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Markus Hannekenschließen
Rund 40 Millionen Euro hat der Aus- und Umbau der Lippeauen zum „Erlebensraum Lippeaue“ verschlungen. Viele Hammer sehen nicht, wo das Geld geblieben ist, andere erfreuen sich an dem riesigen neuen Umweltparadies. Aktuelle Meinungen unserer Leser.
Hamm - Nach viereinhalb Jahren Bauzeit und weiteren knapp drei Jahren Planung ist seit dem 17. Juni 2023 der „Erlebensraum Lippeaue“ offiziell freigegeben. Mitten in Hamm wurde in dieser Zeit ein rund fünf Kilometer breites Umweltschutzprojekt umgesetzt. Belebter Blickpunkt der Besucher soll vor allem der so genannte Auenpark sein - ein Teilstück zwischen der Münsterstraße und der Kläranlage Mattenbecke mit einem Mehrwert an Aufenthaltsqualität, verglichen mit den deutlich ruhigeren anderen Bereichen. War während der Bauphase noch gespanntes Abwarten zu spüren, so scheiden sich am Gesamtprojekt nach seiner Freigabe die Gemüter. (Planung, Kosten, Verantwortung? Hier klicken!)
Vor allem in den sozialen Medien, aber auch vor Ort, per Mail und unter unseren Artikeln machen sich hunderte Besucher und Beobachter Luft. Eine lebhafte Pro-und-Contra-Diskussion findet statt - längst nicht nur mit dem Holzhammer, sondern durchaus auch konstruktiv-kritisch. Auffällig im Fokus stehen Fragen nach dem Verbleib des vielen Gelds im Großen sowie nach Mülleimern und Toiletten im Kleinen. Manch ein Kommentar erinnert zudem daran, dass der Erlebensraum (nicht „Erlebnisraum“, wie oft formuliert!) ja bereits unter dem früheren Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann als ökologischere Alternative zur gescheiterten Lippesee-Idee angegangen worden war...
Weitgehend zustimmend verhielten sich die Besucher, als der WA vor wenigen Tagen vor Ort nach Eindrücken fragte.
Erlebensraum Lippeaue in Hamm: „Eine richtige Ruheoase“
„Wir waren neugierig, wie es nach dem Umbau aussieht, und uns gefällt es sehr gut hier. Zuvor gab es kaum Sitzgelegenheiten, das ist jetzt wesentlich besser geworden“, sagte Elke Kasper, die mit ihrem Mann eine Fahrradtour machte und im Auenpark eine Pause eingelegt hatte. „Der Ausblick ist toll, eine richtige Ruheoase, es hat uns überrascht, was Hamm zu bieten hat, man hört wenig vom Lärm der Stadt“, ergänzt Manfred Kasper.
Auch das Ehepaar Hofmeister fand, dass die Umgestaltung sehr gut gelungen sei und der Park einen tollen Ort zum Abschalten biete. Allerdings kritisierten sie, dass in einem Abschnitt der Weg sehr schmal sei, sodass man mit dem Fahrrad die Fußgänger nicht gut überholen könne.
Extra aus Dortmund angereist waren Sascha und Yvonne Siegel - aber nicht zum Spazieren, sondern um Discgolf zu spielen. Besonders der weitläufige Ausblick zum Flugplatz gefalle ihnen sehr. Der Erlebensraum biete neben viel Natur nämlich auch ein vielfältiges Sportangebot, wie Outdoor-Fitnessgeräte. „Die Discgolf-Anlage in Hamm ist ideal geeignet für Anfänger. Es besteht keine direkte Gefahr, Passanten zu verletzen, da die Anlage weit genug vom Gehweg entfernt ist. Auch die Atmosphäre ist sehr angenehm, da alles offen und grün ist“, sagt Sascha Siegel, der seit vielen Jahren Discgolf spielt.
Ein Problem sehen sie jedoch. „Die Fläche bietet keinerlei Schatten, das ist insbesondere bei starkem Sonnenschein schwierig“, ergänzte Yvonne Siegel. Bis die neu gepflanzten Bäume groß genug sind, um Schatten zu spenden, wird es noch einige Jahre dauern. Der „Erlebensraum Lippeaue“ hat den Dortmundern dennoch sehr gefallen. Die Gegend mache neugierig, und irgendwann möchten sie eine größere Fahrradtour zum Auenpark machen.
Erlebensraum Lippeaue in Hamm: Sportbox für Discgolf?
