VonAndreas Schultzschließen
Der Landkreis Rotenburg hat Potenzial - auch im Bereich Windkraft. 5,8 Prozent seiner Fläche könnte er nach selbst gegebenen Maßstäben dafür ausweisen.
Rotenburg – Wie viel Windkraft ist theoretisch im Landkreis Rotenburg möglich? Geht es nach der aktuellen Datenlage der Regionalplanung, stehen vorläufig 5,8 Prozent der Kreisfläche auf dem Papier. Bei ungefähr 12 000 Hektar landen Rainer Meyer und Sophia Schenk vom Amt für Kreisentwicklung nach den vergangenen Monaten der Recherche. Jetzt geht es an die Feinjustierung dieser Ergebnisse.
Wir wollten ein geordnetes Verfahren und keinen Wildwuchs.
„Ich grüße jetzt offiziell als Winddezernent“, sagt Torsten Lühring im Umweltausschuss des Kreistags. Der Erste Kreisrat und zuständige Dezernatsleiter bringt damit eine Prise Humor in eine Diskussion, die von Höhen und Tiefen geprägt war: Im Februar war die Kreispolitik größtenteils entsetzt über den Vorstoß vom Land, der Landkreis solle 4,89 Prozent seiner Fläche für Windkraft ausweisen. „Wir sind daraufhin zweigleisig gefahren“, erinnert Lühring. Einerseits ging es darum, die Grundlagen für das Flächenziel infragezustellen – der Niedersächsische Landkreistag hat daraufhin eine Deckelung verhandelt: Kein Landkreis müsse mehr als vier Prozent Windkraftfläche ausweisen. Andererseits habe man das Ausweisungsverfahren schon einmal angeschoben. „Wir wollten ein geordnetes Verfahren und keinen Wildwuchs.“ Die Kreispolitik hat sich daraufhin einen Kriterienkatalog für Potenzialflächen gegeben, die Verwaltung – Meyer und Schenk – hat sich dann daran gemacht, daraus eine Karte zu erstellen.
12000 Hektar - bislang unverbindlich
Die Ergebnisse sind nun da: Rund 12 000 Hektar Fläche eignen sich als „Suchräume“, wie Rainer Meyer verdeutlicht. Verbindlich ist damit nichts: Bislang handele es sich lediglich um „einen methodischen Zwischenschritt“, fügt der Regionalplaner hinzu.
Um zu den Potenzialflächen zu gelangen, wurden zunächst Wohnbebauungen und die zugehörigen 800 Meter Mindestabstand von der Karte der Kreisfläche abgezogen, darüber hinaus fallen natürlich die Flächen für Infrastruktur wie Straßen, Hochspannungsleitungen, Schienen, Gewässer, Natur- und Landschaftsschutzgebiete durch das Raster. Genauso Gebiete, in denen Luftverkehr stattfindet und militärische Bereiche. „Was dann als weiße Fläche übrig bleibt, ist unser Spielraum“, verdeutlicht Schenk. Und weil es das Gesetz so vorsieht, geht an jeder Fläche noch einmal ein 75 Meter breites Band ab, um den Rotoren möglicher Windkraftanlagen Rechnung zu tragen. Alleinstehende Potenzialflächen, die nach all diesen Schritten kleiner sind als 25 Hektar, fallen ebenfalls durch.
Ein Drittel des Potenzials: Breddorfer Moor
Damit bleiben 76 Flächen, im Kartenmaterial markiert in Hellblau. Die größte davon befindet sich im Breddorfer Moor: 2 545 Hektar Potenzialfläche erstrecken sich von Glinstedt bis Tarmstedt. Das macht 1,23 Prozent des gesamten Kreisgebiets aus – und fast ein Drittel der Potenzialflächen.
Im Südkreis erscheint die Lage übersichtlich. Der Großteil Visselhövedes fällt schon wegen des Radius um die Luftverteidigungsanlage weg, ein weiterer Teil scheidet dort aufgrund der Pufferzone zu seismologischen Messstationen aus. Viele kleinere blaue Flächen gibt es um Wittorf, Lüdingen und Hemslingen, aber auch um Vahlde und Ostervesede. Im Bereich der Kreisstadt tauchen die bereits bestehenden Vorranggebiete von 2020 auf, etwa der Windpark Wohlsdorf. Aber auch zwischen B75 und Westerholz befindet sich eine größere Potenzialfläche.
Stimmen aus der Politik
Die Karte zu den vorläufigen Potenzialflächen für Windkraft im Landkreis Rotenburg war Thema im Ausschuss für Klimaschutz, Umwelt und Planung. Das sagen die Lokalpolitiker: Volker Kullik (SPD) machte darauf aufmerksam, dass das Breddorfer Moor einerseits weit einsehbar und andererseits Brut- und Rastbereich für viele Wildvögel sei. „Wir haben es bislang geschafft, den Bereich von Windkraftanlagen freizuhalten“, sagte er. Er wollte zudem sichergestellt wissen, dass Potenzialflächen Keile zwischen Naturschutzgebiete treiben. Elisabeth Dembowski (Grüne) lobte einen „umsichtigen Entwurf“, Parteikollege Marco Körner wollte wissen, ob es Überschneidungen mit Flächen für Fotovoltaik gibt. „Wir sind in Gesprächen mit den Gemeinden“, so Erster Kreisrat Torsten Lühring. Reinhard Lindenberg (WFB) mahnte an, Windkraft-Lobbyisten müssten sich stärker für Akzeptanz einsetzen. Zum Beispiel über Beteiligung, etwa eine Windradpauschale. „Die Kommunen müssen mehr Geld bekommen, dann haben alle etwas davon.“
Beteiligungsverfahren soll 2024 anlaufen
Der weitere Fahrplan: Im nächsten Schritt wird es darum gehen, die Karte auf Fehler zu prüfen – etwa übersehene Wohnhäuser aufzunehmen und deren Auswirkungen auf die Flächen einzubeziehen und Berechnung unter die Lupe zu nehmen. „Dann wäre da noch die Abwägung, ob Flächen von 24,99 Hektar wirklich rausfliegen“, schiebt Meyer nach. Darauf folgt eine sogenannte strategische Umweltprüfung von einem externen Fachbüro. Einen Planentwurf solle es bis Ende des Jahres geben, sodass der Landkreis im ersten Halbjahr 2024 ins Beteiligungsverfahren gehen kann.
Die Arbeitskarte zur Ermittlung von Potenzialflächen ist auf der Internetseite des Landkreises (Stand 7. Juni 2023) unter www.lk-row.de zu finden.

