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Krisen, Kosten, Vandalismus: Von den anfangs gesteckten Zielen ist das CreativRevier in Hamm noch weit entfernt. Was ist los? Warum ist das so? Eine Analyse.
Hamm – Bis zu 1000 Arbeitsplätze, jährlich rund eine Million Besucher und zwei Millionen Euro Steuereinnahmen für die Stadt: Das waren Anfang 2020 die Prognosen für das CreativRevier Heinrich Robert. Jetzt, dreieinhalb Jahre später, ist man davon noch ein gutes Stück entfernt. Die Gründe dafür sind vielschichtig und haben nicht nur mit Corona und der Energiekrise zu tun. Auch die Politik fragt sich mittlerweile, ob die Ziele tatsächlich eingehalten werden können. Eine Bestandsaufnahme. (Einen Kommentar finden Sie unten in diesem Artikel.)
Die großen Krisen
Anfang 2020 lief es richtig gut für Gebäudeeigentümer Jürgen Tempelmann. Die Verträge für die Vermietung von 5 000 Quadratmeter Fläche im Direktionsgebäude und in der Lohnhalle lagen vor und mussten nur noch unterschrieben werden. Doch dann kam im März der Corona-Schock und bremste alle Aktivitäten aus. Kaum war diese Krise halbwegs überstanden und Investoren wieder gesprächsbereit, der nächste Schock: der Ukraine-Krieg und die daraus resultierende Energie-Krise.
Die Kosten im Gastrobereich
Vor allem die für die Bespielung des CreativReviers so wichtigen Gastronomie-Betriebe seien bei Investitionen zurückhaltend, weiß Tempelmann, der zusammen mit einem Geschäftspartner selbst mehrere Restaurants im Ruhrgebiet betreibt.
Und die Sorgen werden nicht kleiner: Nach wiederholter Verlängerung soll der Mehrwertsteuersatz in der Gastronomie ab Januar 2024 wieder von 7 auf die ursprünglichen 19 Prozent steigen. Das würde die ohnehin schon schwierige Situation für Gastronomen weiter erschweren. „Und sie werden es sich zweimal überlegen, ob sie in neue Standorte investieren.“
Die Sache mit der Bergaufsicht
Insgesamt aber haben, und das ist die gute Nachricht, die Anfragen von potenziellen Investoren und Mietern laut Tempelmann wieder zugenommen. Also ein Grund zur Freude? Nur bedingt. Denn Tempelmann kann vielen von ihnen nicht verbindlich sagen, wann Gebäude und angrenzende Flächen zur Verfügung stehen. Ein Großteil, darunter der Hammerkopfturm und die Maschinenzentrale, befindet sich nämlich noch unter Bergaufsicht. Oder andersherum ausgedrückt: Als Eigentümerin hat die RAG Montan Immobilien (RAG MI) „den Daumen drauf“. Hier bittet Tempelmann, in dessen Eigentum die Gebäude laut Vertrag eigentlich schon 2022 übergehen sollten, um mehr Tempo.
Um Investoren und Banken eine Perspektive aufzeigen zu können, bräuchte er die Gebäude und Grundstücke bis Ende 2025 – spätestens. Die RAG MI ist hingegen weniger konkret. Sie spricht davon, dass die Entlassung aus der Bergaufsicht für verschiedene Teilflächen zu unterschiedlichen Zeiten geplant ist. „Die Zeiträume reichen überwiegend von Ende 2024 bis Ende 2027. Teilbereiche sollen aber vorgezogen entlassen werden.“
Und genau das erhofft sich Tempelmann für seinen Teil des Areals. Und vor allem: „Ich brauche es verbindlich.“ Aktuell befände er sich in guten Gesprächen mit der RAG MI. Man habe ihm signalisiert, dass das künftige Gewerbegebiet im Norden, das er temporär als Parkplatz nutzen will, und die Maschinenzentrale Mitte 2024 in seinen Besitz übergehen. Dann könne er endlich handeln.
Fehlende Voraussetzungen
Tempelmanns Aussagen bestätigt übrigens auch die Stadt. In einer Stellungnahme auf eine aktuelle Anfrage der CDU-Ratsfraktion ist unter anderem zu lesen, dass die „noch nicht erfolgte Entlassung aus der Bergaufsicht ein Vermarktungshindernis ist“. So seien zum Beispiel Erschließungswege und Parkplätze noch nicht zu definieren, aber für die Vermarktung Voraussetzung.
Zustand „dramatisch verschlechtert“
Doch Tempelmann hat mit Blick auf Gebäude wie den Hammerkopfturm, das Grubenmagazin und die Maschinenzentrale noch andere Sorgen. Durch den langen Leerstand und Vandalismusschäden hat sich deren Zustand in den letzten Jahren teilweise „dramatisch verschlechtert“. Besonders deutlich wird das an der Maschinenzentrale.
