Protest am Tagebau Garzweiler

Ist die Lützerath-Räumung verfassungswidrig? Experte sagt: „Paragraf in letzter Minute eingeschoben“

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Bald ist von Lützerath am Tagebau Garzweiler II nichts mehr übrig, geht es nach dem Willen von RWE und der NRW-Landesregierung.
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Ist die Räumung des Dorfes Lützerath verfassungswidrig, wie Klima-Aktivisten behaupten? Fest steht: Ein Aspekt bei der Entscheidung ist mindestens ungewöhnlich und unterscheidet Garzweiler von allen anderen Tagebaugruben.

Köln – Das Ortseingangsschild in Lützerath markiert die Grenze: Wer sich dahinter aufhält, handelt illegal. Der Kreis Heinsberg hatte am 20. Dezember eine Allgemeinverfügung zur Räumung des besetzten Dorfes Lützerath bekannt gemacht – das Gebiet ist im Besitz von RWE, der Energiekonzern will das Dorf abreißen, um die Kohle darunter abzugraben.

So lebten die Bewohner von Lützerath: Zwischen Hippie-Kommune und Straßenkampf

Menschen besuchen das besetzte Lützerath
Anfang Januar kommen immer mehr Menschen nach Lützerath. Aktuell besetzen mehrere hundert Menschen das Dorf. Am 8. Januar gab es zudem einen öffentlichen Dorfspaziergang.  © Peter Sieben
Menschen mit Rucksack am Tagebau bei Lützerath
Viele reisen mit Rucksäcken an und wollen bleiben, um Lützerath zu verteidigen. Manche sind noch sehr jung, kaum volljährig. Aber es gibt hier auch Aktivisten jenseits der 60. © Peter Sieben
Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler II
Die gigantischen Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler II sind dauerpräsent: Langsam graben sie sich in Richtung Lützerath.  © Peter Sieben
Baumhäuser in Lützerath
Ähnlich wie im Hambacher Forst, leben die Aktivisten im Camp von Lützerath auch in Baumhäusern.  © Peter Sieben
Eine Frau hebt einen Graben in Lützerath aus
Zur Besetzer-Strategie gehört das Ausheben von Gräben. Täglich arbeiten die Aktivisten an Barrikaden.  © Peter Sieben
Ein gelbes X vor Lützerath
Das gelbe X ist das Symbol der Klimaaktivisten. Man findet es überall im besetzten Dorf.  © Peter Sieben
Ein großes gelbes X vor Lützerath
Das riesige Holzkreuz oder X-Symbol ist das Symbol der Kohlegegner und Klimaaktivisten. Ursprünglich nutzten es Demonstranten, die gegen die sogenannten Castortransporte protestierten, bei denen Atommüll in Endlager gebracht wurde.  © Peter Sieben
Gespensterpuppe in Lützerath
Plakativ: Für die Aktivisten aus Lützerath ist Strom aus Kohle ein Schreckgespenst.  © Peter Sieben
Annenmaykantereit in Lützerath
Prominenter Besuch: Die Kölner Band AnnenMayKantereit spielte ein Konzert bei Lützerath.  © Peter Sieben
Annenmaykantereit in Lützerath
Die Band spielte unplugged, nur mit Gitarre und Melodica. Auf dem Gelände begegnet man auch abseits solcher Konzerte Musikern mit Akustikgitarren.  © Peter Sieben
Zwei Menschen mit einem Schild am Tagebaugelände bei Lützerath
Menschen aus umliegenden Städten und Dörfern reisten im Januar nach Lützerath.  © Peter Sieben
Besetzer mit Sturmhauben in Lützerath
Wenn Menschen von außerhalb kommen, vermummen sich viele Besetzerinnen und Besetzer.  © Peter Sieben
Schild in Lützerath am Tagebau Garzweiler II
Lützerath liegt direkt an der Grenze zum Tagebau Garzweiler II. Rund 150 Aktivistinnen und Aktivisten wollen den Ort gegen den Abriss verteidigen.  © Peter Sieben
