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Die Weststraße in der Hammer Innenstadt hat einen neuen Tiefpunkt erreicht. Die zentrale Lage befindet sich weiter auf Talfahrt – von pulsierendem Leben zu wachsenden Leerständen.
Hamm - Der westliche Teil der Weststraße, einst zentraler Einkaufsbereich, hat einen nie dagewesenen Tiefpunkt erreicht. Der sogenannte Trading-Down-Effekt, das Schreckgespenst jeder Innenstadt, hat sich zwischen Westentor und Nordstraße längst häuslich niedergelassen.
Mit der Schließung von Grüter & Schimpff im Dezember hat dieser Teil der Weststraße einen ihrer wenigen, langjährigen Ankerpunkte verloren. Jüngste Neuansiedlungen sind ein Süßigkeiten-Outlet und ein Waffenladen in Sichtweite der Waffenverbotszone. Ein Aufbäumen dagegen ist nirgends wahrnehmbar.
Weststraße in der Hammer Innenstadt: Weniger hochwertiger Einzelhandel
„Trading Down“ (abwirtschaften) bedeutet den Abwärtstrend einer zentralen Lage von Vollsortiment und pulsierendem Leben zu wachsenden Leerständen und ausbleibender Kundschaft. Hohe Fluktuation kann ein Hinweis auf eine prekäre Situation sein, ebenso der Geschäftsbesatz an sich.
In der westlichen Weststraße grüßen aufblasbare Winkemännchen, die zum Essen einladen, Schilder, die vor Waffengeschäften mit „Knaller-Preisen“ werben, palettenweise Süßigkeiten auf 400 Quadratmeter Fläche, Gummi-Hände mit Kunst-Nägeln oder verbretterte ehemalige Imbissstandorte. Hochwertiger Einzelhandel hat Billiganbietern mehr und mehr das Feld überlassen. Vieles, was im Internet nicht zu bekommen ist, wird hier angeboten: zum Beispiel Haarschnitte und künstliche Fingernägel.
Weststraße in Hamm: Interessengemeinschaft will Talfahrt mit Aktionen bremsen
Identitätsstiftende Aktionen der Wirtschaftsförderung wie Schaufensterwettbewerbe stießen in diesem Bereich der Innenstadt im Handel auf geringe Resonanz. Die Interessengemeinschaft Weststraße „mittendrin“ als Zusammenschluss einiger Händler, Dienstleister und Eigentümer versucht seit 2019 die Talfahrt mit regelmäßigen Aktionen zu bremsen und der Einkaufsstraße ein freundliches Gesicht zu geben.
Die Erosion von Handelsstandorten ist vielschichtig und nicht monokausal. Neben konkurrierendem Online-Handel spielen lokale Entwicklungen wie komplizierte Vermieterstrukturen oder eine vergleichsweise geringe Kaufkraft maßgebliche Rollen. Eine Bestandsaufnahme:
Bestandsaufnahme Weststraße: Bestand und Leerstand
45 Ladenlokale unterschiedlichster Größe gibt es in der westlichen Weststraße. Fünf davon stehen leer, darunter das ehemalige Grüter & Schimpff-Gebäude mit circa 2100 Quadratmeter Fläche (zum Vergleich: Saturn im Allee-Center hat rund 2500 Quadratmeter). Darüber hinaus zwei Immobilien nach Brandstiftung mit laufenden Ermittlungen (siehe Infokasten), ein Braut- und Abendgarderobegeschäft (samt Inventar) und eine kleine Einheit neben der ehemaligen Mayerschen Buchhandlung.
Staatsanwaltschaft ermittelt
Zweimal hat es 2024 in der Weststraße gebrannt: am 19. April im Imbiss „Damas Rose“ (Hausnummer 37a; vormals Eduscho und Schanzenbach) sowie zuvor am 11. Februar im Gewürz- und Süßwarenhandel „Artuklu Yemen“ (Weststraße 46). Staatsanwaltschaft und Polizei ermitteln in beiden Fällen, im ersten unter anderem wegen versuchten Mordes. Beide Ladenlokale sind nicht wieder in Betrieb genommen worden. Sie seien aber nicht beschlagnahmt, teilte die zuständige Staatsanwältin auf Nachfrage mit. Untersucht werde unter anderem, ob es einen Zusammenhang zwischen den Taten gibt.
Bestandsaufnahme Weststraße: Branchenmix
Top-Branchen: 4 Friseure, 4 Nagel- und Beautystudios, 4 Telefonie-Anbieter, 3 Optiker, 2 Schmuckhändler, 2 Gastronomiebetriebe, 2 Galerien, 6 Modegeschäfte unterschiedlicher Qualitätslevels. Dazu kommen unter anderem ein 1-Euro-Shop, Bubble-Tea-Laden, Waffengeschäft, Reformhaus, Teeladen, Schlüsseldienst und Schuhreparatur, eine bundesweite Drogeriekette, ein Lederwaren- und Kofferfachgeschäft und eine Parfümerie.
Bestandsaufnahme Weststraße: 1-A-Lage oder doch nicht?
Die westliche Weststraße galt lange als Top-Lage – auch in Sachen Mieten. Eine allgemeingültige Formel dazu gibt es nicht. Ob A- oder B-Lage ergibt sich aus dem Marktgeschehen. Dazu tragen viele Faktoren bei: Mieter, Passantenfrequenz, Ankerpunkte (mit entscheidend für die Frequenz), öffentlicher Raum, Gastronomie und Aufenthaltsqualität. Die stadtgeografische Lage allein reicht aber nicht.
Bestandsaufnahme Weststraße: Steuerungsmöglichkeiten
Idealerweise schließen Vermieter nachhaltige Mietverhältnisse ab. Grundsätzlich hat eine Stadt begrenzte Möglichkeiten, einzuschreiten. Ausnahme: Es handelt sich um eigene Immobilien, wie die ehemalige Mayersche Buchhandlung. Das Objekt soll umgebaut werden und ist durch Zwischennutzungen bespielt. Bei von Land und Stadt gesponserten Vermietungen zur Leerstandvermeidung kann eine Kommune ferner entscheiden, ob das Konzept eines Bewerbers überzeugend ist und dieser zum Zuge kommt.
Erst in der vergangenen Woche wurde bekannt: Das Reformhaus Northoff in der Weststraße muss schließen. Die seit der Corona-Pandemie zurückgegangene Kaufkraft zwingt den Betreiber zur Aufgabe.
