ÖPNV im Märkischen Kreis

Fass ohne Boden: So teuer wird die Umrüstung auf E-Busse für die MVG

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Die Märkische Verkehrsgesellschaft steht vor der Mammutaufgabe, die Busflotte auf E-Mobilität umzurüsten. Das kostet viel, viel Geld. Geld, das die MVG, aber auch Kreis und Kommunen eigentlich nicht haben.

Lüdenscheid – Die Mobilitätswende zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Christian Preikschas, Bereichsleiter Betrieb und Instandhaltung der Märkischen Verkehrsgesellschaft (MVG), stellte zuletzt im Ausschuss für Beteiligungen, Finanzentwicklung und Verwaltungsmodernisierung die Eckdaten für den Umbau der MVG-Flotte auf E-Mobilität vor. Die Botschaft: Es wird teuer werden. Bis 2046 rechnete er der Lüdenscheider Politik Mehrkosten von 49,3 Millionen Euro für den Umstieg vor.

Fass ohne Boden: So teuer wird die Umrüstung auf E-Busse für die MVG

„Ein kostenneutraler ÖPNV ist schon jetzt unmöglich, aber mit der E-Mobilität, die dazukommt, gilt dies noch umso mehr“, nahm Preikschas kein Blatt vor den Mund. Auch deshalb, weil der ÖPNV im Märkischen Kreis den Vor-Corona-Zahlen weiter hinterherhinkt. 34,4 Millionen Fahrgäste waren es noch 2020, in der Hochzeit der Pandemie ging die Zahl 2021 auf 27,6 Millionen Gäste zurück, 2022 stieg sie im Jahr des Neun-Euro-Tickets wieder auf 31,1 Millionen, 2023 mit geltendem Deutschland-Ticket lag sie mit 29,4 Millionen wieder unter der 30-Millionen-Marke.

Elektromobilität statt Dieselantrieb: Die MVG lässt sich die Umrüstung viel Geld kosten. Geld, das sie eigentlich gar nicht hat.

Für den Jahresabschluss 2022 bedeutete dies: Die Verkehrseinnahmen sanken um 2,6 Millionen Euro, die Material- und Personalaufwendungen (nach den Tarifsteigerungen) dagegen stiegen. Der Fehlbetrag am Jahresende war mit 25,7 Millionen Euro immens, und selbst dieser Betrag lag am Ende sogar noch unter dem Planwert: Die MVG hatte mit einem Verlust von 28,1 Millionen Euro gerechnet. 2021 hatte der Wert noch bei 20,8 Millionen Euro Verlust gelegen.

Fass ohne Boden: So teuer wird die Umrüstung auf E-Busse für die MVG

Nun ist die MVG eine Tochtergesellschaft der MKG des Märkischen Kreises (Märkische Kommunale Wirtschafts-GmbH), die 55 Prozent der Anteile hält, 45 Prozent liegen bei den Städten und Gemeinden des Kreises. Wenn das Geld bei der MVG fehlt, schießt die MKG zu, werden zudem die kommunalen Haushalte belastet. Für die Jahre 2024 bis 2027 geht die MVG von Jahresfehlbeträgen zwischen 30 und 35 Millionen Euro aus.

So weit, so schlecht. Nun indes muss die MVG zusätzlich zu den wenig erfreulichen Bilanzen auch noch die Busflotte von Diesel auf E-Mobilität umrüsten. Preikschas erklärte im Ratssaal, dass nach Prüfung die Umrüstung auf Wasserstoff getriebene Busse als Option ausgeschieden sei. Also der Blick auf die E-Busse: Während ein normaler Bus, so Preikschas im Ausschuss, zwischen 250.000 und 280.000 Euro koste, müsse die MVG für einen E-Bus mit Anschaffungskosten in Höhe von 500.000 bis 550.000 Euro rechnen. Bei einem Gelenkbus liegen die Anschaffungskosten bei Dieselbetrieb bei 400.000 Euro, bei einem Elektroantrieb bei 600.000 bis 700.000 Euro. Ein E-Doppelgelenkbus kostet 1,4 Millionen Euro. Bis zur vollständigen Umrüstung auf den E-Betrieb im Jahr 2046 wird die MVG allein an Mehrkosten bei der Anschaffung mit 49,3 Millionen Euro planen müssen.

