Protest am Tagebau Garzweiler

AnnenMayKantereit singen bei Demo in Lützerath bitterböses Schmählied auf Robert Habeck

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Die Kölner Band AnnenMayKantereit in Lützerath.
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DIe Kölner Band AnnenMayKantereit spielte im besetzten Lützerath. Weil die Abbruchkante einsturzgefährdet ist, konnte der Auftritt nicht wie geplant starten.

Erkelenz – Die Grünen sind in Lützerath nicht wohlgelitten. „Die Grünen werden ihr blaues Wunder erleben“, sagt eine Aktivistin, die im Dorf lebt, und meint wohl die nächsten Wahlen. Viele hier sind enttäuscht von der Partei, weil sich NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur und Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck mit RWE darauf verständigt haben, dass Lützerath abgerissen wird. Das kommt offenbar auch bei der Kölner Band AnnenMayKantereit gar nicht gut an, die spontan ein Konzern am besetzten Ort gab und die Grünen mit einem Schmählied bedachte.

Mehrere Tausend Menschen waren beim Konzert am Sonntag in Lützerath dabei.

Lützerath-Räumung steht kurz bevor

Der Abriss von Lützerath ist Teil eines Deals mit dem Energiekonzern im Rahmen des vorgezogenen NRW-Kohleausstiegs 2030. Durch das Abkommen werden zwar fünf Tagebau-Dörfer vor dem ursprünglich geplanten Abriss bewahrt, aber Lützerath muss weichen, damit RWE die Braunkohle darunter abbaggern und den Abraum zur Befestigung der Tagebauböschungen nutzen kann. Mona Neubaur hatte erst jüngst noch einmal bekräftigt, dass der Abriss aus energiepolitischer und tagebauplanerischer Sicht unumgänglich sei. Ob die Lützerath-Räumung aber tatsächlich unvermeidlich ist, gilt als umstritten. Studien zufolge wird die Braunkohle unter Lützerath nicht benötigt, um die Energieversorgung in Deutschland sicherzustellen. Auch Klimaaktivistin Luisa Neubauer hatte die Grünen deshalb zuletzt scharf kritisiert.

AnnenMayKantereit in Lützerath: Auftrittsort spontan geändert

Und nun auch die Kölner Band AnnenMayKantereit. Die Musiker waren schon früher bei Demos etwa von Fridays for Future aufgetreten. Ihr Konzert am besetzten Lützerath sollte eigentlich direkt an der Abbruchkante vom Tagebau Garzweiler starten – mit viel Symbolkraft: Denn im Hintergrund hätte man den gigantischen Braunkohlebagger von RWE gesehen, der sich Tag für Tag näher an Lützerath heran gräbt.