Dabei hätte die RAG genug Zeit gehabt, das Gebäude zu sanieren: Im November 2020 hatte der hiesige SPD-Bundestagsabgeordnete Michael Thews den Verantwortlichen die gute Nachricht überbracht, dass der Bund die dringend erforderliche Instandsetzung der Maschinenzentrale – insbesondere des undichten Dachs – mit 1,6 Millionen Euro fördert. „Das Geld stammt aus Zuschüssen für investive Kulturmaßnahmen bei Einrichtungen im Inland“, so Thews damals.
Wohin mit dem Boden?
Südlich der Maschinenzentrale, an der Kamener Straße gelegen, befindet der sich ein weiterer Bereich, der Tempelmann Sorgen bereitet. Zusammen mit der Firma TenBrinke will er hier ein Einzelhandelszentrum entwickeln, für das auch schon konkrete Anfragen – darunter Lidl – vorliegen. Als erste Baumaßnahme müssten rund 40.000 Kubikmeter Boden abgetragen werden. Es bietet sich natürlich an, diese Massen auf dem nur wenige Meter entfernten Landschaftsbauwerk abzukippen. Das Problem: Tempelmann fehlt nach eigenen Aussagen bisher die schriftliche Zusage der RAG MI, dass er das machen darf – weil sie befürchtet, dass der Platz dann für ihren Bodenaushub nicht ausreicht.
Die einfachste Lösung wäre, so Tempelmann, das Landschaftsbauwerk um ein bis zwei Meter zu erhöhen und so mehr Platz zu schaffen. Hier hoffe er auf Unterstützung durch die Stadt. „Nicht in Frage“ kommt es für die Investoren, den Bodenaushub quer durch die Stadt zu anderen Lagermöglichkeiten zu fahren. Das sei nicht nur kostspielig, sondern ökologisch und ökonomisch auch niemandem zu vermitteln.
Tempelmann hofft, dass in dieser Frage und bei den Gebäuden/Grundstücken zeitnah der Knoten durchschlagen werden kann. Auf Probleme sei er seinerzeit auch im CreativQuartier Fürst Leopold in Dorsten gestoßen – jedoch mit vertauschten Rollen. „Dort lief es mit der RAG MI gut.“ Stadt und Politik seien den Plänen gegenüber hingegen skeptisch gewesen.
Vertragsentwürfe in Warteschleife
Ein „wichtiger Schritt“ in der Entwicklung des CreativReviers war übrigens das „Ja“ des Rates zu den vier Bebauungsplänen. Rechtskraft haben sie aber noch nicht erlangt. In ihrer Stellungnahme zur CDU-Anfrage verweist die Verwaltung darauf, dass für die Realisierung der Planungen städtebauliche Verträge zur Sicherstellung der festgesetzten Ziele zur Förderung sozialen Wohnungsbaus, zum Waldausgleich und zur Durchführung von Vermeidungs-, Verminderungs- und Ausgleichsmaßnahmen erforderlich seien.
Entsprechende Vertragsentwürfe befänden sich in der Abstimmung zwischen den jeweiligen Vorhabenträgern und der Stadtverwaltung. „Die Rechtskraft darf durch Bekanntmachung erst nach Unterzeichnung der vorgenannten städtebaulichen Verträge hergestellt werden.“
Kommentar: Etwas mehr Tempo, bitte!
Um mehr Tempo in die Entwicklung des CreativReviers Heinrich Robert zu bekommen, sind jetzt vor allem die Spitzen der Stadt Hamm und der RAG gefordert – und nicht mehr nur die Sachbearbeiter.
Auf der einen Seite ist da Hamms Oberbürgermeister Marc Herter. Er ist nicht nur ein großer Befürworter des CreativReviers. Auf dem Pelkumer Stadtbezirksempfang im Mai hatte er öffentlich erklärt, dass man dahingehend auf die RAG Montan Immobilien einwirken will, dass sie das „Abschlussbetriebsplanverfahren für weitere Bereiche des Geländes beschleunigt“. Direkte Ansprechpartner müssen für ihn daher der in Hamm lebende RAG-Chef Peter Schrimpf und Michael Kalthoff, Geschäftsführer der RAG MI, sein.
Die sollte übrigens ein ernsthaftes Interesse daran haben, Investor Jürgen Tempelmann bei der Stange zu halten. Ein Rückzug von ihm wäre nicht nur ein GAU für die Stadt Hamm, sondern auch für das Unternehmen selbst. Denn dann hätte die RAG die Torte auf dem Auge – sprich die unter Denkmalschutz stehenden Gebäude, die man nicht mal so eben verfallen oder abreißen lassen darf.
Stefan Gehre
Als Ausflugs-Highlight entpuppte sich erst am Sonntag, 1. Oktober, die Kombination aus US-Autoschau und Elvis-Ausstellung im CreativrRevier. Der Traum eines Elvis-Museums in Hamm ist aber wohl geplatzt.