Apropos Discgolf: „Vor ein paar Wochen habe ich in einer anderen Stadt die Sportbox kennengelernt“, schreibt Nadina R. per Mail an unsere Redaktion. „Dieses Angebot sollte es auch in Hamm geben dachte ich. Insbesondere wenn es darum geht, das neue Angebot Discgolf zu nutzen, wäre es doch sehr praktisch!“ Tatsächlich werden in Hamm inzwischen solche Sportboxen aufgestellt - bislang ist der Erlebensraum davon aber offenbar ausgenommen.
Den oben genannten Gedanken fehlenden Schattens greifen auch andere Besucher auf. So schreibt Peggy Hünninghaus auf der WA-Facebookseite: „An den Bänken fehlen Bäume, das man im Sommer vielleicht auch im Schatten sitzen kann. Denn nicht jeder verträgt die heiße Sonne. (...) Ansonsten bin ich der Meinung, dass alles so bleiben soll und dafür vielleicht ein Spielplatz hin kommt und ganz viele Bäume.“
Sonja Wohlleben kann mit der Dauernörgelei mancher Hammer nichts anfangen. „Mecker, mecker, mecker, typisch für unsere Stadt“, findet sie auf Facebook. Und ergänzt ihre Meinung sehr deutlich: „Wir finden, es ist toll geworden, und wenn man mal mit Spaziergängern ins Gespräch kommt, finden die es auch toll. Ist vielleicht eher was für die ältere Generation, man sieht dort öfter ältere Menschen auf den Bänken sitzen, und dann beobachten diese mit dem Fernglas die Natur. (...) Muss doch nicht immer Party, Saufen oder Essen sein.
Erlebensraum Lippeaue in Hamm: „Ist kein Phantasialand“
„Das ist, wie der Name schon sagt, eine Aue und kein Phantasialand“, pflichtet Bärbel Flamme-Planke ihr bei. „Und wer nicht weiß, was eine Aue ist: einfach mal googeln. Ich finde es prima gemacht.“
Auch Sabine Stalljohann findet es „sehr schön dort“. Sie mag „die ganzen Verbindungsrouten“ und findet es „schade, dass wieder darin rumgeschmiert wird. Schade, dass die Leute nicht verstehen was der Sinn gewesen ist. Es ist keine Partyzone.“
Der Aspekte fehlender Mülleimer beschäftigt auch jene, die den Erlebensraum prinzipiell gut finden. „Mülleimer, es fehlen Mülleimer. Ansonsten find ich es toll!“, sagt Danny Würfel auf Facebook. Und fast wortgleich formuliert Sandra Wutzke: „Ich finde es jetzt nicht schlecht, aber es fehlen Mülleimer.“
„Kann ja sein, dass der ein oder andere Mülleimer fehlt“, meint Elke Haarmann in derselben Diskussion. „Aber was spricht dagegen, den eigenen Müll wieder mit nach Hause zu nehmen?“ Und Stefan Salewski ergänzt noch deutlicher: „Mir gefällt er (der Erlebensraum), Lampen und Toiletten brauchen wir nicht.“
Erlebensraum Lippeaue in Hamm: „Nicht sehr einladend“
Zahlreiche Zweifler und Kritiker halten die positiven Statements für „Schönrederei“. So schreibt „Maxi“ auf unserer Homepage: „Manchmal frag ich mich, ehrlich was die Stadtplaner in Hamm zu sich nehmen. Und dieses zwanghafte Schönreden ewig.“
Birgit Stellmacher findet den Projektraum „fürchterlich kahl und nicht besonders einladend gestaltet. Wo ist das viele Geld geblieben, nicht einmal ausreichend Bäume gepflanzt bzw. die gibt‘s auch schon größer in jeder Landschaftsgärtnerei. Das wird keine Besucher anlocken“, schreibt sie per Mail. „Für mich ein Flop.“
Auf Facebook berichtet Julia Schlömpel von ihrem enttäuschenden Familienbesuch: „Wir sind da letzte Woche mit 2 Kindern (7 und 4) hingelaufen und waren einfach nur enttäuscht. (...) Was haben wir vorgefunden: Steppe so weit das Auge gucken kann. Kein Schatten, kein Spielgerät, nichts. Was soll ich denn in diesem Erlebnisraum erleben? Ich brauche keine Dauerbeschäftigung für die Kinder. Wir gehen auch gern einfach so in den Wald. Etwas Schatten wäre nötig und was zum angucken, außer Steppengras. Wir sind dann zum Spielplatz am Allee-Center zurück gelaufen.