Menschen auf Campingstühlen am Garzweiler-Gelände
Drüben auf dem Hügel: Im Januar kommen immer mehr Menschen in das besetzte Dorf am RWE-Tagebau Garzweiler. © Peter Sieben
Zwei Menschen am Tagebau Garzweiler
Die Abbruchkante des Tagebaus ist inzwischen extrem instabil. © Peter Sieben
Eine Person sitzt auf einer Wiese vor dem Tagebau Garzweiler
Die Tagebaufläche an der Grenze zu Lützerath ist riesig. Das Gelände wurde einst landwirtschaftlich genutzt. © Peter Sieben
Menschen mit Fahnen am Tagebau Garzweiler
Beim AKtionstag im Januar kamen auch viele Menschen von außerhalb, die sich solidarisch mit den Besetzern zeigten.  © Peter Sieben
Karnevalsfigur von Armin Laschet in Lützerath
Eine alte Karnevalsfigur, die den Ex-Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU) darstellt. Inzwischen sind auch die Grünen nicht mehr wohlgelitten in Lützerath.  © Peter Sieben
Auto mit Graffiti in Lützerath
Ein buntes Schrottauto steht genau auf der Grenze zwischen dem Tagebau Garzweiler und Lützerath. © Peter Sieben
Besetzer auf einem Hochsitz in Lützerath
„Wir bauen in die Höhe, um es der Polizei so schwer wie möglich zu machen“, erklärt eine Aktivistin. An mehreren Stellen in und um Lützerath besetzen die Aktivisten permanent Hochsitze, verbringen dort oft Stunden. © Peter Sieben
Aktivisten errichten Barrikaden in Lützerath
Bauarbeiten in Lützerath. Das Errichten von Baumhäusern und Barrikaden haben sich die Aktivisten in Do-it-yourself-Manier beigebracht. Manche der Besetzer haben schon bei ähnlichen Aktionen wie im Hambacher Forst Erfahrungen gesammelt. © Peter Sieben
Schrottauto, das als Barrikade vor Lützerath dient
Der schrottreife Wagen stand lange Zeit auf der Straße zwischen Tagebau und Lützerath. Jetzt dient er als Barrikade.  © Peter Sieben
Ein alter Wohnwagen dient als Barrikade vor Lützerath
Ein alter Wohnwagen dient als Barrikade vor Lützerath. Unterstützung gibt es auch von Gruppen aus anderen Städten. © Peter Sieben
Zwei Menschen vor dem Tagebau Garzweiler
Die Aktivisten hatten zu einem Dorfspaziergang am 8. Januar eingeladen. Viele Menschen kamen aus umliegenden Städten – und ganz Deutschland und aus Nachbarländern nach Lützerath. © Peter Sieben
Aktivisten heben Gräben in Lützerath aus
Die Besetzer und Helfer heben Gräben aus und errichten Barrikaden in Lützerath.  © Peter Sieben
Barrikaden vor Lützerath
Noch vor zwei Monaten war dieser Weg frei. Jetzt haben die Aktivisten Barrikaden errichtet, um die Räumung durch die Polizei zu verhindern oder zumindest zu erschweren.  © Peter Sieben
Menschen sitzen auf einem Wall am Tagebau Garzweiler
Ausharren am Tagebau Garzweiler: Dir Lützerath-Räumung steht unmittelbar bevor.  © Peter Sieben
Fläche am Tagebau Garzweiler
Das einstige Feld ist eine Schlammlandschaft.  © Peter Sieben
Protestierende in Lützerath
Protest gegen die Braunkohle: Zwischen Aktivisten und Polizei kommt es immer wieder auch zu Rangeleien.  © Peter Sieben
Polizeibusse in Lützerath an der Abbruchkante vom Tagebau Garzweiler
In Lützerath ist die Polizei mit einem Großaufgebot vor Ort. © Peter Sieben
Polizei-Vorbereitungen zur geplanten Räumung des Dorfes Lützerath
Seit Anfang Januar gibt es immer wieder Rangeleien zwischen Aktivisten und Polizisten. Mehrere Menschen wurde festgenommen und es gab Verletzte.  © Henning Kaiser/dpa