So lebten die Bewohner von Lützerath: Zwischen Hippie-Kommune und Straßenkampf

Menschen besuchen das besetzte Lützerath
Anfang Januar kommen immer mehr Menschen nach Lützerath. Aktuell besetzen mehrere hundert Menschen das Dorf. Am 8. Januar gab es zudem einen öffentlichen Dorfspaziergang.  © Peter Sieben
Menschen mit Rucksack am Tagebau bei Lützerath
Viele reisen mit Rucksäcken an und wollen bleiben, um Lützerath zu verteidigen. Manche sind noch sehr jung, kaum volljährig. Aber es gibt hier auch Aktivisten jenseits der 60. © Peter Sieben
Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler II
Die gigantischen Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler II sind dauerpräsent: Langsam graben sie sich in Richtung Lützerath.  © Peter Sieben
Baumhäuser in Lützerath
Ähnlich wie im Hambacher Forst, leben die Aktivisten im Camp von Lützerath auch in Baumhäusern.  © Peter Sieben
Eine Frau hebt einen Graben in Lützerath aus
Zur Besetzer-Strategie gehört das Ausheben von Gräben. Täglich arbeiten die Aktivisten an Barrikaden.  © Peter Sieben
Ein gelbes X vor Lützerath
Das gelbe X ist das Symbol der Klimaaktivisten. Man findet es überall im besetzten Dorf.  © Peter Sieben
Ein großes gelbes X vor Lützerath
Das riesige Holzkreuz oder X-Symbol ist das Symbol der Kohlegegner und Klimaaktivisten. Ursprünglich nutzten es Demonstranten, die gegen die sogenannten Castortransporte protestierten, bei denen Atommüll in Endlager gebracht wurde.  © Peter Sieben
Gespensterpuppe in Lützerath
Plakativ: Für die Aktivisten aus Lützerath ist Strom aus Kohle ein Schreckgespenst.  © Peter Sieben
Annenmaykantereit in Lützerath
Prominenter Besuch: Die Kölner Band AnnenMayKantereit spielte ein Konzert bei Lützerath.  © Peter Sieben
Annenmaykantereit in Lützerath
Die Band spielte unplugged, nur mit Gitarre und Melodica. Auf dem Gelände begegnet man auch abseits solcher Konzerte Musikern mit Akustikgitarren.  © Peter Sieben
Zwei Menschen mit einem Schild am Tagebaugelände bei Lützerath
Menschen aus umliegenden Städten und Dörfern reisten im Januar nach Lützerath.  © Peter Sieben
Besetzer mit Sturmhauben in Lützerath
Wenn Menschen von außerhalb kommen, vermummen sich viele Besetzerinnen und Besetzer.  © Peter Sieben
Schild in Lützerath am Tagebau Garzweiler II
Lützerath liegt direkt an der Grenze zum Tagebau Garzweiler II. Rund 150 Aktivistinnen und Aktivisten wollen den Ort gegen den Abriss verteidigen.  © Peter Sieben
Menschen auf Campingstühlen am Garzweiler-Gelände
Drüben auf dem Hügel: Im Januar kommen immer mehr Menschen in das besetzte Dorf am RWE-Tagebau Garzweiler. © Peter Sieben
Zwei Menschen am Tagebau Garzweiler
Die Abbruchkante des Tagebaus ist inzwischen extrem instabil. © Peter Sieben
Eine Person sitzt auf einer Wiese vor dem Tagebau Garzweiler
Die Tagebaufläche an der Grenze zu Lützerath ist riesig. Das Gelände wurde einst landwirtschaftlich genutzt. © Peter Sieben
Menschen mit Fahnen am Tagebau Garzweiler
Beim AKtionstag im Januar kamen auch viele Menschen von außerhalb, die sich solidarisch mit den Besetzern zeigten.  © Peter Sieben
Karnevalsfigur von Armin Laschet in Lützerath
Eine alte Karnevalsfigur, die den Ex-Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU) darstellt. Inzwischen sind auch die Grünen nicht mehr wohlgelitten in Lützerath.  © Peter Sieben
Auto mit Graffiti in Lützerath
Ein buntes Schrottauto steht genau auf der Grenze zwischen dem Tagebau Garzweiler und Lützerath. © Peter Sieben
Besetzer auf einem Hochsitz in Lützerath
„Wir bauen in die Höhe, um es der Polizei so schwer wie möglich zu machen“, erklärt eine Aktivistin. An mehreren Stellen in und um Lützerath besetzen die Aktivisten permanent Hochsitze, verbringen dort oft Stunden. © Peter Sieben
Aktivisten errichten Barrikaden in Lützerath
Bauarbeiten in Lützerath. Das Errichten von Baumhäusern und Barrikaden haben sich die Aktivisten in Do-it-yourself-Manier beigebracht. Manche der Besetzer haben schon bei ähnlichen Aktionen wie im Hambacher Forst Erfahrungen gesammelt. © Peter Sieben
Schrottauto, das als Barrikade vor Lützerath dient
Der schrottreife Wagen stand lange Zeit auf der Straße zwischen Tagebau und Lützerath. Jetzt dient er als Barrikade.  © Peter Sieben
Ein alter Wohnwagen dient als Barrikade vor Lützerath
Ein alter Wohnwagen dient als Barrikade vor Lützerath. Unterstützung gibt es auch von Gruppen aus anderen Städten. © Peter Sieben
Zwei Menschen vor dem Tagebau Garzweiler
Die Aktivisten hatten zu einem Dorfspaziergang am 8. Januar eingeladen. Viele Menschen kamen aus umliegenden Städten – und ganz Deutschland und aus Nachbarländern nach Lützerath. © Peter Sieben
Aktivisten heben Gräben in Lützerath aus
Die Besetzer und Helfer heben Gräben aus und errichten Barrikaden in Lützerath.  © Peter Sieben
Barrikaden vor Lützerath
Noch vor zwei Monaten war dieser Weg frei. Jetzt haben die Aktivisten Barrikaden errichtet, um die Räumung durch die Polizei zu verhindern oder zumindest zu erschweren.  © Peter Sieben
Menschen sitzen auf einem Wall am Tagebau Garzweiler
Ausharren am Tagebau Garzweiler: Dir Lützerath-Räumung steht unmittelbar bevor.  © Peter Sieben
Fläche am Tagebau Garzweiler
Das einstige Feld ist eine Schlammlandschaft.  © Peter Sieben
Protestierende in Lützerath
Protest gegen die Braunkohle: Zwischen Aktivisten und Polizei kommt es immer wieder auch zu Rangeleien.  © Peter Sieben
Polizeibusse in Lützerath an der Abbruchkante vom Tagebau Garzweiler
In Lützerath ist die Polizei mit einem Großaufgebot vor Ort. © Peter Sieben
Polizei-Vorbereitungen zur geplanten Räumung des Dorfes Lützerath
Seit Anfang Januar gibt es immer wieder Rangeleien zwischen Aktivisten und Polizisten. Mehrere Menschen wurde festgenommen und es gab Verletzte.  © Henning Kaiser/dpa

