VonMichael Krügerschließen
Viele Keller in der Region sind noch nass. Es wird weiter gepumpt und gesaugt. Während sich die Lage im Rotenburger Bereich entspannt, drohen im Heidekreis weiter größere Überschwemmungen. Der Schaden in vielen Privathäusern ist groß. Zahlt die Versicherung bei Hochwasser?
Rotenburg/Hodenhagen – Die Pumpen auch im Büro von Hannes Luhmann laufen noch. Der Keller in seinem Hodenhagener Versicherungsbüro steht unter Wasser. „Wir sind untergegangenen“, sagt der 38-Jährige. Gemeinsam mit seinem gleichaltrigen Rotenburger Geschäftspartner Daniel Piskorz und den zwölf Mitarbeitern betreut die VGH-Vertretung „Luhmann & Piskorz GmbH“ rund 10 .000 Kunden. Kerngebiet: vom Hochwasser besonders betroffene Bereiche in Rotenburg und im Heidekreis.
Telefonanrufe, Mails, Whatsapp-Nachrichten: Spätestens seit Weihnachten sind Luhmann und Piskorz mit ihrem Team im Hochwasser-Dauereinsatz. Luhmanns Bruder ist als Mitarbeiter der Agentur für die Freiwillige Feuerwehr komplett freigestellt. An den Feiertagen hilft auch der Geschäftsführer, Sandsäcke zu füllen. Das Aller-Leine-Tal vor der privaten Haustür in Ahlden gleicht weiterhin einer Seenplatte. „Dieses Hochwasser dürfte eines der größten Schadensereignisse der Versicherungsgeschichte hier sein“, ist sich Piskorz sicher. Dabei ist noch völlig unklar, wie teuer es wird. War die Sachlage beim ähnlichen Großschadensereignis, dem Orkan Kyrill 2007, relativ eindeutig, müssen Grundstücks- und Hausbesitzer jetzt ganz tapfer sein. Denn: Die Schäden entstehen aus ganz unterschiedlichen Gründen. Und viele sind gar nicht versicherbar.
Mehr als 30 .000 Verträge betreut die Versicherungsagentur. Knapp 3 .000 betreffen Wohngebäude. Versichern sich heute Hausbesitzer bei der VGH, Niedersachsens größtem Versicherungsinstitut, auch gegen Sturmschäden, deckt diese Police Starkregen und Rückstau ab. Starkregen bedeutet allerdings, dass das ganze Grundstück unter Wasser stehen muss und so Wasser ins Haus eindringt. „Wir hatten aber keinen Starkregen, sondern kontinuierliche Regenfälle“, so Luhmann. Rückstau bedeute, dass eine überfüllte Kanalisation Schmutzwasser zum Beispiel über die Toilette zurück ins Haus drücke. Zudem könnten bis zu einem gewissen Limit Nässeschäden mit aufgenommen werden, wenn Wasser zum Beispiel durchs Dach eindringt. Worüber jetzt viel diskutiert wird, weil Keller vollaufen: die Elementarversicherung. Die deckt Erdbeben, Erdrutsche, Schneedruck, Vulkanausbrüche, Lawinen oder eben Hochwasser ab. Aber auch nur unter bestimmten Bedingungen.
Der „Klassiker“: Grundwasser drückt in Keller
Brechen Deiche, treten Flüsse oder Seen über die Ufer, werden Häuser dadurch überflutet oder laufen voll, greift die Versicherung. Einfach ausgedrückt: Dafür muss das Wasser oberirdisch ins Haus laufen. Drückt dann zur Hochwasserlage oben auch das Grundwasser von unten in den Keller, liegt ebenso ein versicherter Elementarschaden vor. Nur ist das derzeit nur in wenigen betroffenen Bereichen so.
Der „Klassiker“ ist derzeit, dass das extrem hoch stehenden Grundwasser für sich in die Keller drückt. Fliesen fallen von Wänden ab, Böden gehen kaputt. Wer sein Hab und Gut nicht rechtzeitig höher gelagert hat, kann es auch bei den langsam steigenden Pegeln verlieren. So etwas allerdings, sagen Piskorz und Luhmann: „Das versichert niemand.“ Marktweit sei kein Versicherer bekannt, der die Schäden trägt. Die Erklärung dafür sei relativ einfach: „Eine Versicherung übernimmt die Reparatur eines Schadens, aber keine Sanierung.“ Das sei für Unternehmen gar nicht kalkulierbar. Die Häuser, in deren Keller jetzt das Wasser langsam eindringe, seien meist älter, aus den 1960er, 70er- oder 80er-Jahren. Damals habe man nicht mit diesen Wasserständen gerechnet und im Prinzip mit „Baumängeln“ gearbeitet: Die allerwenigsten Häuser seien mit einer wasserdichten Betonwanne um den Keller errichtet worden. Luhmann: „Wir können ja keinen Keller ausbuddeln und reparieren lassen.“ Das Grundwasserproblem bestehe im Übrigen nicht nur bei Häusern mit Keller: Auch durch normale Hauswände kann das hochstehende Grundwasser drücken. Auch dann gibt es keine Möglichkeit, sich gegen entstehende Schäden zu versichern.
Feuerwehreinsätze können auch teuer werden
Mehrere Hundert Mal ist allein die Rotenburger Feuerwehr in den vergangenen Wochen zu Hochwassereinsätzen ausgerückt – auch, um Keller leer zu pumpen oder Privathäuser mit Sandsäcken zu sichern. Diese Einsätze sind nicht kostenlos und können in Rechnung gestellt werden. Wie teuer es in der Kreisstadt wird, regelt eine Gebührensatzung der Stadt, die gerade überarbeitet wird. In der letzten Fassung von 2001 werden pro Einsatzkraft zum Beispiel 13 Euro pro Stunde angerechnet. Dazu kommen Materialien und Fahrzeuge. Die Stadt stellt die Einsätze „möglichst zeitnah“ in Rechnung, heißt es auf Nachfrage. Mehrere Hundert Euro können fällig werden.
Nur rund fünf Prozent aller Kunden haben sowieso eine Elementarversicherung, heißt es bei den Agenturbetreibern. Und das, obwohl die Kosten für ein normales Einfamilienhaus nur bei rund 100 Euro pro Jahr liegen. Viele, zum Teil „sehr emotionale“ Gespräche müsste die Mitarbeiter in den vier Filialen derzeit führen. Dabei sei die Lage in „mindestens 70 Prozent der Fälle recht eindeutig“, so Piskorz. Natürlich werde jede Anfrage mit der gebotenen Sensibilität abgearbeitet. „Sachlich verstehen es die meisten, aber die Bereitschaft, die Lage zu akzeptieren, ist schwierig.“ Luhmanns Wunsch: „Wir hoffen, dass die Leute für die Problematik etwas sensibilisiert sind.“ Vieles würde einfach verdrängt, solange man selbst oder Bekannte nicht betroffen sind.
Derzeit wird über eine bundesweite Pflicht für Elementarversicherungen politisch diskutiert. Luhmann und Piskorz glauben nicht, dass diese durchgesetzt werden kann. In Niedersachsen gibt es mit der Kfz-Haftpflicht, Tierhalter-Haftpflicht und der Krankenversicherung sowieso nur drei gesetzlich vorgeschriebene Policen. Wenig überraschend empfehlen die Versicherungsunternehmer, sich trotzdem rechtzeitig zu informieren: Nämlich, bevor der Schaden entstanden ist.