Lützerath-Räumung ist für Mitte Januar geplant

Derzeit halten rund 100 Aktivistinnen und Aktivisten Lützerath besetzt, um es vor dem Abriss zu bewahren. Dutzende Polizeibeamte sind bereits vor Ort, die Räumung des Weilers am Tagebau Garzweiler II beginnt wahrscheinlich am 11. Januar. Die zuständige Polizei Aachen rechnet damit, dass der Einsatz in Lützerath vier bis sechs Wochen dauern wird, denn die Aktivisten haben erheblichen Widerstand angekündigt. Schon Anfang Januar kam es zu ersten Auseinandersetzungen und Festnahmen.

Dabei ist umstritten, ob die Räumung von Lützerath tatsächlich rechtens ist. Für die Aktivisten im Camp ist die Sache klar: Die Räumung ist verfassungswidrig, sagen sie. Doch stimmt das?

Abriss von Lützerath stützt sich auf umstrittenen Paragrafen

Streitpunkt ist das Kohleverstromungsbeendigungsgesetz, kurz KVBG. In dem Gesetz mit dem Bandwurmnamen ist das schrittweise Ende der Kohleverstromung in Deutschland bis 2038 geregelt. Die Räumungsverfügung stützt sich auf den Paragrafen 48 des KVBG. „Der Paragraf 48 wurde gewissermaßen in letzter Minute eingeschoben“, sagt Thomas Schomerus. Er ist Professor für Öffentliches Recht und Energie- und Umweltrecht an der Leuphana Universität Lüneburg.  

