VonHeinrich Krackeschließen
Es kommt zu immer mehr Sichtungen von Wölfen im Landkreis Verden. Dienstag ist er daher Thema der Kreispolitik.
Kirchlinteln/Langwedel – Vier kleinere Welpen trotten mit ihrem Muttertier in Schülingen durch ein Video, ein nächstes Quartett ist in der kleinen Ortschaft Grafel unterwegs, ein zähnefletschendes Tier in der Nähe Otersens und dann der vom Zug überfahrene Vierbeiner bei Uphusen. Die Wolfssichtungen mehren sich in den zurückliegenden Tagen im Landkreis Verden. Und auch die Wolfsbegegnungen zwischen Mensch und Tier nehmen zu.
Immer mehr Sichtungen von Wölfen
Und nicht unwahrscheinlich, dass sich ein zweites Rudel fest etabliert. Zusätzlich zu jenem von Stemmen jetzt eines im Raum Haberloh/Völkersen. „Nach meiner Erkenntnis handelt es sich mindestens um zwei Rudel, möglicherweise sogar um drei, die sich hier im Landkreis niedergelassen haben“, sagt Wolfsberater Helmut Meyer. Für den Raum Verden/Kirchlinteln ist er zuständig.
Ob nun wirklich Gefahr bestand, ist dem Blickwinkel des Betrachters überlassen. Aber ihnen ging ganz schön der Puls, das steht fest. Den beiden Spaziergängerinnen zum Beispiel, die im Oterser Moorgebiet unterwegs waren. Ihre Hunde führten sie an der Leine, zwei Labrador-Rüden, ehe es unbehaglich wurde.
Zähnefletschend stand der Wolf neben Helmut Meyer
Ein Wolf trottete ihnen hinterher, im kurzen Abstand, vielleicht zehn Meter, vielleicht 15 Meter entfernt, trottete und trottete. Die Frauen taten, wie ihnen angeraten, sie bauten sich groß auf, nur dass der Wolf diese Geste nicht verstand, und die Hunde hatten den Verwandten natürlich auch längst gewittert und zogen an der Leine. Knapp zehn Minuten ging das so. Erst als die Spaziergängerinnen zu ihrem Fahrzeug zurückkehrten, machte sich der ungebetene Begleiter aus dem Staub. Die Nahbegegnung sei vom Wolfsbüro in Hannover aufgenommen.
„Nur drei Stunden später erreichte mich die nächste ungewöhnliche Wolfsichtung aus der Oterser Umgebung“, sagt Meyer. Ein Jagdpächter meldete sich. Ein Stück gerissenes Damwild wolle er melden, Kolkraben hätten ihm den Weg in stark bewuchertem Gelände gewiesen. Ob eine DNA-Probe genommen werden solle? „Dazu muss der Kadaver abgedeckt werden, sonst machen ihn die Raben unbrauchbar“, sagte Meyer.
Der Jagdpächter also zurück an den Ort des Geschehens. Als er das Tier mit Futtertüten abzudecken im Begriff war, der Schrecken seines Lebens. Zähnefletschend stand er neben ihm, der Wolf, zähnefletschend und angriffslustig. Irgendwann verzog sich das Tier. „Zusammen mit dem Jagdpächter habe ich mir anschließend die Stelle angesehen. Erneut sprang uns ein Wolf über den Weg“, so Meyer. Die DNA-Probe befinde sich in der Auswertung.
Ob es sich bei den Oterser Nahbegegnungen um Wölfe aus dem Stemmener Rudel handelt, oder schon um eine eigene Gruppierung steht im Nebel. Auf jeden Fall hat sich der Stemmener Verband offenbar neu formiert. War er vor einem Jahr noch als unklar eingestuft, so ist er jetzt im Wolfsmonitoring als bestätigt geführt. „Fünf Welpen aus dem vergangenen Jahr, dazu die beiden Alttiere, da kommen allein sieben zusammen. Hinzu gesellen sich ein bis zwei weitere Wölfe“, so Meyer.
„Wir wissen, die Rudel aus Visselhövede und Rotenburg haben ihr Territorium auf den Landkreis Verden ausgedehnt“
Ferner machte ein Drohnenvideo aus Odeweg die Runde. Eine Handvoll Wölfe, die an einem Waldrand im Gras dösten. „Dabei könnte es sich auch um einen Ausflug des Visselhöveder Rudels handeln“, so der Wolfsberater. Konkreter aus seiner Sicht die Sachlage im Raum Schülingen/Völkersen/Haberloh. Vor allem ein Video aus Schülingen mit einer Fähe und vier noch relativ jungen Welpen zieht ihn in den Bann. „Die Muttertiere unternehmen Ausflüge mit den Kleinen nur in die Umgebung“, sagt Meyer. „Die laufen nicht viele Kilometer.“
Für ihn ein Hinweis, auch hier hat sich ein Rudel etabliert. In der Unteren Naturschutzbehörde ist man da vorsichtiger. „Die Meldungen haben wir erhalten, aber es liegt noch keine abschließende Einschätzung vor“, sagt Fachbereichsleiterin Silke Brünn auf Nachfrage. „Wir wissen, die Rudel aus Visselhövede und Rotenburg haben ihr Territorium auf den Landkreis Verden ausgedehnt. Aber wir sind auf die Einstufungen von anderen angewiesen. Das Wolfsbüro hat ein nächstes Rudel noch nicht bestätigt.“
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Auf jeden Fall fehlt es dem Isegrim nicht an Appetit. Kürzlich wurde Meyers Meldungen zufolge in Völkersen ein neu geborenes Fohlen gerissen und komplett verspeist.
Zahl der Wölfe in Niedersachsen wächst
Wolfssichtungen gehören inzwischen zum Alltag in der Region. Laut niedersächischem Wolfsmonitoring wurden Nachweise im halben Landkreis Verden bestätigt, flächendeckend das gesamte Kreisgebiet östlich der Autobahn A 27. Die Zahl der ortsfesten Wölfe in Niedersachsen hat sich den Angaben zufolge innerhalb der vergangenen zehn Jahre verachtfacht.
Auch der Verdener Kreistag wird sich mit den hohen Zuwachsraten beschäftigen. Auf der Dezember-Sitzung wird über die Uelzener Erklärung abgestimmt, die eine Herausnahme des Wolfes aus der Liste der streng zu schützenden Arten und eine regelhafte Bejagung vorsieht. Die mit Spannung erwartete erste Debatte steht am kommenden Dienstag auf dem Programm. Erst vor zwei Wochen war ein Wolf in Bremen einem Radfahrer gefährlich nah gekommen.
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