Tagebau Hambach

Zweitgrößter See Deutschlands in NRW geplant: Das sorgt jetzt für Streit

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Der zweitgrößte See Deutschlands in NRW ist ein Kernaspekt der geplanten Transformation des rheinischen Baunkohlereviers. Doch vor Ort bahnt sich ein Konflikt an.

Dormagen – Idyllische Natur und riesige Gewässer statt kilometerlange braungraue Kraterlandschaften: Nach dem Ende des Braunkohleabbaus in NRW 2030 will und soll der Energiegigant RWE aus den Tagebauen Hambach, Garzweiler und Inden große Seen formen. Das Unternehmen ist zur Rekultivierung der Landschaft verpflichtet. Allein für den zweitgrößten See Deutschlands in Hambach werden rund 4,3 Billionen Liter Wasser benötigt, die zum größten Teil aus dem Rhein gepumpt werden sollen. Damit die Transformation des rheinischen Reviers funktioniert, müssen viele Parteien an einem Strang ziehen. Doch nun befinden sich die Schlüsselakteure im Clinch.

Zweitgrößter See Deutschlands in NRW geplant – doch in Dormagen kommt das gar nicht gut an

Für die Menschen im Dormagener Stadtteil Rheinfeld, wo die Transportleitung zwischen Rhein und Tagebau entspringen soll, ist RWEs Vorhaben ein Graus. Zu massiv seien die Eingriffe in Landschaft und Natur, zu immens die Schmutzbelastung und zu laut der Bau der benötigten Pumpanlage, so die Sorgen der Anwohner. In einer Mitteilung der Stadt ist von einer vehementen Ablehnung die Rede, die die Bürger bei einer Versammlung im März 2023 zum Ausdruck brachten. Dormagens Bürgermeister Erik Lierenfeld kündigte an, dass er das Projekt juristisch überprüfen und – wenn möglich – stoppen will.

Was hat RWE mit dem Tagebau Hambach vor?

Im und um den Tagebau Hambach – der 2018 durch die Räumung vom Hambacher Forst für Aufsehen sorgte – soll eine attraktive Wald-Seen-Landschaft entstehen, mit Badegewässer, Segelrevier und Erholungsgebiet. Die Flächen um das Gewässer könnten nach Vorstellung von RWE für Solaranlagen genutzt werden, um damit grünen Strom zu erzeugen. Neben dem Tagebau Hambach sollen dafür auch die Tagebauten Garzweiler und Inden in Seen umgewandelt werden.

Ab 2030, wenn in NRW Schluss ist mit der Braunkohlegewinnung, sollen deshalb drei unterirdische Rohe das Flusswasser vom Rhein im Dormagener Stadtteil Rheinfeld in das rund 26 Kilometer entfernte Grevenbroich-Frimmersdorf leiten. Dort befindet sich der Tagebau Garzweiler. Von dort soll das Wasser auf die Tagebauen Inden und Hambach weitergeleitet werden.

Der Plan ist nicht unumstritten. So kritisieren Umweltschützer unter anderem, dass Milliarden Liter Wasser aus dem Rhein abgeleitet werden sollen. Ein Argument: Weil der Rhein angesichts des Klimawandels künftig womöglich immer wieder weniger Wasser als aktuell führen werde, dauere es wesentlich länger, bis die Tagebaugrube voll ist – manche Experten rechnen mit 80 Jahren statt der angepeilten 40 Jahre. Ein weiteres Argument: Das Wasser aus dem Rhein sei viel zu belastet, um es für eine Renaturierung zu nutzen. „Wir fordern, dass die Plörre aus dem Rhein nicht ungereinigt in die Landschaft gespült wird“, sagte etwa Dirk Jansen vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) NRW gegenüber 24RHEIN.

„Bruch der Solidarität“: Kommunen im rheinischen Revier mit schweren Vorwürfen gegen Dormagen

Doch mit ihrer Ablehnung gegenüber den Transformationsplänen scheinen die Dormagener im rheinischen Revier ziemlich alleine dazustehen. In einem offenen Brief haben sich nun Bürgermeister und Vertreter aus Mönchengladbach, Jüchen, Erkelenz, Grevenbroich, Elsdorf, Jülich, Kerpen, Merzenich, Niederzier und Titz an Lierenfeld gewandt. Sie werfen der Stadt und ihrem Bürgermeister einen „Bruch der Solidarität“ vor. Man sei „selbstverständlich“ davon ausgegangen, dass die schnellstmögliche Befüllung der Seen ein „Konsens des gesamten rheinischen Reviers“ sei.

