VonAnn-Christin Beimsschließen
Dass es an Wohnraum mangelt, ist kein Geheimnis. Wie es aber im Einzelnen um den Landkreis Rotenburg bestellt ist, zeigt jetzt ein erstmals erstelltes Wohnraumkonzept, das im Detail auf jede der 13 Kommunen eingeht.
Rotenburg – Der Landkreis Rotenburg hat nicht genug bezahlbaren Wohnraum zu bieten – vor allem im Bereich Sozialwohnungsbau. Zu dem Ergebnis kommen Regina Höbel von der „InWis Forschung & Beratung GmbH“ aus Bochum und ihre Kollegen. Sie haben sich mehr als ein Jahr intensiv mit der Situation in der Region befasst, Expertengespräche mit den Wohnungsmarktakteuren geführt, ebenso mit allen 13 Städten, Samt- und Einheitsgemeinden. Das Ergebnis des Konzeptpapiers ist nicht überraschend, zeigt, dass „es viel zu tun gibt“, wie Hans-Jürgen Schnellrieder (Grüne) am Ende der Präsentation im Ausschuss für Wirtschaft und Verkehr zusammenfasst.
Es mangelt an Wohnraum vor allem im einkommensschwachen Bereich, aber auch altersgerecht und barrierefrei. Auch gibt es nur wenig Mietwohnungen für größere Familien. Der bisherige Schwerpunkt liegt auf Eigenheimen. Der Landkreis ist landesweit der mit dem niedrigsten Anteil geförderter Mietwohnungen am Wohnungsbestand. Die Prognose steht aber auf Zuzug – auch durch die Ukraine-Flüchtlinge. Es werden perspektivisch mindestens 1 000 zusätzliche Wohnungen bis 2040 benötigt, so Höbel. Der Landkreis dürfe also nicht „die Hände in den Schoß legen“.
Die Rotenburger „Sandwich-Position“
Dass das Thema in der Vergangenheit politisch durchaus stiefmütterlich behandelt wurde, lässt Landrat Marco Prietz (CDU) nicht unerwähnt. Das Konzept biete nun eine gute Beratungsgrundlage, ist aber auch noch aus einem weiteren Grund wichtig: Denn nur wenn eines vorliegt, ist es möglich, Fördergelder für Bauprojekte zu generieren. In Niedersachsen ist die Vergabe für den sozialen Wohnungsbau an ein Wohnraumversorgungskonzept gebunden, das den Bedarf in der entsprechenden Region kennzeichnet.
Der ist eindeutig da: Rotenburg hat eine „Sandwich-Position“ zwischen Bremen und Hamburg, so Höbel. Viele Städter orientieren sich ins Umland. Vor allem die Stadt Rotenburg als auch die Samtgemeinde Fintel verzeichneten in den vergangenen Jahren einen starken Zuwachs. Aber auch die meisten anderen Kommunen können sich über mangelndes Interesse nicht beschweren. Spürbare Nachfrage herrsche vor allem in den Mittelzentren und dort, wo sich größeres Gewerbe angesiedelt hat wie in Elsdorf.
Sie dürfen sich von der großen Unsicherheit, die gerade herrscht, nicht dazu verleiten lassen, man müsse nichts tun.
Das einzige Problem: Der Wohnungsmarkt hat sich stark gewandelt, Höbel spricht von einer dramatischen Entwicklung. Schon vorher seien Preise angestiegen und Lieferengpässe vorhanden. Jetzt hemmen Inflation, explodierende Energiekosten und Bauzinsen die Menschen zusätzlich. „Da schrecken erst mal viele zurück. Der Bedarf ist aber da, die Leute sind in Wartehaltung. Sie dürfen sich von der großen Unsicherheit, die gerade herrscht, nicht dazu verleiten lassen, man müsse nichts tun“, betont Höbel in Richtung Landkreis.
Höbel und ihre Kollegen rechnen damit, dass sich die Wohnungssuche zunächst vorrangig auf Mietverhältnisse erstrecken wird. Das hat zur Folge, dass der Druck an diesem Markt steigen wird – und einkommensschwache Rotenburger mehr Konkurrenz bekommen werden. Dabei betont die Raumplanerin, die für die Kommunalberatung zuständig ist, dass unter das Label „einkommensschwach“ nicht nur Transferleistungsempfänger fallen. Im Gegenteil: Die Hälfte dieser Gruppe besteht aus denen, die berufsbedingt nicht viel verdienen oder in Teilzeit arbeiten. „Das sind nicht nur Hartz-IV-Empfänger.“ Dazu kommen die Flüchtlinge, für die bekanntermaßen immer wieder dringend Wohnraum gesucht wird.
800 Wohnungen für den Landkreis?
Aktion ist nun gefordert, deswegen sieht der Beschlussvorschlag vor, die Handlungsoptionen gemeinsam mit den Kommunen zu prüfen und konkrete Maßnahmen anzuschieben. Dafür setzt sich der Landkreis als Ziel ein Jahr. Denkbar sind beispielsweise die Bereitstellung von Bauland, feste Vorgaben für geförderten Wohnungsbau, Förderprogramme als Anreiz für Investoren oder die Gründung eines eigenen Wohnungsunternehmens. Der Landkreis soll aufschließen, bis 2030 mindestens 300 Sozialwohnungen zur Verfügung stellen, erklärt Höbel. Doch auch der Bedarf nach Ein- und Mehrfamilienhäusern ist weiterhin da. „Um die Bereitstellung von Flächen dafür mache ich mir aber weniger Sorgen“, so Prietz. Die Gruppen im sozialen Wohnungsbau hätten häufig weniger Lobby, um ihre Interessen zu vertreten, denkt er an Alleinstehende oder ältere Menschen. „Die dürfen nicht hinten überfallen.“
Die Bundesregierung will jährlich 100 000 Sozialwohnungen schaffen. Zur Umsetzung ist auch eine Landeswohnungsgesellschaft angedacht. 40 000 Wohnungen will sie schaffen. Auf Rotenburg runtergebrochen könnte das 800 Wohnungen bedeuten, rechnet Prietz vor. „Das würde einen erheblichen Anteil unserer Probleme lösen.“ Sich darauf zu verlassen, ist jedoch für die SPD keine Option. Der Kreis sollte Eigeninitiative zeigen. Aus diesem Grund hat die Kreistagsfraktion den Antrag gestellt, eine Kommunale Gesellschaft für Wohnen (KGW) zu gründen.
Kommunale Gesellschaft für Wohnen
Die Idee ist für die Fraktion mit dem Beschlussvorschlag nicht umfassend aufgegriffen, daher wurde dieser um einen Punkt erweitert: Der Landkreis prüft bis Mitte 2023 eine Gründung. Es braucht einen Plan B, findet Mathias Ullrich (SPD) – und wenn er erst mal nur für die Schublade ist. Aber: „Wir müssen uns vorbereiten, nicht auf die Landesgesellschaft warten. Sondern, dass wir agieren können, wenn es nötig ist.“ Das Konzept nun in der Form auf den Weg zu bringen, empfahl der Ausschuss einstimmig.
