Schüngelberg

Über 100 Jahre Bauzeit: Eine der schönsten Bergbausiedlungen in NRW

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Bis heute erinnert in Gelsenkirchen die Siedlung Schüngelberg an die Bergbauzeit. In den 1980er Jahren stand sie kurz vor dem Abriss.

Gelsenkirchen – Gelsenkirchen, eine typische Stadt des Ruhrgebiets. Wie viele andere Städten des Ruhrpotts war auch Gelsenkirchen über Jahrzehnte vom Bergbau geprägt. Mit den vielen Zechen kamen im 19. und 20. Jahrhundert auch viele Arbeiter in die Nachbarstadt von Essen. Davon zeugt die Siedlung Schüngelberg im Norden Gelsenkirchens, die als eine der schönsten Zechensiedlungen gilt. Fertiggestellt wurde sie allerdings erst 2010 – nach insgesamt 100 Jahren Bauzeit.

Bau der Siedlung Schüngelberg in Gelsenkirchen begann 1873

Die Siedlung Schüngelberg liegt im südlichen Teil von Gelsenkirchen-Buer direkt an der Autobahn A2. In unmittelbarer Nähe liegt die Rungenberghalde. An deren nördlichen Ende steht bis heute noch der Förderturm der ehemaligen Zeche Hugo. Diese spielte bei der Entstehung der Siedlung Schüngelberg eine große Rolle. Denn nachdem die Zeche 1873 von der Gewerkschaft des Steinkohlewerks Hugo eröffnet wurde, wurden laut dem Regionalverband Ruhr (RVR) an der heutigen Horster Straße zwei Steigerhäuser gebaut. „Es handelte sich um Vierspänner in Fachwerk, die in der Tradition von bergischen Häusern verbrettert und mit Schiefer verkleidet wurden“, so der RVR. In den Häusern wohnten dann die Steiger, die im Bergbau als Aufsichtspersonen arbeiteten.

Die Siedlung Schüngelberg entstand über 100 Jahre (Archivfoto).

Neben den Steigerhäusern wurde auch ein Direktorenhaus an der Horster Straße errichtet. Als Parkanlage und gewissermaßen als Naherholungsgebiet diente ein Waldstück zwischen der Horster Straße und der Hugo Straße.

Siedlung Schüngelberg in Gelsenkirchen

► Erste Häuser für Steiger und Direktorenhaus werden 1873 gebaut

► Ab 1889 folgen die ersten Arbeiterhäuser

► Von 1903 bis 1919 werden viele weitere Häuser gebaut. Mit dabei sind auch zweistöckige Wohnhäuser in denen zehn Familien Platz hatten

► Ab 1919 herrscht Stillstand, die längst geplante Siedlungserweiterung scheitert an zu hohen Kosten

► In den 1980er Jahren ziehen viele Menschen weg, türkischstämmige Bergleute rücken nach

► In den 1990er Jahren wird die Siedlung durch die Internationale Bauausstellung Emscher Park (IBA) saniert und erweitert - auch anhand der ursprünglichen Pläne

► Heute wohnen viele Nachkommen von Bergbauleuten in der Siedlung

► Im Ruhrgebiet gibt es einige Orte mit historischer Vergangenheit: Alex, das letzte Grubenpferd hat dort ein eigenes Denkmal und auch die Siedlung Eisenheim in Oberhausen sind heute beliebte Ausflugsziele

Bergarbeitersiedlung in Gelsenkirchen – mit Ställen und Gärten

Für die Arbeiter der Zeche wurde ab 1889 an der Hugostraße eine lange Reihe gleichartiger unverputzter Ziegelbauten mit errichtet. Diese bestanden aus je anderthalb Stockwerken und hatten einen zusätzlichen Stallanbau sowie einen Garten. Damit ist die Siedlung laut der Architektenkammer NRW ein typisches Beispiel für eine gartenstädtische Bergarbeitersiedlung des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Von 1903 bis 1919 wurden dann viele weitere Häuser für Mitarbeiter der Zeche gebaut. Mit dabei waren unter anderem weitere Arbeiterunterkünfte. „Das Siedlungskonzept sah zudem Doppelhäuser für Beamte mit bis zu 130 Quadratmetern Wohnfläche sowie ein zweigeschossiges Zehnfamilienhaus vor, das errichtet wurde, um Baukosten zu sparen“, so der RVR. Im Zuge des Baus entstanden so die Albrechtstraße und die Gertudstraße. Letztere ist nach der Ehefrau des damaligen Werksdirektors Alexander Grolmann benannt. 1919 sollte die Schüngelbersiedlung dann um zusätzliche Häuser erweitert werden. Doch zunächst wurde daraus nichts, da ein in Erwägung gezogenes Erweiterungskonzept aus finanziellen Gründen nicht umgesetzt wurde.

Nahezu jedes Haus in der Siedlung Schüngelberg hat einen garten (Arvichfoto).

Jahrzehnte des Stillstands: Siedlung Schüngelberg stand in den 1980ern vor dem Aus

Nachdem sich über Jahrzehnte im Puncto Siedlungserweiterung am Schüngelberg nichts getan hatte, stand die Siedlung in den 1980er Jahren zunächst auf der Kippe. „Viele deutsche Bergleute und ihre Familien verließen die Altbauwohnungen der Werkssiedlung, türkische Bergleute und deren Familien rückten nach“, so der Regionalverband. Mit dem allmählichen Ende des Bergbaus schließlich wurde die Bewirtschaftungsperspektive für die Eigentümer der Wohnungen unklar. Auch ein Abriss sei damals eine Option gewesen, heißt es beim RVR weiter.

Kehrtwende in den 1990er Jahren: IBA saniert Siedlung und baut sie aus

Rund zehn Jahre später folgte dann die Rettung: Denn in den 1990er Jahren griff die Internationalen Bauausstellung Emscher Park (IBA) die Erweiterungspläne in einer etwas abgewandelten Form wieder auf. Diese waren laut RVR gleichbedeutend mit der Sanierung der 310 bestehenden Wohnungen, sowie dem Bau 200 weiterer Wohnungen für Bergleute. „Zum Konzept gehören außerdem ein Platz mit Kindertagesstätte und Läden, die Einbeziehung der Halde Rungenberg durch Wege- und Blickachsen und Kunstobjekte sowie die naturnahe Umgestaltung des Lanferbachs“, so der Regionalverband weiter.

Für die Mieter ergaben sich durch das Engagement der IBA auch finanzielle Vorteile. Denn dank der Verwendung von Fördergeldern aus dem damaligen Bundestreuhandvermögen zur Förderung des Bergarbeiterwohnbaus blieben die Mieten langfristig auf ein und demselben Niveau. So konnten laut RVR unter anderem türkischstämmigen Mieter zu relativ niedrigen Mieten in den Altbauwohnungen der Siedlungen wohnen bleiben.

Siedlung Schüngelberg: Bis heute leben viele Nachkommen der Bergleute dort

Auch derzeit wohnen Menschen noch in den Wohnungen der Siedlung Schüngelberg. Viele von ihnen sind laut RVR Nachkommen von Steigern und weiteren Bergleuten. Doch auch in anderen Teilen der Stadt leben die Menschen bis heute in einstigen Arbeitersiedlungen. So zum Beispiel im Westen Gelsenkirchens an der Grenze zu Essen. Dort steht mit der Siedlung Klapheckenhof eine der ältesten Arbeitersiedlungen von Gelsenkirchen. (jr)

Rubriklistenbild: © Hans Blossey/Imago

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