Die verlassenen Dörfer bei Lützerath – so sehen sie heute aus

Leerstehende Häuser in Dörfern bei Lützerath
Eine Gaststätte in Keyenberg. Weinranken haben die Fassade überwuchert, der Innenraum ist leer.  © Peter Sieben
Straße in Keyenberg
Leere Straßen und leere Häuser in Keyenberg. © Peter Sieben
Leerstand in Keyenberg
Auch dieser Metzgerladen steht leer. © Peter Sieben
Keyenberg bei Lützerath
In dem Tagebau-Dorf wohnen kaum noch Menschen.  © Peter Sieben
Fenster eines Hauses in Keyenberg
Einige Bewohner sind geblieben – in der Hoffnung, dass es eines Tages wieder lebendig wird in Keyenberg.  © Peter Sieben
Hausfassade in Keyenberg
Um viele Häuser kümmert sich niemand mehr. © Peter Sieben
Verlassene Häuser in Keyenberg
In einigen Dörfern wohnt nur noch ein Bruchteil der ursprünglichen Einwohnerzahl © Peter Sieben
Leerstand in Kuckum
Ein leerstehendes Geschäft in Kuckum. Von den einst 500 Einwohnern sind noch etwa 40 übrig.  © Peter Sieben
Überwuchertes Ladenschild
Ein Laden in Unterwestrich bei Lützerath, den es schon lange nicht mehr gibt.  © Peter Sieben
Verlassener Hof in Unterwestrich
Auch dieser alte Hof in Unterwestrich bei Lützerath ist längst verlassen. © Peter Sieben
Leere Straßein Keyenberg
Die Rolläden sind an den meisten Häusern in Keyenberg heruntergelassen.  © Peter Sieben
Weihnachtsschmuck in Keyenberg
Obwohl nicht mehr viele Menschen hier leben, steht ein Weihnachtsbaum vor der Kirche in Keyenberg. © Peter Sieben
Schild gegen Diebe in einem Vorgarten
In den leerstehenden Häusern in Unterwestrich, Keyenberg oder Kuckum kommt es oft zu Einbrüchen. Die, die noch hier wohnen, wollen Diebe und Vandalen mit solchen Schildern fernhalten.  © Peter Sieben
Gelbes Kreuz auf einer Mauer
Das gelbe Kreuz ist zum Symbol der Protestierenden geworden, die Dörfer wie Lützerath vor dem Abriss bewahren wollen. Man findet es überall in den halbverlassenen Orten nahe dem Tagebau Garzweiler.  © Peter Sieben
Der Friedhof von Kuckum bei Lützerath
Der Friedhof von Kuckum: Regelmäßig werden Gräber werden immer noch umgebettet – obwohl der Ort erhalten bleibt.  © Peter Sieben
Camp in Lützerath
Von den ursprünglichen Hof-Bewohnern ist in Lützerath niemand mehr da. Heute besetzen Klimaaktivisten den Weiler.  © Peter Sieben
Camp Lützerath
Das Camp der Klimaaktivisten in Lützerath am 7. Dezember: RWE hat das Dorf an diesem Tag vom Strom getrennt. © Peter Sieben
Baumhaus im Camp von Lützerath
Ähnlich wie im Hambacher Forst, leben die Aktivisten auch in Baumhäusern.  © Peter Sieben
Baumhaus in Lützerath
Manche der Baumhäuser in Lützerath sind in großer Höhe erbaut. © Peter Sieben
Hof in Lützerath
Die alten Gehöfte bieten ohnehin nur bedingt Schutz – ohne Strom wird es in Lützerath noch härter © Peter Sieben
Barrikaden in Lützerath
Im Januar soll Lützerath geräumt werden. Die Klimaaktivisten rund um die Initiative „Lützerath lebt“ haben Widerstand angekündigt.  © Peter Sieben
Ein zerstörtes Auto im Camp von Lützerath
Direkt an der Grenze zum Camp in Lützerath liegt der Tagebau Garzweiler von RWE.  © Peter Sieben
Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler II
Die gigantischen Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler II sind dauerpräsent: Langsam graben sie sich in Richtung Lützerath.  © Peter Sieben
Plastikstühle in Lützerath am Tagebau Garzweiler II
Protestcamp am Abgrund: Lützerath liegt direkt am RWE-Tagebbau Garzweiler II.  © Peter Sieben
Braunkohlebagger
Die Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler von RWE stehen unmittelbar an der Kante zu Lützerath.  © Peter Sieben
Heimtrainer vor der Grube von Garzweiler
Ein Heimtrainer am Abgrund. Am Tagebau Garzweiler gibt es immer wieder Mahnwachen der Aktivisten aus Lützerath. © Peter Sieben
Gespensterpuppe in Lützerath
Plakativ: Für die Aktivisten aus Lützerath ist Strom aus Kohle ein Schreckgespenst.  © Peter Sieben
Besetzer mit Sturmhauben in Lützerath
Wenn Menschen von außerhalb kommen, vermummen sich viele Besetzerinnen und Besetzer.  © Peter Sieben
Besetzer auf einem Hochsitz in Lützerath
„Wir bauen in die Höhe, um es der Polizei so schwer wie möglich zu machen“, erklärt eine Aktivistin. An mehreren Stellen in und um Lützerath besetzen die Aktivisten permanent Hochsitze, verbringen dort oft Stunden. © Peter Sieben
Ein alter Wohnwagen dient als Barrikade vor Lützerath
Ein alter Wohnwagen dient als Barrikade vor Lützerath. Unterstützung gibt es auch von Gruppen aus anderen Städten. © Peter Sieben
Menschen besuchen das besetzte Lützerath
Anfang Januar kommen immer mehr Menschen nach Lützerath. Aktuell besetzen mehrere hundert Menschen das Dorf. Am 8. Januar gab es zudem einen öffentlichen Dorfspaziergang.  © Peter Sieben

