Massive Bahn-Verspätungen

200 Amazon-Mitarbeiter blockieren Zug: Polizei schreibt erste Strafanzeigen

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Konnte nicht mehr weiterfahren: Ein Regionalexpress wurde am Mittwoch, 19. Juli 2023, von etwa 200 Amazon-Mitarbeitern blockiert. Sie wollten keine 23 Minuten auf die nächste Bahn warten.
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  • Marcel Prigge
    Marcel Prigge
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Weil sie ihren Zug nicht verpassen wollten, verhinderten rund 200 Amazon-Mitarbeiter die Weiterfahrt eines Zuges. Sie sprangen aus Büschen auf die Gleise.

Update vom Donnerstag, 20. Juli, 19:35 Uhr: Mehrere Amazon-Mitarbeiter erhalten in aller Kürze Strafanzeigen, weil sie einen Zug daran gehindert haben, pünktlich abzufahren. Das teilte die Bundespolizei in Bremen mit. Dabei handele es sich um die ersten Personen, für die Anzeigen angefertigt worden seien. Ein Amazon-Sprecher sagte, ein solches Verhalten auf keinen Fall zu tolerieren, sollten tatsächlich Mitarbeiter des Versandunternehmens an dem Vorfall beteiligt gewesen sein.

Um weitere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen identifizieren zu können und künftige Vorfälle dieser Art zu unterbinden, stünden die Beamten der Bundespolizei in Kontakt mit benachbarten Dienststellen und dem Logistikunternehmen. Das erklärte Ziel aller Beteiligten sei es, Personen vor möglichen gesundheitlichen Schäden durch ein- oder ausfahrende Züge zu bewahren. Kurz vor der Einfahrt in einen Bahnhof hätten Züge in der Regel noch erhebliche Restgeschwindigkeiten von 80 bis 100 Kilometern in der Stunde.

Schaden durch Zug-Blockade in Achim extrem schwierig zu berechnen

Eine Sprecherin der Deutschen Bahn sagte gegenüber kreiszeitung.de, eine genaue Höhe an Forderungen gegenüber den Verursachern einer Verspätung lasse sich nur sehr schwierig bestimmten. Grundsätzlich spielten bei der Berechnung einer Verspätung unter anderem Fahrgeld-Erstattungen und Kosten mit rein, die wegen verspäteter Güterzüge nach und nach erhoben würden. In jedem Fall sei es extrem komplex, einen durch Verspätungen entstandenen Schaden zu berechnen.

Infolge der Blockade sichert die Bundespolizei den Bahnhof Achim am Donnerstag mit mehreren Streifen. Darüber hinaus seien weitere Maßnahmen geplant, sagte ein Sprecher der Bundespolizei. Details nannte er aus ermittlungstaktischen Gründen nicht. Die Ermittler stellten bei mindestens 15 Menschen die Identitäten fest. Sie müssen mit einer Anzeige wegen Nötigung rechnen. Sollte sich der Verdacht bestätigen, droht ihnen eine Geldstrafe oder bis zu drei Jahre Haft. (kom, mit Material der dpa)

Erstmeldung vom Donnerstag, 20. Juli, 7:56 Uhr: Achim – Sie wollten keine 23 Minuten auf den nächsten Zug warten: 200 Amazon-Mitarbeiter haben nach ihrem Schichtende am Mittwoch, 19. Juli, am Bahnhof Achim einen Regionalexpress blockiert, um rechtzeitig nach Hause zu kommen. Sie liefen aus Büschen auf die Bahngleise und stiegen anschließend ein. Die Polizei ermittelt.

200 Amazon-Mitarbeiter blockieren Regionalexpress: Aus den Büschen auf die Gleise gelaufen

Wie die Bundespolizeiinspektion Bremen berichtet, wollte der Lokführer des RE4420 planmäßig um 15:26 Uhr vom Bahnhof Achim in Richtung Bremen abfahren. Doch plötzlich liefen etwa 200 Personen aus angrenzenden Büschen vor seinem Zug und auf die Bahngleise. Der Zug wird an der Abfahrt gehindert. Anschließend steigen alle Personen gemeinsam in den Regionalexpress ein.

Die eintreffende Streifen der Polizei Verden und der Bundespolizei konnten zwar noch Personen am Zug eintreffen, einige flohen jedoch auch aus dem Regionalexpress. Durch Zeugen hätten mehrere Menschen identifiziert und deren Identitäten polizeilich festgestellt werden. „Gegen diese wurden polizeiliche Ermittlungen eingeleitet“, so die Beamten.

Ersatzhaltestellen für Busse eingerichtet: Baustelle am Bahnhof macht Weiterkommen für Amazon-Mitarbeiter schwer

Die Mitarbeiter haben scheinbar nach ihrem Schichtende ihre Fahrt nach Hause sicherstellen wollen. Nach Informationen von Ippen.Media wird vonseiten der Stadt neben dem Bahnhof eine neue Mobilitätsstation gebaut. Genau dort haben bislang immer die Busse für die Amazon-Mitarbeiter gehalten. Diese müssten sich deshalb eigentlich mit Ersatz-Haltestellen begnügen.

Die Baustelle am Bahnhof Achim: Hier wird eine neue Mobilitätsstation errichtet. Deshalb halten Busse an Ersatzhaltestellen.

Wollten keine 23 Minuten warten: Massive Verspätungen durch Zug-Blockade

Durch den Vorfall am Bahnhof mussten sowohl die anderen Reisenden im betroffenen Regionalexpress als auch die Gleisblockierer eine etwa einstündige Verspätung hinnehmen. Besonders bitter: Der nächste Zug wäre planmäßig 23 Minuten später gefahren. Insgesamt entstanden durch die Amazon-Mitarbeiter bei elf Zügen Verspätungen von insgesamt 249 Minuten, so die Beamten.

Amazon-Sprecher: „Wir tolerieren ein solches Verhalten auf keinen Fall“

Amazon selbst zeigt sich bezüglich des Vorfalls bedeckt. „Sollten Mitarbeitende von uns beteiligt gewesen sein: Wir tolerieren ein solches Verhalten auf keinen Fall, werden selbstverständlich mit den Behörden zusammenarbeiten und alles in unserer Macht Stehende tun, damit so etwas hoffentlich nicht mehr vorkommt“, heißt es vonseiten eines Amazon-Sprechers. Die Sicherheit der Angestellten habe „für uns immer und zu jeder Zeit höchste Priorität.“

Die Polizei sucht Zeugen, die Angaben zum Sachverhalt oder zu den beteiligten Personen machen können. Diese werden gebeten, sich bei der Bundespolizei unter der Telefonnummer 0421/16299-7777 zu melden.

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