Die verlassenen Dörfer bei Lützerath – so sehen sie heute aus

Leerstehende Häuser in Dörfern bei Lützerath
Eine Gaststätte in Keyenberg. Weinranken haben die Fassade überwuchert, der Innenraum ist leer.  © Peter Sieben
Straße in Keyenberg
Leere Straßen und leere Häuser in Keyenberg. © Peter Sieben
Leerstand in Keyenberg
Auch dieser Metzgerladen steht leer. © Peter Sieben
Keyenberg bei Lützerath
In dem Tagebau-Dorf wohnen kaum noch Menschen.  © Peter Sieben
Fenster eines Hauses in Keyenberg
Einige Bewohner sind geblieben – in der Hoffnung, dass es eines Tages wieder lebendig wird in Keyenberg.  © Peter Sieben
Hausfassade in Keyenberg
Um viele Häuser kümmert sich niemand mehr. © Peter Sieben
Verlassene Häuser in Keyenberg
In einigen Dörfern wohnt nur noch ein Bruchteil der ursprünglichen Einwohnerzahl © Peter Sieben
Leerstand in Kuckum
Ein leerstehendes Geschäft in Kuckum. Von den einst 500 Einwohnern sind noch etwa 40 übrig.  © Peter Sieben
Überwuchertes Ladenschild
Ein Laden in Unterwestrich bei Lützerath, den es schon lange nicht mehr gibt.  © Peter Sieben
Verlassener Hof in Unterwestrich
Auch dieser alte Hof in Unterwestrich bei Lützerath ist längst verlassen. © Peter Sieben
Leere Straßein Keyenberg
Die Rolläden sind an den meisten Häusern in Keyenberg heruntergelassen.  © Peter Sieben
Weihnachtsschmuck in Keyenberg
Obwohl nicht mehr viele Menschen hier leben, steht ein Weihnachtsbaum vor der Kirche in Keyenberg. © Peter Sieben
Schild gegen Diebe in einem Vorgarten
In den leerstehenden Häusern in Unterwestrich, Keyenberg oder Kuckum kommt es oft zu Einbrüchen. Die, die noch hier wohnen, wollen Diebe und Vandalen mit solchen Schildern fernhalten.  © Peter Sieben
Gelbes Kreuz auf einer Mauer
Das gelbe Kreuz ist zum Symbol der Protestierenden geworden, die Dörfer wie Lützerath vor dem Abriss bewahren wollen. Man findet es überall in den halbverlassenen Orten nahe dem Tagebau Garzweiler.  © Peter Sieben
Der Friedhof von Kuckum bei Lützerath
Der Friedhof von Kuckum: Regelmäßig werden Gräber werden immer noch umgebettet – obwohl der Ort erhalten bleibt.  © Peter Sieben
Camp in Lützerath
Von den ursprünglichen Hof-Bewohnern ist in Lützerath niemand mehr da. Heute besetzen Klimaaktivisten den Weiler.  © Peter Sieben
Camp Lützerath
Das Camp der Klimaaktivisten in Lützerath am 7. Dezember: RWE hat das Dorf an diesem Tag vom Strom getrennt. © Peter Sieben
Baumhaus im Camp von Lützerath
Ähnlich wie im Hambacher Forst, leben die Aktivisten auch in Baumhäusern.  © Peter Sieben
Baumhaus in Lützerath
Manche der Baumhäuser in Lützerath sind in großer Höhe erbaut. © Peter Sieben
Hof in Lützerath
Die alten Gehöfte bieten ohnehin nur bedingt Schutz – ohne Strom wird es in Lützerath noch härter © Peter Sieben
Barrikaden in Lützerath
Im Januar soll Lützerath geräumt werden. Die Klimaaktivisten rund um die Initiative „Lützerath lebt“ haben Widerstand angekündigt.  © Peter Sieben
Ein zerstörtes Auto im Camp von Lützerath
Direkt an der Grenze zum Camp in Lützerath liegt der Tagebau Garzweiler von RWE.  © Peter Sieben
Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler II
Die gigantischen Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler II sind dauerpräsent: Langsam graben sie sich in Richtung Lützerath.  © Peter Sieben
Plastikstühle in Lützerath am Tagebau Garzweiler II
Protestcamp am Abgrund: Lützerath liegt direkt am RWE-Tagebbau Garzweiler II.  © Peter Sieben
Braunkohlebagger
Die Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler von RWE stehen unmittelbar an der Kante zu Lützerath.  © Peter Sieben
Heimtrainer vor der Grube von Garzweiler
Ein Heimtrainer am Abgrund. Am Tagebau Garzweiler gibt es immer wieder Mahnwachen der Aktivisten aus Lützerath. © Peter Sieben
Gespensterpuppe in Lützerath
Plakativ: Für die Aktivisten aus Lützerath ist Strom aus Kohle ein Schreckgespenst.  © Peter Sieben
Besetzer mit Sturmhauben in Lützerath
Wenn Menschen von außerhalb kommen, vermummen sich viele Besetzerinnen und Besetzer.  © Peter Sieben
Besetzer auf einem Hochsitz in Lützerath
„Wir bauen in die Höhe, um es der Polizei so schwer wie möglich zu machen“, erklärt eine Aktivistin. An mehreren Stellen in und um Lützerath besetzen die Aktivisten permanent Hochsitze, verbringen dort oft Stunden. © Peter Sieben
Ein alter Wohnwagen dient als Barrikade vor Lützerath
Ein alter Wohnwagen dient als Barrikade vor Lützerath. Unterstützung gibt es auch von Gruppen aus anderen Städten. © Peter Sieben
Menschen besuchen das besetzte Lützerath
Anfang Januar kommen immer mehr Menschen nach Lützerath. Aktuell besetzen mehrere hundert Menschen das Dorf. Am 8. Januar gab es zudem einen öffentlichen Dorfspaziergang.  © Peter Sieben

„Formal war das in Ordnung, aber ich bin mir nicht sicher, ob alle Abgeordneten wussten, über was genau sie da abstimmen“, so Schomerus. Er habe den Eindruck gehabt, dass der Abschnitt seinerzeit „nicht an die große Glocke“ gehängt werden sollte.

