VonAndreas Schultzschließen
Solidarität forderten Landwirte mit einem Bauernprotest bei Rewe ein und blockieren dafür das Kühllager in Sottrum. Laut Protestlern habe das zum Erfolg geführt.
Sottrum – Zwischenzeitlich fahren rund 230 Schlepper über die Straßen des A1-Gewerbeparks in Sottrum. Für die anliegenden Unternehmen geht aufgrund der Bauernproteste nichts mehr, der eine oder andere Laster mit verderblicher Ware kann noch unter der Begleitung der Landwirte passieren, ansonsten ist das Zentral- und Frischelager von Rewe an der Autobahn „lahmgelegt, regelrecht ausgehebelt“, wie Cord Meyer es formuliert. Der Höperhöfener Landwirt gehört zu den Demonstranten, die bereits in der Nacht damit begonnen haben, den fahrenden Protest auf einen neuralgischen Punkt im regionalen Lebensmittelhandel auszudehnen.
Fotos der aktuellen Bauernproteste – Streik, Blockaden und Staus




Bauernproteste: Schleichfahrten legen Zentral- und Frischelager von Rewe lahm
Es ist ein sehr eigenes Kapitel des Bauernprotests. Ein Tag in der Kälte und ein langes Ringen am digitalen Verhandlungstisch hat Cord Meyer hinter sich, als er zum ersten Mal nach rund 30 Stunden wieder eine Mahlzeit zu sich nimmt. Der Höperhöfener Landwirt sitzt am späten Mittwochnachmittag wieder zuhause, aus einem Mahnfeuer sei eine größere Zusammenkunft geworden, erinnert er sich zwischen zwei Bissen: Erst 60 Schlepper, in der Nacht werden daraus 180. Am Tag sind es noch ein paar mehr, als die Verhandlungen zur Auflösung der Blockade starten.
Blockade am Rewe-Kühllager: Laut Polizei eine friedliche Zusammenkunft
Schon vor 3 Uhr nachts bekommt die Polizei in Rotenburg den ersten Hinweis auf eine Blockade des Kühllagers durch Trecker: Zu dem Zeitpunkt habe es sich erst um 15 Zugfahrzeuge und sieben Autos gehandelt, teilt ein Polizeisprecher auf Nachfrage mit. Die Beamten bilanzieren eine friedliche Aktion, Kooperationsbereitschaft, positiven Austausch, aber auch viele Schleichfahrten auf der Alten Dorfstraße. Trotzdem teilen sie mit, dass keine Anlieferung derartig blockiert worden wäre, dass sie gar nicht hätte stattfinden können. Die Teilnehmer der Zusammenkunft hätten den Anweisungen der Polizei in allen Fällen sofort Folge geleistet, so der Polizeisprecher. Deshalb werde es auch kein juristisches Nachspiel geben, denn Tatbestände wie Nötigung habe es keine gegeben.
Das Ziel haben die Anhänger des Sottrumer Bauernprotests erreicht. Dazu haben auch Heizungsbauer, Logistikunternehmen, Kranfahrer beigetragen – und viele mehr. „Im Prinzip hat sich der ganze Mittelstand dort eingefunden“, sagt Meyer. Mit Erfolg: Denn die Demonstranten haben von der Rewe Group eine Zusicherung erwirkt, eine öffentliche Bekundung der Unterstützung: von Rewe. Für die Landwirte.
„In den letzten Tagen standen viele unserer Kolleg:innen und selbstständigen Rewe-Kaufleute im direkten Austausch mit Bäuerinnen und Bauern, die auf Grundlage friedlicher Proteste ihre Anliegen vorgebracht haben. Diesen Dialog setzen wir weiter fort und bekennen uns zur heimischen Landwirtschaft“, heißt es in einer Mitteilung, die Rewe verbreitet. Zitiert wird dort Emilie Bourgoin, Vorsitzende des gruppeneigenen Kompetenzzentrums Landwirtschaft.
Sie findet demzufolge: „Überall in Deutschland braucht es einen insgesamt funktionierenden ländlichen Raum: Denn mit Nah- und Gesundheitsversorgung, Kinderbetreuung oder lokaler Wertschöpfung bildet er die Grundlage des Miteinanders hierzulande. Es ist unsere Überzeugung, dass die Herausforderungen der Landwirtschaft einen offenen Austausch und die Beteiligung aller Akteure erfordern. Die Anliegen der Bäuerinnen und Bauern haben gesellschaftspolitische Dimensionen und können nur gemeinsam mit der Politik gelöst werden.“
Zur Blockade, zu den möglichen Auswirkungen, zu den Kosten für das Unternehmen hat sich Rewe bisher nicht geäußert. Die Presseabteilung in Köln kündigt Antworten an, aber wohl „nicht mehr heute, eher morgen“ – und bis Redaktionsschluss kommt dann auch keine Rückmeldung mehr. Eine Zahl wabert trotzdem durch den Raum: Um die fünf Millionen Euro würde eine Fortsetzung der Blockade bis einschließlich Samstag wohl kosten, heißt es aus dem Kreise der Demonstranten. Doch dazu kommt es nicht, die großen Zugmaschinen befahren noch am Mittwoch gegen 16 Uhr die Bundesstraße 75, um den Heimweg anzutreten.
Wir brauchen ein klares Statement, dass ein Umdenken stattfinden muss.
Dafür habe die Einigung auf den Wortlaut, der den Bauern Unterstützung zusichert, erst einmal spruchreif auf dem Tisch liegen müssen. Daran hätten vonseiten der Landwirte unter anderem Cord Meyer und zwei Landwirte aus dem Rotenburger Stadtgebiet beigetragen. Unter anderem Bourgoin habe auf der anderen Seite des figürlichen Verhandlungstisches gesessen – das Ringen um Formulierungen sei digital verlaufen, soll mehrere Anläufe gebraucht haben. „Das erarbeitete Dokument musste noch von Vorständen und Aufsichtsräten abgesegnet werden. Es zog sich“, blickt Meyer zurück. Mit dem Ergebnis seien die Landwirte zufrieden, wenngleich Meyer deutlich macht: Die Version, die sich das Verhandlungsteam der Bauern gewünscht haben, ist deutlich kürzer und prägnanter. Umsturzfantasien hätten in den eigenen Reihen keinen Platz, „aber wir brauchen ein klares Statement, dass ein Umdenken stattfinden muss.“

