Waffensener Schüler wollen Unterricht im Dorf

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Die Waffensener Kinder sind sauer: Sie wollen ihre Grundschule im Dorf zurück.
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Waffensen hadert mit der zumindest vorübergehenden Schließung der Grundschule. Die ist zwar wegen Lehrermangels rechtlich in Ordnung, dennoch fragwürdig. Es gibt viele gute Gründe, die Dorfschule zu erhalten.

Waffensen – Alle zusammen zu bekommen für den Fototermin vorne, ist organisatorisch schwierig: Eltern, Bürgermeister und Kinder haben die Presse eingeladen zum Ortstermin in der Grundschule Waffensen, um ihrem Ärger über die zumindest vorübergehende Schließung Luft zu machen. Aber die Kinder sind weg – spielen und toben auf dem weitläufigen Hof hinter dem Gebäude, einige haben es sich in Klassenräumen bequem gemacht, dort ist aktuell viel Platz. Auch wenn es mit dem geordneten Fototermin zunächst nicht klappt, einig sind sich alle in einem Punkt: Sie wollen ihre alte Dorfschule so schnell es geht wieder mit Leben füllen, und die Erst- bis Viertklässler müssen wieder verlässlich zur Schule gehen können.

Entscheidung fällt erst am Ende der Ferien

24 Kinder aus Waffensen sind derzeit Grundschüler, fünf davon Erstklässler. Erst ab 25 teilt das Landesamt für Schule und Bildung Klassen, erst dann wären zwei übergreifende Jahrgangsklassen in Waffensen möglich gewesen wie in den Vorjahren. Nur: Die Rotenburger Kantor-Helmke-Schule, für die Waffensen seit Jahrzehnten als Außenstelle betrieben wird, hat zu wenig Lehrerinnen. Und so fiel in der letzten Sommerferienwoche die Entscheidung: alle Waffensener nach Rotenburg.

Zu kurzfristig, dazu überhastet, unorganisiert und kommunikativ katastrophal: Die Eltern haben bereits einen ganzen Ordner angelegt mit Sachen, die in dieser Angelegenheit schief gelaufen sind. 22 der 24 jetzigen Waffensener hätten Schule nie ohne Coronabeschränkungen erlebt. Wann kehrt für sie Ruhe ein? Und wie lange bleibt die Dorfschule zu? Die Rotenburger Politik habe über alle Parteien hinweg signalisiert, dass die Stadt als Schulträger die Außenstelle unbedingt erhalten möchte, versichert Ortsbürgermeister und Ratsherr Henning Poppe (CDU). Rotenburgs Bürgermeister Torsten Oestmann hat das auch bereits öffentlich bekräftigt. Aber reicht das aus?

Hier sitzt derzeit niemand: Die drei Klassenräume in der Waffensener Dorfschule stehen momentan leer.

Mittlerweile ist viel Mobiliar von Waffensen nach Rotenburg geschafft worden. Während in der Ortschaft drei Klassenräume leer stehen, muss in Rotenburg improvisiert werden – Unterricht finde dort teilweise auch in der Aula statt, kritisieren die Eltern. Die Kantor-Helmke-Schule mit der neuen Schulleiterin Nicole Bacinovic sei zwar überaus bemüht und versuche alles, die Probleme klein zu halten, nur das löse eben nicht alles. Ganztagsbetreuung gebe es zum Beispiel für die Waffensener in Rotenburg nicht – keine Kapazitäten.

Es geht auch um Zuständigkeiten. Der Landkreis ist für den Schülertransport verantwortlich, der für die Waffensener kurzfristig organisiert werden musste. Da es aber mit der beauftragten Firma Weser-Ems-Bus aktuell sowieso massive Probleme in mehreren Landkreisen wegen Fahrermangels gibt, musste eine weitere Firma eingebunden werden. Und die schickt zumindest seit dieser Woche Kleinbusse aus Hamburg her, um die wenigen Kilometer nach Rotenburg zu übernehmen. Zunächst aber waren auch hier die Waffensener Eltern mit Fahrdiensten eingesprungen.

Eltern wollen nicht nur „rummaulen“

„Das ist ein absoluter Notmodus in der Schulpolitik“, bemängelt ein Vater im Gespräch. Es werde nur in allerletzter Minute reagiert, anstatt vorausschauend zu planen. Vor allem der zeitliche Ablauf wurmt Ortsbürgermeister Poppe. „Es fehlten ein Lehrer und ein Kind“, sagt er. Zeit, Geld, Stress für die Kinder: „Ist es das alles wert?“ Acht bis zehn ernsthafte Gespräche mit an der Stelle in Waffensen interessierten Lehrerinnen und Lehrern habe er nach einem kurzfristigen Aufruf in den sozialen Medien geführt. Nur dürfe man die Einstellung vor Ort nicht entscheiden, das Verfahren laufe langwierig und bürokratisch über die Landesbehörde – und dann auch nicht gezielt für bestimmte Orte. Die Waffensener Kinder würden aktuell „wie Vieh von einer Seite zur anderen“ geschoben. Deren Wohl sei schlichtweg nicht ausreichend berücksichtigt im ganzen Durcheinander der kurzfristigen Entscheidungen.