Tagebau Garzweiler II hat Sonderstellung

Der Paragraf 48 KVBG besagt grob zusammengefasst, dass der Tagebau Garzweiler II energiewirtschaftlich und energiepolitisch notwendig ist. Die damalige Bundesregierung hatte sich 2021 gemeinsam mit RWE auf eine erste Version des Gesetzestextes verständigt. „Der alte Paragraf war von Anfang an verkorkst und in der Form aus meiner Sicht verfassungswidrig“, sagt Schomerus, der genau das in einem Gutachten dargelegt hatte.

Wer das lesen kann, handelt illegal: In Lützerath zu sein, ist nicht mehr erlaubt.

In seiner Ur-Version fußte der Paragraf auf einer NRW-Leitentscheidung von 2016, die wiederum von einem Kohleausstieg bis 2045 ausging: Sämtliche Daten dazu waren mit der Entscheidung, den Ausstieg vorzuziehen, aber obsolet. Damit waren die Feststellungen im Paragrafen evident unsachlich, so Schomerus‘ Schlussfolgerung. Das heißt: Der Gesetzestext fußte auf nachweislich falschen Annahmen beziehungsweise Daten, die angesichts der aktuellen Situation keine Gültigkeit mehr hatten. Inzwischen wurde der Paragraf angepasst, und die Rettung der fünf Nachbardörfer von Lützerath, die eigentlich auch hätten abgerissen werden sollen, ist Teil der Neufassung.

Verfassungsrechtler: Entscheidung ist „energiepolitisch verfehlt“

„Ob der neue Paragraf 48 verfassungswidrig ist, habe ich nicht geprüft. Angreifbar wäre er nur, wenn er evident unsachlich ist“, erklärt Schomerus. Aber: „Ungewöhnlich ist, dass über Garzweiler auf dieser höheren Ebene entschieden wurde, über alle anderen Tagebaugruben aber nicht. Damit wollte man wohl die NRW-Energiepolitik beziehungsweise RWE unterstützen und klar machen, dass das die letzte Grube sein soll.“

Tagebau Garzweiler: Warum ganze Dörfer abgerissen werden

1983 entstand der Braunkohlentagebau Garzweiler als Zusammenschluss der schon existierenden Abbaufelder Frimmersdorf-Süd und Frimmersdorf-West. Der Energiekonzern RWE baut hier pro Jahr 35–40 Millionen Tonne Braunkohle ab.

Die Braunkohle, die für die Energiegewinnung in Kohlekraftwerken verwendet wird, liegt manchmal auch unter Ortschaften. Wenn es zur Sicherung der Energieversorgung notwendig ist, müssen die Ortschaften weichen. Die Einwohner werden dann umgesiedelt, die Dörfer abgerissen.

Die fünf Ortschaften Keyenberg, Kuckum, Unterwestrich, Oberwestrich und Berverath am Tagebau Garzweiler sollten auch zerstört werden. Doch Bund, Land NRW und RWE einigten sich auf den Kohleausstieg 2030 in NRW: Damit bleiben die Orte stehen.

Lützerath hingegen soll geräumt und abgerissen werden. In vielen Dörfern nahe Lützerath findet man jetzt gelbe Kreuze an Hauswänden als Symbol des Protests gegen den Braunkohletagebau.