Während der über ein Jahrhundert langen Zeit des Braunkohleabbaus seien die Lasten und Nutzung „sehr ungleich“ verteilt gewesen. „Waren die einen von Landschafts- und Heimatverlust oder Emissionen stark betroffen, waren andere am Rand des Reviers vorrangig Abnehmer der Energie“, heißt es in dem Brief. Anders als viele der Städte und Kommunen, die sich nun an Lierenfeld wenden, liegt Dormagen dutzende Kilometer von den Tagebauen entfernt. Schon seit Beginn der Planung in den 1990er-Jahren sei klar gewesen, dass es keine Option sei, die Tagebaue einfach sich selbst zu überlassen.

Anrainerkommunen im rheinischen Revier haben kein Verständnis für Bedenken aus Dormagen

Es sei „undenkbar, wenn tausende von Hektar über Jahrhunderte abgesperrt werden müssten, und der Wasserhaushalt und die Wasserversorgung für hunderttausende Menschen nicht sichergestellt wäre“, stellen die Kommunen klar. Ähnlich hatte sich vor einigen Wochen bereits ein Sprecher des Energieriesen RWE gegenüber 24RHEIN geäußert: „Das ist ja keine kleine Kiesgrube“. Zu groß sei die Gefahr für die Menschen, die von den riesigen Löchern ausgehen würde. RWE und die Anrainerkommunen sind sich einig: Die Rheinwassertransportleitung von Dormagen zu den Tagebauen ist alternativlos.

Deshalb richten sich die Verfasser des offenen Briefs mit einer klaren Forderung an Bürgermeister Erik Lierenfeld und Dormagen: „Als Verantwortliche für das Kernrevier erwarten wir, dass die Rheinwassertransportleitung nach Ende der Tagebaue Hambach und Garzweiler funktionsfähig ist und die Seen möglichst schnell befüllt werden“. Für die Diskussionen in der Stadt Dormagen haben die Städte und Kommunen indes kein Verständnis, noch weniger für die Androhung von rechtlichen Schritten.

RWE will aus dem Tagebau Hambach den zweitgrößten See Deutschlands machen – doch das kommt nicht bei jedem gut an.

Klare Forderung an Dormagens Bürgermeister: Ende der grundsätzlichen Debatten und rechtlichen Schritte

„Vergangene Generationen haben Entscheidungen zum Braunkohlenabbau getroffen. Es ist nun an der jetzigen Generation, diese Epoche zu einem guten Ende zu bringen“, schreiben die Verantwortlichen der Anrainerkommunen. Die Folgen müssten gesamtgesellschaftlich bewältigt werden, damit „zukünftige Generationen gute Lebensbedingungen in der Region haben können“. Die Stadt Dormagen solle deshalb zu einer „konstruktiven Rolle in dem Verfahren“ zurückkehren und die grundsätzlichen Debatten einschließlich der rechtlichen Schritte gegen die Transportleitung beenden, so die klaren Worte in dem Brief.

Ein in dem offenen Brief angebotenes Gespräch hat Dormagens Bürgermeister Erik Lierenfeld bislang nicht angenommen, wie eine Sprecherin der Neuland Hambach GmbH zu 24RHEIN sagte. Unter dem Dach der Gesellschaft arbeiten die Anrainerkommunen Elsdorf, Jülich, Kerpen, Merzenich, Niederzier und Titz zusammen, um gemeinsam Perspektiven für die Braunkohleregion Hambach zu entwickeln. Auf Nachfrage von 24RHEIN wollte sich Lierenfeld nicht zu dem offenen Brief äußern. „Wir haben seitens der Stadt rechtliche Beratung in der Sache hinzugezogen“, sagte Stadtsprecher Nils Heinichen. (mg) Fair und unabhängig informiert, was in NRW und Deutschland passiert – hier unseren kostenlosen 24RHEIN-Newsletter abonnieren.

Rubriklistenbild: © Neuland Hambach / bgmr Landschaftsarchitekten

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