Und langfristig? „Waffensen wächst“, berichtet Poppe. Kommendes Schuljahr werde es 12 bis 14 potenzielle Erstklässler geben im Dorf. Die Schule müsse wieder geöffnet werden, auch um andere Standorte in der Kreisstadt zu entlasten. Die Eltern wollen ihren Beitrag dazu leisten, sich jetzt nicht nur „ausruhen und rummaulen“. Poppe: „Wir werden zementieren, dass wir bleiben wollen.“ Die erste Arbeitsgruppe, um den Schulhof aufzuhübschen, gibt es bereits.

Ein Kommentar von Michael Krüger

Ständig im Notmodus

Waffensen ist kein Bullerbü, allerdings kommt die dortige Grundschule vielen Eltern und vor allem den meisten Kindern des Ortes der Wunschvorstellung eines behaglichen Zuhauses zum Lernen ziemlich nahe. Dafür gibt es viele gute Gründe: Die Wege sind kurz, die Einrichtung mit drei kompletten Klassenräumen, mehreren Multifunktionsräumen, einem Computerraum, einer Bücherei und liebevoll hergerichteten Außenanlagen ist perfekt. Dazu gibt es eine verlässliche Mittags- und Nachmittagsbetreuung für die Erst- bis Viertklässler im nahen Mehrgenerationenhaus. Der Standort für eine Grundschule ist ideal, hier lässt es sich wunderbar lernen – nur leider darf das niemand zur Zeit. Man muss diesen Zustand nicht gleich als Skandal titulieren, aber es ist doch klar: Dieses Potenzial in städtischer Hand nicht zu nutzen, ist einigermaßen dämlich.

Während in Waffensen im Winter eine leere Grundschule gegen einfrierende Leitungen beheizt werden muss, sitzen Grundschüler an anderer Stelle in Containern oder in der Aula, weil es an geeigneten Klassenräumen mangelt. Rotenburg wächst, die Geburtenzahlen sind gestiegen, jetzt kommen wieder deutlich stärkere Jahrgänge. Für die Kantor-Helmke-Schule, für die Waffensen eine Außenstelle ist, wird schon über neue Schulbezirke nachgedacht, um sie zu entlasten. Natürlich will in der Rotenburger Politik und Verwaltung niemand die Grundschule in Waffensen komplett schließen, so wie es für sieben Jahre zwischen 1978 und 1985 einmal war. Natürlich arbeiten die Behörden mit großem Engagement daran, die Situation zu verbessern. Natürlich liegt es in erster Linie am Lehrermangel und Vorschriften, dass die jetzt 24 Kinder nicht mehr vor Ort beschult werden können. Aber klar ist auch: Bei besserer Kommunikation hätte das alles womöglich verhindert werden können.

Wir sind in dieser Woche vor Ort in Waffensen gewesen, haben mit Eltern, den Kindern und Ortsbürgermeister Henning Poppe (auch als Vater betroffen und nicht im Wahlkampf, wie ihm mitunter vorgeworfen wird) gesprochen. Das Kopfschütteln über die Situation war kräftig, auf allen Seiten. Hört man sich aus erster Hand das Geschehen an, wird vieles noch einmal deutlich Greifbarer als bei Telefonaten und Pressemitteilungen zuvor. Klar, der Landkreis hat ein Problem mit der Schülerbeförderung, weil es zu wenig Busfahrer gibt. Auch gibt es für die Landesschulbehörde Vorschriften, Rotenburg als Schulträger kann sich darüber nicht hinwegsetzen. Aber wer mit den Grundschulkindern spricht, die beim Pressetermin durch die verlassenen Klassen wetzen und spielen, dem wird klar: Das hier ist deutlich mehr als ein Verwaltungsproblem. Kaum ein Kind hat Schule bislang ohne Coronaregeln erlebt, 19 der 24 Kinder müssen die Schule wechseln, die fünf Waffensener Erstklässler wussten bis zum Tag vor ihrer Einschulung nicht so richtig, wie und wo es für sie nun losgeht. Weil Ämter nicht miteinander sprechen und weil unbürokratische Lösungswege – Bürgermeister Poppe hatte kurzfristig mehrere Interessenten für die Dorfschullehrer-Stelle akquiriert – im niedersächsischen Bildungssystem nicht vorgesehen sind, sind Eltern zu Recht erbost und Kinder traurig. Muss das denn sein?

Wir berichten viel über Rettungspakete, über Gelder für die Wirtschaft, über Millionen-Investitionen in Infrastruktur. Wir haben berichtet über den Straßenzirkus in Rotenburg, der mit viel ehrenamtlicher Arbeit und geringen Mitteln eine Stadt näher zusammen gebracht hat. Rotenburg hat dieses Stadtfest nur gut 30 000 Euro gekostet, vermutlich der Gegenwert von ein paar Metern öffentlichem Feldweg. Mit einer kleinen Summe wurde viel bewegt. Was würde es eigentlich kosten, die Grundschule Waffensen offenzulassen? Die Busse, die aus Hamburg für diese Kinder kommen, nicht fahren zu lassen? Vielleicht sogar andere nach Waffensen umzuleiten, um so die Hauptstellen zu entlasten? Es ist ja nur eine Überlegung von Betroffenen und vom Journalisten – aber kann es manchmal nicht viel einfacher sein? Das, was wir derzeit in der Schulpolitik betreiben, ist nur ein Verwalten im Notmodus. Ein Loch wird mit dem anderen gestopft. Hoffen wir, dass unsere Kinder daraus gelernt haben – wenn sie entscheiden dürfen.

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