VonSascha-Nikolai Paschedagschließen
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Bergkamen hat bei der Wahl ein „blaues“ Wunder erlebt. In einem Bezirk erreichte die AfD 49 Prozent der Erststimmen, in der gesamten Stadt lag sie bei 23 Prozent. Ein Besuch.
Bergkamen – Gelsenkirchen hat es in die Schlagzeilen geschafft. In der Ruhrgebietsstadt erreichte die in Teilen als rechtsextremistisch eingestufte AfD bei der Bundestagswahl 24,7 Prozent der Zweitstimmen und landete damit knapp vor der SPD auf Platz eins. Doch es gibt noch viel mehr Orte im Ruhrgebiet, an denen sich die politische Farbe von Rot ins Blau verliert. In manchen Wahlbezirken in Nordrhein-Westfalens Industrieregion hat am Sonntag fast jeder Zweite sein Kreuz bei der AfD gemacht. Zum Beispiel in Bergkamen.
„In NRW auf dem Weg zur Volkspartei“ – AfD erreicht 49 Prozent in Bergkamen
Hinter dem Wahlbezirk mit der Nummer 1223 steckt das Gebiet rund ums Rathaus in Bergkamen. Dort holte die AfD bei den Zweitstimmen 46,67 Prozent, bei den Erststimmen sogar 49,24 Prozent. Am Tag danach ist die Wahl Thema an der „Knolle 82“. So heißt der Imbissstand auf dem Platz der Partnerstädte vor dem Rathaus. Hier gibt es neben Pommes und Kaffee natürlich auch Currywurst. Eine solche holt sich heute auch Christine Busch. Sie ist Erste Beigeordnete der knapp 50.000 Einwohner starken Stadt, in der die AfD auf 23,3 Prozent kommt. Ihre Gemütslage angesichts des AfD-Erfolgs beschreibt die Sozialdemokratin mit „erschüttert“.
Busch vermisst aus Sicht der SPD das „klassische Wählerpotential der Bergleute“, die sich für die Gesellschaft engagiert und zusammengestanden haben. Bergkamen war früher eine bedeutende Bergbaustadt. In den 1980/90er Jahren galt die Stadt aufgrund der hohen Fördermenge als größte Bergbaustadt Europas. Doch heute liegt der Arbeitslosenanteil um die zehn Prozent. Die Stadt gehört zu den einkommensschwächsten Gemeinden in Nordrhein-Westfalen. In der Tabelle des verfügbaren Einkommens der privaten Haushalte rangierte Bergkamen unter allen Kommunen in NRW 2022 auf Platz 388. Letzter war – richtig geraten – auf Platz 396 Gelsenkirchen.
Besuch in Bergkamen: Suche nach Ursachen des AfD-Erfolgs
Warum ist die AfD hier so stark? Busch spricht von einer „Überbetonung des Themas Migration“. Man lebe hier doch gut und friedlich zusammen. Allerdings räumt sie ein, dass an den Schulen ein brennendes Thema für viele Menschen sicht- und erlebbar wird: mangelnde Bildungsgerechtigkeit. „Ich würde mein Kind am liebsten privat unterrichten lassen“, sagt eine andere Frau, deren Tochter eine Realschule besucht. Sie fühle sich nicht mehr so sicher wie früher. Weder in der Schule noch grundsätzlich. Friedrich Merz habe sie nicht gewählt – aus Angst vor Krieg. Der Kanzlerkandidat der Union will die Ukraine militärisch stärker unterstützen. Die Zustimmung zur AfD sei heftig.
Verluste für die SPD
Die SPD holte am Sonntag 26,7 Prozent der Zweitstimmen in Bergkamen. Im September 2021 gaben noch 41,5 Prozent der Wähler in der Stadt ihre Zweitstimme für die SPD ab und nicht – wie fälschlicherweise in der Grafik in unserer Montagsausgabe dargestellt – 23,5 Prozent. Die Länge des Balkens entspricht allerdings der tatsächlichen Auszählung. Damit liegt der Verlust der Sozialdemokraten bei 14,8 Prozent. Bei den Erststimmen verlor Bundestagskandidat Oliver Kaczmarek mit 33,8 Prozent nun 12,4 Prozent gegenüber der Wahl 2021. Damals bekam er 46,2 Prozent der abgegebenen Erststimmen in Bergkamen.