Dass Garzweiler diesen Sonderstatus erhalten habe, könnte man „energiepolitisch verfehlt“ nennen, so der Rechtswissenschaftler. Denn das sei aus seiner Sicht nicht notwendig gewesen. „Auf der anderen Seite kann man sagen, dass der Paragraf nach seiner Änderung gar nicht so schlecht ist. So wurde klargemacht, dass die Orte Keyenberg, Berverath, Kuckum, Ober- und Unterwestrich gerettet werden.“ 

Lützerath ist ein Symbol: Transparent hängt auf dem Uni-Campus

Für Lützerath sei das Thema Rettung indes durch. „Jetzt ist der Ort ein Symbol auch für viele junge Klimaaktivisten. Sogar hier in der Uni hängt ein Transparent mit der Aufschrift: Lützi bleibt.“

Strittig bleibt allerdings, ob es tatsächlich eine energiepolitische und energiewirtschaftliche Notwendigkeit gibt, die Kohle unter Lützerath abzubaggern. Denn eine Studie zum Tagebau Garzweiler, an der unter anderem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Europa-Universität Flensburg, der TU Berlin und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) beteiligt sind, widerlegt genau das. Demnach wird die Braunkohle unter Lützerath nicht gebraucht, um die Energieversorgung in Deutschland sicherzustellen. Vielmehr werde das 1,5-Grad-Ziel gefährdet, wenn die entsprechende Menge an Kohle verfeuert wird. Folgt man dieser Logik, wäre der Paragraf in der Tat obsolet.

