Verkehrssicherheit

Die Busse bleiben stehen – Ein Blick hinter die Kulissen der MVG beim Schneechaos

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Wenn es schneit und glatt ist auf den Straßen, sind die MVG-Mitarbeiter im Kontrollzentrumm voll gefordert.
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Schnee in der Region: Wenn der Winter zuschlägt, stehen auch die Busse der MVG still. Doch was passiert hinter den Kulissen? Ein Einblick in die Arbeit einige Wochen vor dem Schneechaos.

Lüdenscheid – Es ist ein Raum, der auf den ersten Blick wenig über die Herausforderungen verrät, die sich hier abspielen. Die Tür öffnet sich – keine Pultwände, keine Hightech-Kontrollzentren à la NASA, sondern ein schlichter Raum im zweiten Obergeschoss der Betriebsstelle der Märkischen Verkehrsgesellschaft (MVG). Zwölf Bildschirme leuchten in den Raum, überflutet mit Diagrammen, Karten und Listen. Zahlen, die für den Laien wirres Gekritzel sind, bestimmen hier das öffentliche Verkehrssystem der Stadt.

Die Busse bleiben stehen – Ein Blick hinter die Kulissen der MVG beim Schneechaos

Die Atmosphäre wirkt entspannt. Ein festlich geschmückter Weihnachtsbaum steht noch vor dem großen Fenster, kleine Geschenke liegen darunter – ein Bild, das zur kalten Jahreszeit passt. Doch der Schein trügt. Sobald es zu schneien beginnt, herrscht größte Anspannung. „Wenn Frau Holle loslegt, bekommt man ein mulmiges Gefühl“, sagen die Mitarbeiter.

Funksprüche, Zeiten, Karten. All das gilt es auf über fünf Bildschirmen zu überwachen.

Piep! Ein Funkspruch unterbricht das Gespräch, als auf einem der Bildschirme eine Meldung auftaucht. „Da möchte wohl ein Fahrer mit uns sprechen“, erklärt Abteilungsleiter Gerrit Gabler. Der grüne Balken signalisiert ein Anliegen – eine alltägliche Meldung. In Spitzenzeiten führen die Mitarbeiter bis zu 700 Funkgespräche am Tag. Durch ein kurzes Gespräch wird klar: Es handelt sich um einen Umsteigewunsch, der Folgebus soll warten. „Das gehört einfach zum Service“, sagt Fachdienstleiterin Caroline Kramer.

Caroline Kramer (Fachbereichsleitung) und Gerrit Gabler (Abteilungsleiter Fahrdienst)

Ping! Wieder ein Gesprächswunsch. Die Leitstelle ist ständig unter Strom, auch wenn die Mitarbeiter ruhig wirken. „Wenn ein 18-Tonnen-Gelenkzug ins Rutschen kommt, ist alles vorbei“, erklärt Kramer. Die winterlichen Herausforderungen sind längst kein Geheimnis mehr. Die Straßen werden gefährlich, und es sind nicht nur steile Strecken wie die Bayernstraße, die die Mitarbeiter zum Schwitzen bringen. Sauerland eben. „Der Lkw-Verkehr und die engen Straßen machen es uns nicht leichter“, ergänzt Kramer, die selbst fünf Jahre in der Leitstelle gearbeitet hat. „Der Winterdienst ist zuverlässig“, sagt sie, „aber spätabends erreichen wir manchmal niemanden. Dann heißt es: Augen auf und Entscheidungen treffen.“

So sieht es im Kontrollzentrum der MVG aus

Funksprüche, Zeiten, Karten. All das gilt es auf über fünf Bildschirmen zu überwachen.
MVG Leitstelle und Kontrollzentrum vom ÖPNV in Lüdenscheid © Ann-kathrin Büttner
Ein Tannenbaum schmückt die Leitstelle der MVG und lässt nicht ahnen, wie problematisch der Winter sein kann.
MVG Leitstelle und Kontrollzentrum vom ÖPNV in Lüdenscheid © Ann-kathrin Büttner
Die Telefonnummer des „roten Telefons“ kennt ausschließlich der Katastrophenschutz.
MVG Leitstelle und Kontrollzentrum vom ÖPNV in Lüdenscheid © Ann-kathrin Büttner
Caroline Kramer (Fachbereichsleitung) und Gerrit Gabler (Abteilungsleiter Fahrdienst)
MVG Leitstelle und Kontrollzentrum vom ÖPNV in Lüdenscheid © Ann-kathrin Büttner
Jeder Mitarbeiter der Leitstelle hat einen Tisch mit fünf Bildschirmen, um alles im Blick zu behalten.
MVG Leitstelle und Kontrollzentrum vom ÖPNV in Lüdenscheid © Ann-kathrin Büttner
Carsten Krüger arbeitet seit elf Jahren in der Leitstelle. Die Abwechslung gefällt ihm am besten.
MVG Leitstelle und Kontrollzentrum vom ÖPNV in Lüdenscheid © Ann-kathrin Büttner