Eine Frau, die aus einer nahen Apotheke kommt, sagt, dass sie sich nachts nicht mehr auf die Straße traue. Bergkamen habe sich verändert. Was sie auch stört, ist, dass viele der Empfänger von staatlichen Leistungen genau wüssten, wie sie wo Geld herbekommen. Die SPD hat in ihrer früheren Herzkammer, dem Ruhrgebiet, neben der Sicherheit offenbar auch das Thema soziale Gerechtigkeit verschlafen.
„Mir wäre lieber ein Sieg der SPD gewesen, das ist doch die Partei, die für uns da war.“ Seit mehr als 30 Jahren lebt der Kosovare, den wir an der Bushaltestelle treffen, in Deutschland. Jetzt hat er den Doppelpass beantragt. „Aber das dauert ein Jahr.“ Wählen konnte er am Sonntag nicht. Er befürchtet, dass die CDU doch noch mit der AfD regieren könnte. Davor habe er Angst. Warum? „Ich bin Südländer.“
„Es ändert sich eh nix“: Menschen fühlen sich abgehängt
An der Pommesbude hört man andere Stimmen. „Die AfD ist demokratisch gewählt. Die sitzen im Bundestag, da kann man die doch nicht komplett rauslassen.“ Merz habe recht damit, dass Entscheidungen nicht falsch werden, nur weil es die Falschen für richtig halten. Die Frage sei nicht, warum die AfD so stark, sondern beispielsweise die Grünen so schwach seien. Die Antwort gibt der Mann aus Bergkamen selbst: „Die sind aus Atom und Kohle ausgestiegen, ohne eine Alternative zu haben.“
Das Bild der Stadtmitte in Bergkamen wird geprägt von der riesigen Trümmerlandschaft eines abgerissenen Gebäudekomplexes. Passend zu dieser Tristesse klingt diese Aussage einen Tag nach der Wahl: „Ob Scholz oder Merz, es ändert sich eh nix.“ Wie in Gelsenkirchen fühlen sich hier viele Menschen abgehängt. Martin Vincentz, Sprecher der AfD-NRW, spricht angesichts des Ergebnisses in Gelsenkirchen von einem „historischen Triumph“ und bereits von der „ehemaligen Herzkammer der Sozialdemokratie“. Die AfD habe sich auch im Westen mehr und mehr etabliert. „Wir sind auch in NRW auf dem Weg zur Volkspartei.“
Wählerwanderungen in NRW
Die AfD konnte in NRW ihr Bundestagswahlergebnis im Vergleich zu 2021 mit 16,8 Prozent (+9,6) mehr als verdoppeln. Die SPD ist auf 20,0 (-9,1) Prozentpunkte abgestürzt. Zwar holten die Sozialdemokraten in Städten wie Bochum oder Dortmund noch den Wahlsieg ein, in jedem Wahlkreis in NRW musste sie aber Verluste hinnehmen. Die AfD konnte ihr Ergebnis durchgehend verbessern, teils um bis zu 12,6 Prozent. Nach Daten von infratest dimap drängt die AfD immer weiter vor in Wählermilieus, die vorher von den Sozialdemokraten bespielt wurden. Unter den Arbeitern wurde sie mit 34 Prozent stärkste Kraft, die SPD kam nur noch auf 20 Prozent. Aus den Daten geht hervor, dass mit steigender Bildung die AfD weniger gewählt wird, zudem wurde die AfD in der einkommensschwachen Bevölkerung mit 33 Prozent stärkste Kraft. Die SPD kam hier auf 16 Prozent – hinter der CDU mit 19 Prozent. Eine geringe Wahlbeteiligung sorgte auch für einen prozentual höheren Stimmanteil der AfD.
Die SPD hat bei der Bundestagswahl im Kreis Unna einen knappen Sieg errungen. SPD-Kandidat Oliver Kaczmarek konnte sich gegen seinen CDU-Kontrahenten Dr. Tilman Rademacher durchsetzen.
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