Doch das Gelände war komplett unterspült, offenbar sind gewaltige Mengen Wasser aus einem Rohr ausgetreten. „Da herrscht jetzt Lebensgefahr“, sagt ein Polizist vor Ort. Womöglich wurde die Leitung sabotiert, sagt er – genaues wisse man noch nicht.

Bitterböses Schmählied auf Robert Habeck und die Grünen

Tatsächlich mussten die knapp Zuschauer auf dem Gelände durch extrem rutschigen Matsch waten. Nach Schätzungen eines Polizisten vor Ort waren etwa 4.000 bis 5.000 da, später war die Rede von 2.000, die Aktivisten selbst sprachen von 7.000 Menschen – die tatsächliche Anzahl liegt wohl irgendwo dazwischen. Die meisten von ihnen hatten ein ganzes Stück zu Fuß gehen müssen, um in Lützerath anzukommen, denn die Straße, die zum kleinen Dorf führt, ist gesperrt. „Allen, die hier sind, und Lützerath befreien, möcht ich sagen: danke. Ohne euch könnten wir hier nicht sein“, sang AnnenMayKantereit-Sänger Henning May im ersten Song, begleitet nur von Akustikgitarre.

Und die Sache mit den Grünen wurmt die Band offenbar gewaltig. „Das hier kennen die Älteren unter euch sicher noch“, so May, der zur Melodie vom Hit „Jesus“ der 90er-Jahre-Comedy-Band „Die Doofen“ ein bitterböses Schmählied auf Robert Habeck anstimmte. Ähnlich wie Jesus, habe dieser auch „langes Haar und Latschen an“ – und der Refrain: „Habeck, Habeck, du warst echt ok, doch dann kam RWE.“

Eigentlich hatte das Konzert an der Abbruchkante stattfinden sollen, doch das Gelände ist unterspült – es herrschte Lebensgefahr.

Gut eine halbe Stunde dauerte der Gig. Direkt im Anschluss kam es zu unschönen Szenen: Aktivisten und Polizisten gerieten in Lützerath aneinander, nach Angaben der Polizei gab es Steinwürfe auf Sicherheitskräfte. (pen)

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