Lützerath vor der Räumung: Das ist bis jetzt passiert

Protestschil im Dorf Pesch aus dem Jahr 2006
In den 2000ern wurden mehrere Nachbardörfer von Lützerath abgerissen, wie etwa Pesch: Das Bild aus dem Jahr 2006 zeigt ein Protestschild am Ortseingang. Der Tagebaubetreiber hieß damals Rheinbraun – inzwischen ist das Unternehmen vollständig im Energiekonzern RWE aufgegangen.  © Oliver Berg/dpa
Abrissarbeiten in Lützerath
2006 begann die Umsiedlung: Viele der Einwohnerinnen und Einwohner zogen nach Immerath (neu). Im Lauf der Zeit wurden immer mehr Wohnhäuser in Lützerath abgerissen, so wie auf diesem Bild aus dem Jahr 2021 zu erkennen ist.  © David Young/dpa
Demonstration am Garzweiler Tagebau
Mehrfach gab es in den letzten Jahren Demos in Lützerath gegen den Kohleabbau und gegen den Abriss von Dörfern im Rheinischen Braunkohlerevier – so wie hier im Jahr 2020.  © David Young/dpa
Braunkohletagebau Garzweiler
An den Demos in Lützerath war immer wieder auch die Initiative „Alle Dörfer bleiben“ beteiligt.  © Federico Gambarini/dpa
David Dresen aus Kuckum bei Lützerath
David Dresen aus Kuckum, einem Nachbarort von Lützerath, kämpft seit Jahren zusammen mit seiner Familie und der Initiative „Alle Dörfer bleiben“ für den Erhalt der Dörfer am Tagebau Garzweiler. © Peter Sieben
NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur bei einer Kundgebung in Lützerath.
NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur. © David Young/dpa
Letzter Landwirt in Lützerath am Tagebau verkauft an RWE
Eckardt Heukamp war der letzte Landwirt von Lützerath. Er hatte sich lange juristisch dagegen gewehrt, seinen Hof verkaufen zu müssen. 2022 hat er Lützerath verlassen.  © Thomas Banneyer/dpa
Eckardt Heukamp auf seinem Hof.
Eckardt Heukamp auf seinem Hof. © IMAGO
Demonstration in Lützerath.
Demonstration in Lützerath. © Henning Kaiser/dpa
Tagebau Garzweiler vor Lützerath.
Tagebau Garzweiler vor Lützerath. © Action Pictures/IMAGO
Plastikstühle in Lützerath am Tagebau Garzweiler II
Protestcamp: Lützerath liegt direkt am RWE-Tagebau Garzweiler II.  © Peter Sieben
Protestcamp Lützerath, besetzte Gebäude.
Den Ort Lützerath haben inzwischen alle Bewohnerinnen und Bewohner verlassen müssen. Nun leben rund 150 Aktivistinnen und Aktivisten dort, die die noch bestehenden Gebäude besetzt haben. © Jochen Tack/IMAGO
Lützerarh
Ein gelbes Kreuz ist das Symbol der Aktivisten in Lützerath  © Peter Sieben
Lützerather Wald.
Lützerather Wald. © Ralph Lueger/IMAGO
Baumhäuser in Lützerath
Ähnlich wie im Hambacher Forst, leben die Aktivisten im Camp von Lützerath auch in Baumhäusern.  © Peter Sieben
Schrottreifes bunt angemaltes Auto in Lützerath
Die Aktivistinnen und Aktivisten bereiten sich seit Monaten auf die bevorstehende Räumung von Lützerath vor: Überall gibt es Barrikaden – und an der Grenze zwischen Tagebau und Dorf steht dieses schrottreife Auto.  © Peter Sieben
Barrikaden in Lützerath
Im Januar soll Lützerath geräumt werden. Die Klimaaktivisten rund um die Initiative „Lützerath lebt“ haben Widerstand angekündigt.  © Peter Sieben
Eine Monopod-Konstruktion am Tagebau Garzweiler bei Lützerath
Der sogenannte Monopod an der Kante zum Tagebau Garzweiler II bei Lützerath. © Peter Sieben
Luisa Neubauer bei einer Demo gegen den Abriss von Lützerath.
Auch die Klimaaktivistin von Fridays For Future Luisa Neubauer war schon mehrfach in Lützerath. © Annette Riedl/dpa
Klimaaktivistin Luisa Neubauer sitzt am Tagebau Garzweiler
Klimaaktivistin Luisa Neubauer in Lützerath am Tagebau Garzweiler. (Archivbild) © David Young/dpa
Ein brennender Heuballen auf der Straße bei Lützerath.
Brennender Heuballen in Lützerath. © Thomas Banneyer/dpa
Polizei-Vorbereitungen zur geplanten Räumung des Dorfes Lützerath
Die Besetzer zündeten Heuballen an und blockierten Zufahrtstraßen zu Lützerath.  © Henning Kaiser/dpa
Lützerath
Anfang Januar entfernte die Polizei Barrikaden der Besetzer in Lützerath.  © Rolf Vennenbernd/dpa
Aktivisten und Polizisten stehen sich in Lützerath gegenüber
Polizisten und Aktivisten stehen sich jetzt in Lützerath täglich gegenüber.  © Thomas Banneyer/dpa
Weltkugel mit gelbem Banner „Kohle stoppen“.
Für den 14. Januar haben Aktivistinnen und Aktivisten sowie Klimaverbände zu einer Demo in Lützerath aufgerufen – in der Hoffnung, die Räumung doch noch zu stoppen. © Roberto Pfeil/dpa

Jurist: Gesetz wurde auf falscher Ebene erlassen

In eine andere Stoßrichtung geht die Kritik von Verfassungsrechtler Georg Hermes von der Goethe-Universität in Frankfurt. Er sagt: Das KVBG kann gar nicht rechtens sein, weil es ein Bundesgesetz ist. Nach seiner Auffassung werden darin aber Angelegenheiten geregelt, die Ländersache sind. „Diese Auffassung kann man vertreten“, sagt Thomas Schomerus. So geht es vor allem im strittigen Paragrafen 48 nicht nur um Energiepolitik, die auf Bundesebene geregelt wird, sondern auch um Raumordnung, die wiederum Ländersache ist: Nämlich um die Frage, ob und welche Gebiete der Braunkohleförderung weichen müssen.

„Das ist aber ein Diskurs und letztlich müssten Gerichte darüber entscheiden“, so der Rechtswissenschaftler. (pen)

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