Doch was passiert, wenn ein Bus im Schnee stecken bleibt oder wenn der Straßenverkehr zum Schlittenrennen wird? Dann übernehmen die Mitarbeiter die Verantwortung und sind auf die Augen der rund 280 Fahrer angewiesen. „Wir verstehen, dass Fahrgäste sauer sind, wenn der Bus nicht kommt“, sagt Leitstellenmitarbeiter Carsten Krüger, „aber die Sicherheit geht immer vor.“

Hochwasserkatastrophe und Kyrill: Das bedeutet extremes Wetter für den Busverkehr

Wenn das Wetter zuschlägt, kommt es zu Belastungsspitzen. „Ich erinnere mich an 2010, als der Schnee mit Lkw abtransportiert werden musste. Das war die Hölle!“, sagt Krüger. Sturm Kyrill 2007 und das Hochwasser 2021 brachten die Region an ihre Grenzen. „Die Lüdenscheider haben viel durchgemacht“, fügt Kramer hinzu. „Corona, Hochwasser, die Brücke – wir haben die Verantwortung, zuverlässig zu sein, auch wenn es oft schwieriger ist, als es aussieht.“ Damals bat die Polizei sogar darum, den Fahrbetrieb einzustellen. „Von der Polizei erhalten wir Infos zu Unfällen oder Hindernissen“, sagt Kramer.

Ein häufiges Problem: Eine Linie wie die 37 startet in Lüdenscheid, steckt dort im Schnee fest, soll aber nach Letmathe fahren. „Dann fragen sich Fahrgäste in Altena: ‚Wie, der Bus kommt nicht? Hier schneit es doch gar nicht‘“, erklärt Bereichsleiter Christian Preikschas. Diese regionalen, topografischen Unterschiede sorgen regelmäßig für Unverständnis. Hinzu kommt, dass die MVG nicht nur eigene Fahrten betreut, sondern auch die von Subunternehmern. „Da laufen oft mehrere Anfragen gleichzeitig auf.“

Ein weiteres Geräusch hallt durch den Raum, diesmal jedoch keine Standardmeldung. Stattdessen ertönt ein Klang, der an das Splittern von Glas erinnert – so, als hätte ein Kind einen Fußball durch eine Scheibe geschossen. „Das ist unser Gefahrensignal“, erklärt Gabler. „Es bedeutet, dass ein Fahrer den Notruf ausgelöst hat. Wir wissen dann sofort: Hier könnte etwas Ernstes passiert sein.“ Ein Unfall, Glätte oder ein Rettungswageneinsatz könnten dahinterstecken. Auf die Frage, wer die ungewöhnlichen Töne ausgesucht hat, heißt es lachend: „Das wüsst’ ich auch gern.“ Was konkret passiert ist, bleibt indes in diesem Moment offen.

Carsten Krüger, seit 34 Jahren bei der MVG, hat die Entwicklung der Leitstelle miterlebt. Früher selbst Busfahrer, ist er heute ein erfahrener Mitarbeiter. „Damals war alles stressfreier“, sagt er schmunzelnd. „Die Fahrten waren ruhiger, die Leute entspannter.“ Trotzdem habe der Job nie seinen Reiz verloren: „Es ist immer spannend. Aber zu Hause kann ich das Telefonieren nicht ausstehen“, lacht er. Heute, als Ausbilder, hat er viele Mitarbeiter wie Kramer selbst ausgebildet. „Heute ist sie meine Chefin“, sagt er augenzwinkernd. Doch hinter dem Humor steckt ein ernster Wunsch: „Mehr Verständnis für die Verantwortung, die wir tragen, wäre schön.“

Carsten Krüger arbeitet seit elf Jahren in der Leitstelle. Die Abwechslung gefällt ihm am besten.

Der Job in der Leitstelle ist ein Balanceakt zwischen Technik, Verantwortung und Menschlichkeit. Es sind die leisen Töne zwischen dem Piep und Ping, die zeigen, wie sehr sich die Mitarbeiter der MVG für die Sicherheit der Stadt einsetzen. „Mehr als entschuldigen können wir uns nicht“, sagt Krüger. „Aber wir arbeiten jeden Tag, damit die Leute sicher ans Ziel kommen.“

Viel Neues bei der MVG: Diese Änderungen könnten bald den Verkehr beeinflussen

Neben dem Winterbetrieb muss sich die MVG auch mit einigen Neuerungen beschäftigen, die im neuen Jahr anstehen könnten. Die Umrüstung auf E-Busse etwa, bleibt eine Mammuttaufgabe für die Verkehrsgesellschaft. Auch die Trennung von einem Subunternehmen sorgte besonders bei einigen Kunden für Aufregung. Die Abschaffung von Bargeld in den Bussen sei indes eher unwahrscheinlich.

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