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Die Kritik einiger Anwohner des Rotenburger Weichelsees ist groß, die erste richtige Saison schließt mit einem Minus: Investor Roland Nielebock legt die Pläne für den Ausbau des Strandgold vorerst auf Eis.
Rotenburg – Wie geht es weiter am Rotenburger Weichelsee? Diese Frage steht nach einer Bürgerversammlung am Mittwochabend im Rotenburger Ratssaal plötzlich ganz groß im Mittelpunkt einer öffentlichen Debatte, die seit einigen Monaten bereits schwelt. Bereits im Juli hatten sich Anwohner des Gebiets Weicheler Damm, Rönnebrocksweg und Imkersfeld an die Stadt gewandt und eine „erhebliche, zum Teil unerträgliche“ Lärmbelästigung durch Veranstaltungen am neuen Strandclub Strandgold beklagt. Bürgermeister Torsten Oestmann hatte daraufhin zum Dialog aufgerufen. Der ist zwar im Gange – Ende offen –, erste Konsequenzen zieht allerdings Investor Roland Nielebock: Nach einer Millionen-Investition in den Strandclub und einem satten Minus im ersten richtigen Betriebssommer hat er die Pläne für die ursprünglich zum Bebauungskonzept gehörende Gastro-Location für bis zu 400 Gäste auf Eis gelegt.
Wir tun und machen alles für Rotenburg und den Weichelsee. Aber wir fühlen uns unerwünscht.
Nach knapp zwei Stunden hat Oestmann genug. Er habe langsam den Eindruck, man drehe sich im Kreis. Zwar sitzen die rund 100 Besucher im Ratssaal zu dieser Zeit noch, aber so ganz täuscht seine Einschätzung nicht. Viele Anwohner, Nachbarn, aber auch Interessierte aus der Politik und Freunde und Mitarbeiter des Strandclubs sind gekommen zu dieser öffentlichen Aussprache. Es geht um den Brief, den nach Aussagen der Kritiker rund 120 Personen unterschrieben haben, es geht aber zunächst auch darum, mit Missverständnissen aufzuräumen. Denn das, was dort in abgespeckter Form im vergangenen Jahr und in diesem Sommer mit komplettem Konzept am See als Strandgold gelaufen sei, war alles im rechtlichen Rahmen. Bis zu 18 größere Veranstaltungen wären nach dem Emissionsschutzrecht möglich, bis zu zehn seien schon seit vielen Jahren im Bebauungsplan vereinbart gewesen. Fünf, so Oestmann, waren es dann 2022. Für die Kritiker dennoch zu viel. Sie stören sich vor allem an den Großveranstaltungen, sprechen von nicht mehr möglichem Aufenthalt im Freien oder im Haus währenddessen, es gäbe „wackelnde Gläser und Fensterscheiben“, man gehe davon aus, dass behördliche Emissionsgrenzen „bei Weitem nicht eingehalten“ würden. Veranstaltungen müssten in Häufigkeit, Lautstäke und vor allem Dauer begrenzt werden. Manch ein Anwohner kritisiert zudem den Verkehr, die Vermüllung angrenzender Bereiche, nächtliche Ruhestörungen, und selbst der reguläre Betrieb des Clubs tagsüber und in der Woche wäre zu laut. Zudem versperre manche Veranstaltungen Wander- und Radwege, sodass sich der See nicht immer komplett umrunden lasse.
Investor Roland Nielebock aus Scheeßel und sein Geschäftspartner Malte Janßen können zwar verstehen, dass sich manch ein Anwohner zu wenig informiert gefühlt habe zu Beginn, sie versprechen Verbesserungen, sagen aber auch, dass es keine grundsätzlichen Debatten geben könne. Man halte sich als Profis in der Veranstaltungstechnik unter anderem als Mitorganisatoren des Ferdinands Feld Festivals an behördliche Auflagen, es gebe zudem ein „Gentlemen’s Agreement“ mit der Stadt, um den öffentlichen Strandbereich für einige wenige größere Veranstaltungen mit zu nutzen. Im Gegenzug habe sich das Strandgold-Team verpflichtet, den Strand zweimal wöchentlich zu reinigen.
Meine Whisky-Flaschen wären längst im Schrank zerbrochen.