Erlebensraum Lippeaue in Hamm: „Beton und Wildwuchs“
David Roggosch ist auch durch den Erlebensraum geradelt. „Das einzige Gute ist der Weg, der von der Fährstraße zur Münsterstraße neu gemacht wurde“, schreibt er bei Facebook. „Ein paar neue Bänke hätten es auch getan. Im Grunde hätte alles so bleiben können.“
Ganz ähnlich, aber ausführlicher ereifert sich Sascha Wie auf unserer Facebookseite: „Etwas derart Halbherziges/Unpassendes hab ich bislang noch nicht gesehen: Diese Kontraste (weitreichende Künstlichkeit und Beton) und kein Einklang (mit dem Grün einer Auenlandschaft). Betrete ich diesen „Park“, werde ich direkt durch dieses massive, klobige und emotionslose Betonplateau abgestoßen. Ich mag ja Blühstreifen oder viel lieber wilde Wiesen als Insektenparadies. Aber das da in diesem Park mit diesem Discgolf, der Singleschaukel (!) mit dem Wildwuchs drumherum… Das passt nicht! Entweder oder und nicht „und“ das mit den Mülltonnen, wenn man von der Fährstraße aus startet… ohne Worte.“
Erlebensraum Lippeaue in Hamm: „Mülltonnen fehlen“
Überhaupt fehlende Mülltonnen...: Dieser Kritikpunkt zieht sich wie ein roter Faden durch die Meinungsflut. Stellvertretend hier der Kommentar von Christel Wenge auf Facebook: „Kein Grün und Bäume, für Kinder keine Spielgeräte, Sitzplätze und Mülleimer fehlen auch, lädt nicht zum Verweilen ein, das Geld hätte man besser ausgeben können.“
Einen Blick in die politische Historie der Örtlichkeit wagt derweil Stefan Müller. Er fragt sich auf Facebook, „wie hoch die Schnittmenge derer ist, die über fehlende Gastronomie jammern und die damals gegen den (Lippe-)See gestimmt haben… Eine Stadt bekommt immer das, was sie verdient.“
Bianca Schlieper steckt den Erlebensraum in die Schublade mit der Aufschrift „Steuerverschwendung“ und hofft auf einen Fernsehbericht: „Endlich hat der Mario Barth wieder einen Grund nach Hamm zu kommen“, findet sie bei Facebook. „Wieder Millionen an Euros vergeudet.. Aber der OB findet das ja vooooooll gut.“ Wer sich nicht erinnert: Der Comedian hatte in seinem „...deckt-auf“-Format auf RTL in den Jahren 2015 und 2020 die problembehafteten Lippebrücken aufs Korn genommen.
Planung, Kosten, Verantwortung
Die Arbeiten im insgesamt dreiteiligen Umweltprojekt-Gebiet „Erlebensraum Lippeaue“ (ein Wortspiel aus Lebensraum und Erleben) begannen Anfang 2019. Verantwortlich sind beziehungsweise waren in enger Abstimmung die Stadt Hamm und der Lippeverband. Ursprünglich war die Fertigstellung bis Ende 2022 erwartet worden. Unter anderem die Corona-Problematik verhinderte das.
Insgesamt stand laut Pressestelle der Stadt Hamm ein Projektbudget von rund 40 Millionen Euro zur Verfügung. Der Großteil – rund 32,7 Millionen Euro – werde durch das Land NRW über das Programm Lebendige Lippe zur Umsetzung der Europäischen Wasserrahmen-Richtlinie finanziert. 7,4 Millionen Euro kämen aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und vom Land NRW sowie einem Eigenanteil der Stadt Hamm in Höhe von 10 Prozent der EFRE-Summe. Weit im Vorfeld des Baubeginns waren die Projektveranwortlichen von „bis zu“ 20 Millionen ausgegangen.
Während der Bauphase wechselten sowohl die politische Verantwortung (von CDU-Hunsteger-Petermann zu SPD-Herter im Herbst 2020) als auch die planenden Köpfe im städtischen Umweltamt. Insgesamt zieht sich das 15 Hektar große Erlebensraum-Gebiet von der Fährstraße bis zur Radbodstraße; der Auenpark ist somit nur ein kleiner Teil des Ganzen.
Rubriklistenbild: © Markus Hanneken