Immerhin: Trotz der Haushaltskürzungen in Berlin hat die MVG die zweithöchste Fördersumme erhalten: 60 Prozent der Mehrkosten für 25 E-Busse trägt der Bund, die 5,1 Millionen Euro sollen bis 2027 freigegeben werden.

Ausbau der Ladeinfrastruktur auch eine „Riesenaufgabe“

„Im Moment laufen die Ausschreibungen für die Ladeinfrastruktur“, stellte Preikschas den Gang der Dinge vor, „zeitgleich geht auch die Ausschreibung für die ersten E-Busse heraus. Die ersten Busse werden bis Ende 2025 erwartet.“ Bis dahin hat die MVG Zeit, entsprechende E-Ladesäulen vorzuhalten. Eine „Riesenaufgabe“, wie Preikschas im politischen Raum feststellte, denn: Die MVG benötigt noch die entsprechende Baugenehmigung, zudem muss der Brandschutz für die Fahrzeughalle geprüft werden. Dazu müssen jeder Fahrer und jeder Werkstattmitarbeiter für diesen Bereich entsprechend ausgebildet werden. Ob gerade der Ausbau der Ladestruktur bis 2026 realistisch sei, wollte der CDU-Fraktionsvorsitzende Oliver Fröhling im Ratssaal wissen. Preikschas hält es für realistisch. „Natürlich könnten wir besser und schneller sein, aber bis Ende 2025 sollte das klappen“, stellte er fest. Bis dahin will die MVG in Lüdenscheid 15 und in Iserlohn zehn Ladesäulen vorhalten. Auch bei der Fröhling-Nachfrage zur Machbarkeit, was die Stromleitungen angehe, nahm Preikschas der Politik die Sorge. In den ersten beiden Ausbaustufen sei dies kein Problem, stellte er fest, bis zum Vollausbau 2033/34 bleibe noch Zeit.

Bis 2030 soll nach Vorstellungen des Bundes der CO2-Ausstoß um 50 Prozent reduziert werden, bis 2045 soll der Verkehr klimaneutral sein. Stau, Luftverschmutzung, Klimaschäden und aggressives Verhalten werden als aktuelle Problembereiche benannt. Zumindest Luftverschmutzung und Klimaschäden sollen dann ausscheiden.

Talbrücke Rahmede macht viele Dinge unberechenbar

Im Alltagsbetrieb hat die MVG derweil andere Sorgen, ganz besonders in Lüdenscheid. Die Talbrücke Rahmede macht viele Dinge unberechenbar. Gerade im Bereich der Pünktlichkeit und Verlässlichkeit benannte Preikschas ein aktuelles Problemfeld, und auch bei den Busfahrern gibt es einen Mangel, auch wenn die MVG hier zuletzt gerade von der Firma Kostal nach der dortigen Kündigungswelle Mitarbeiter für eine Umschulung zum Busfahrer hat gewinnen können.

Sei’s drum: Für die Kommunen stellt sich vor allem die Frage, wer den ÖPNV und dessen Wechsel auf die E-Mobilität bezahlen soll in Zeiten knapper Kassen. Klar ist: Die MKG des Märkischen Kreises ist zuletzt dem defizitären Klinikum finanziell zur Hilfe geeilt. Die Rücklagen haben gelitten. Einen Umbau auf E-Mobilität bei der MVG wird man aus diesen Rücklagen kaum bestreiten können. Bleibt also die Umlage auf die Städte und Gemeinden mit den entsprechenden Folgen für die kommunalen Haushalte. Keine Aussicht, die Freude bereitet.

Rubriklistenbild: © CORNELIUS POPOVICI

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