Nielebock will das Strandgold nicht als Sündenbock sehen für generelle Problemlagen. Verkehrsbelastung in Rotenburg? Nächtliche Ruhestörungen? Partys bis zum Morgen am Strand? „Wir sind nicht für das Strandgold verantwortlich, nicht für alles drumherum.“ Der Vandalismus sei durch den Club am Weichelsee deutlich zurückgegangen, die Müllsituation habe sich verbessert. Trotzdem müssten sich Mitarbeiter „persönliche Anfeindungen und Beleidigungen“ anhören. Auch sei die Polizei ein ständiger Gast, weil Nachbarn diese wegen Ruhestörungen alarmierten, und das Gesundheitsamt werde immer mal wieder vorstellig. Beanstandungen bislang? „Keine.“ Nielebock: „Wir haben ein gesittetes Publikum.“
Winter-Zauber-Strand
An allen vier Adventswochenenden lädt das Strandgold jeweils von Freitag bis Sonntag ab 14 Uhr zum „Winter-Zauber-Strand“ ein – mit Kinderkarussell, Spielbuden, Glühwein und Weihnachtsbaumverkauf. Ein kleiner Weihnachtsmarkt für Rotenburg. Ob auch Spiele der Fußball-WM gezeigt werden, ist aktuell noch unklar.
Da man schon jetzt mit viel Kritik leben müsse, sieht der Strandclub-Chef „den Standort wirtschaftlich gefährdet“. Gut eine Million Euro habe er bis jetzt in den Beachclub investiert, durch Corona und weil er im vergangenen Jahr auf „Stümper“ hereingefallen war, rund drei Mal so viel wie ursprünglich veranschlagt. Die erste richtige Saison beende er mit einem Minus von 150 000 Euro. Die ursprünglich im Konzept vorgesehene, feste Event- und Gastro-Location für bis zu 400 Personen habe er unter diesen Umständen „bis auf Weiteres verschoben“. Nielebock: „Unter diesen Bedingungen wird es hier nicht möglich sein, große Familienfeiern wie Hochzeiten stattfinden zu lassen.“
Darüber hinaus haben Nielebock und sein Team das Programm für 2023 bereits eingedampft. An Vatertag wird zwar mit Malle-Hits gefeiert, zu Pfingsten wird es aber nur noch einen Familientag geben. Wie es mit der seit vielen Jahren am See ausgerichteten Beachparty „Summer Sensation“ weitergehen wird, muss sich zeigen. Deren Ausrichter haben von den Anwohnern wegen der einzigen Party, die bis nachts um drei Uhr am Strand lief, am meisten Kritik geerntet. Bürgermeister Oestmann spricht davon, angesichts der Entwicklungen rund um den Weichelsee durchaus „traurig“ zu sein, setzt aber auf weiteren Dialog und Kompromissbereitschaft aller Seiten. Auch die Stadt habe schließlich ein großes Interesse daran, am Weichelsee weiter etwas bieten zu können: „Das wird hier nicht das Ende sein. Wir sind auf einem guten Weg.“
Ein Kommentar von Michael Krüger
Wie man es wieder kaputt macht
Niemand will sich lustig machen über andere. Geschmäcker sind verschieden, das persönliche Lärmempfinden auch. Trotzdem muss man mal festhalten: Da kommt ein junger Investor mit einem tollen Konzept und belebt das innerstädtische Kleinod Weichelsee wieder, das erneut zu verkommen und wieder zur No-Go-Area werden drohte. Anders als der Bullensee ist der Weichelsee ein Naherholungsgebiet vor allem für Menschen – nicht Naturschutzgebiet. Für die Menschen wird etwas gemacht, nicht nur, aber vor allem auch für die, die jünger sind oder sich jünger fühlen. Weil es für sie außer Tankstellen-Cornern und Gartenparty nichts mehr gibt in der Kreisstadt.
Und dann hagelt es Beschwerden. Anonym im Netz, na klar, unter jeder Gürtellinie. Aber auch von Anwohnern. Von einigen, längst nicht allen. Zu laut, zu viel Bass, viel zu viel Verkehr, zu viel Bier, zu lange, zu viele komische Leute, usw. usf. Es gibt einen Angelverein, der sich beschwert, weil seine Mitglieder bei ein paar größeren Veranstaltungen pro Jahr an wenigen Tagen den Weichelsee nicht mehr in beiden Richtungen umrunden können, weil Wege gesperrt sind. Ernsthaft? Die Ruhe, in der Bürgermeister Torsten Oestmann und Investor Roland Nielebock bei der Bürgerversammlung moderiert und geantwortet haben, ist bewundernswert. Andere wären auch als Anwohner am liebsten aufgestanden und hätten vor Wut und Unverständnis angesichts manch hanebüchener Kritik rumgepoltert. Einer von ihnen: der Autor. Die Kritiker wollen gar nichts verhindern? Genau das tun sie.
Rotenburger Doppelmoral.


