gerne zu Hause und verbringt Zeit mit ihrer Freundin, spielt Videospiele oder malt. Sie wuchs im SPD-Haushalt auf. Politik war deshalb schon immer Teil ihres Lebens.
Bei ihrer ersten Wahl mit 16, entschied sich Ruzicka direkt für die Grünen. Damals, wie heute, war ihr der Klimaschutz wichtig. Sie habe es nur eine Weile vor sich hergeschoben, politisch aktiv zu werden. Zum ersten Schritt in die Politik entschied sie sich, nach einem Vorfall in einem Bremer Club. Ruzicka wurde von einem anderen Gast ins Gesicht geschlagen, nachdem sie ihre Freundin geküsst hatte.
Introvertierte Kandidatin für ökologische Transformation
Generell beschreibt sich Ruzicka selbst als introvertiert. Referate vor Mitschülern zur Schulzeit seien schrecklich gewesen. Auch jetzt ist sie noch nervös, wenn sie vor vielen Menschen spricht. Aber es wird besser. Langsam gewöhne sie sich an Podiumsdiskussionen und Reden. Aktivismus sei besonders in der aktuellen Lage wichtig. „Genau wie bei der Freiheit darf der eigene Aktivismus aber nicht die Freiheit eines anderen einschränken“, definiert die 21-Jährige für sich. Bei den Protesten der Klimaaktivisten oder Landwirte, gehe es dann zu weit, wenn es massive Blockaden von Hauptverkehrsadern kommt.
Auch die ökologische Transformation der Wirtschaft steht für Ruzicka weit oben auf der Liste. „Wir dürfen auch kleine, mittelständische Unternehmen nicht zurücklassen“, betont die 21-Jährige. Umweltstandards müssen für alle vereinheitlicht werden. Deshalb sei auch die Europäische Union (EU) wichtig, um zukunftsorientierte, gemeinsame Standards festzulegen. Gerade in einer konfliktreichen Zeit, wie dieser, brauche es eine starke EU, um sich gegen andere Mächte zu behaupten.
Chancen für Ruzicka im Wahlkreis „Rotenburg I – Heidekreis“
Ihre Chancen im Wahlkreis 35, für den auch SPD-Bundesvorsitzender Lars Klingbeil als Direktkandidat antritt, sind verschwindend gering. Auf der Landesliste steht Ruzicka auf Listenplatz 19. Auch hier gibt es keine große Chance, ordnet die Scheeßelerin realistisch ein. Das störe sie aber nicht.
Sie freut sich, dass eine Kollegin im Ortsverband sie als Kandidatin vorgeschlagen hat und dass sie die lehrreiche Zeit nutzen kann. Für sie sei das bereits ein großer Schritt. Ruzicka lächelt und fügt an: „Das wird sicher nicht das letzte Mal sein, dass ich für ein politisches Amt kandidiere.“